Als Berthold Huber das kleine Apartment im Leipziger Hotel "Astoria" neben dem Bahnhof bezieht, fühlt er sich ein bisschen verloren. Aber das hat er sich selbst eingebrockt. Es läuft das Jahr 1990 und seine IG Metall hatte eigentlich vorgehabt, die Mitglieder der DDR-Schwesterorganisation einfach so zu übernehmen – ein Handstreich, der in den Wendezeiten üblich war. Der junge Funktionär Huber sah das anders. Eine freie Gewerkschaft brauche einen freien Eintritt, ließ er die Führung wissen. Na, dann geh halt nach drüben und gründe Büros, schlug die ihm vor.

Das tut er prompt. So erlernt Huber in der realkapitalistischen Wiedervereinigung das Berufsbild des Pragmatikers, der um betriebliche Interessen und Arbeitsplätze gleichermaßen ringt. Diese Zeit sei seine "letzte Menschwerdung" gewesen, sagt er. "Ich habe mir damals geschworen: Du wirst dich nie opportunistisch verhalten."

Heute ist Berthold Huber (69) der Beweis dafür, dass Nonkonformisten mehr leisten können als die Masse. Als Vorsitzender (von 2007 bis 2013) hat er die IG Metall modernisiert und politisch salonfähig gemacht. Als Aufsichtsrat übernahm er in der Siemens-Korruptionsaffäre ebenso Verantwortung wie in schweren Zeiten bei VW. Staatsmännisches Format bewies er in der Finanzkrise, die ohne ihn in Deutschland länger und schwerer getobt hätte.

Birgit Steinborn (59), Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Siemens, schätzt "den lieben Berthold" seit Jahren. In ihrer Laudatio anlässlich seiner Aufnahme in die Hall of Fame des manager magazins Ende Mai würdigte sie ihn als Krisenmanager, Visionär, Denker – und Tabubrecher in Serie.

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