Zinswende in Europa 2022 möglich Bundesbankchef Nagel fordert EZB zum Handeln auf

Trotz einer Inflation von mehr als 5 Prozent in Europa hält die EZB bislang an ihrer Nullzinspolitik fest. Bundesbankchef Joachim Nagel warnt die Notenbanker vor einem zu späten Gegensteuern. Wenn sich bis März an der Teuerung nichts ändere, sei es Zeit, die Geldpolitik zu "normalisieren".
Bundesbankchef Joachim Nagel: "Der erste Schritt ist, die Nettoankäufe von Anleihen im Lauf des Jahres 2022 zu beenden. Dann könnten die Zinsen noch in diesem Jahr steigen."

Bundesbankchef Joachim Nagel: "Der erste Schritt ist, die Nettoankäufe von Anleihen im Lauf des Jahres 2022 zu beenden. Dann könnten die Zinsen noch in diesem Jahr steigen."

Foto: Ralph Orlowski / REUTERS

Bundesbankpräsident Joachim Nagel hält angesichts der hochschießenden Inflation eine Zinsanhebung noch in diesem Jahr für möglich. In seinem ersten Interview seit seinem Amtsantritt im Januar plädierte er dafür, dass die Europäische Zentralbank (EZB) rasch gegensteuert. "Wenn sich das Bild bis März nicht ändern sollte, werde ich mich dafür aussprechen, die Geldpolitik zu normalisieren", sagte Nagel in einem am Mittwoch veröffentlichten Gespräch mit der Wochenzeitung "Die Zeit". Zunächst müssten dann die Anleihenkäufe aufhören. "Der erste Schritt ist, die Nettoankäufe von Anleihen im Lauf des Jahres 2022 zu beenden. Dann könnten die Zinsen noch in diesem Jahr steigen."

Nagel warnte davor, zu lange mit der geldpolitischen Normalisierung zu warten: "Nach meiner Einschätzung sind die ökonomischen Kosten deutlich höher, wenn wir zu spät handeln, als wenn wir frühzeitig handeln." Das zeigten auch Erfahrungen aus der Vergangenheit. "Später müssten wir nämlich kräftiger und in höherem Tempo die Zinsen anheben", führte er aus. Die Finanzmärkte reagierten dann mit mehr Volatilität. "Wenn wir zu lange warten und dann massiver handeln müssen, können die Marktschwankungen stärker ausfallen."

EZB prüft Schritte zur Eindämmung der Inflation

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte vergangene Woche nach der jüngsten Zinssitzung ihre frühere Einschätzung nicht mehr wiederholt, wonach eine Zinswende 2022 sehr unwahrscheinlich sei. Die Währungshüter beließen den geldpolitischen Schlüsselsatz auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent. Banken müssen zudem weiterhin Strafzinsen zahlen, wenn sie überschüssige Gelder bei der EZB parken. Der sogenannte Einlagesatz bleibt bei minus 0,5 Prozent. Insidern zufolge wollten einige Währungshüter auf der Sitzung bereits Schritte zur Eindämmung der Inflation einleiten.

An den Börsen waren nach Lagardes Bemerkungen die Zinsspekulationen ins Kraut geschossen. Die EZB-Chefin hatte daraufhin am Montag versucht, die Inflationssorgen etwas zu dämpfen. Es gebe keine Signale, dass sich die Teuerung auf mittlere Sicht hartnäckig und deutlich über der EZB-Zielmarke von zwei Prozent festsetzen werde, was eine nennenswerte Straffung der Geldpolitik erfordern würde, sagte sie bei einer Anhörung vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss des Europaparlaments.

"Reihenfolge möglicher Schritte genau festgelegt"

Im Januar war die Inflation im Euro-Raum auf einen Rekordwert von 5,1 Prozent hochgeschnellt - der höchste Wert seit Beginn der Statistik 1997. Aus Sicht von Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau sollte allerdings nicht vorschnell gefolgert werden, wie der Zeitplan eines EZB-Schrittes aussehen könnte. Die Notenbank werde graduell vorgehen, abhängig von den Umständen und bei jedem Schritt offen sein, hatte er am Freitag gesagt.

Nagel zufolge ist die EZB jetzt gefordert: "Wir werden uns die Daten anschauen, im März kommen die neuen Projektionen für Wachstum und Inflation. Und auf dieser Basis werden wir entscheiden." Die Reihenfolge möglicher Schritte sei genau festlegt. "Erst kommt der Ausstieg aus den Nettokäufen von Anleihen, dann erhöhen wir die Zinsen." Für Deutschland rechneten die Bundesbank-Fachleute inzwischen im Jahresdurchschnitt 2022 mit einer Inflationsrate von deutlich über vier Prozent. In ihrer jüngsten Halbjahresprognose vom Dezember war die deutsche Notenbank noch von einem Anstieg der Lebenshaltungskosten von 3,6 Prozent in diesem Jahr ausgegangen.

la/reuters