Explodierende Weizenpreise Wie der Ukraine-Krieg die weltweite Ernährung bedroht

Die Preise für Weizen, Raps und Mais schießen in die Höhe. Die Ukraine gilt als "Kornkammer Europas", auch Russland exportiert Millionen Tonnen. Die Ernährungssicherheit in manchen Teilen der Welt ist durch den Krieg bedroht. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Die Ukraine ist einer der wichtigsten Getreideexporteure der Welt: Allein in Tunesien droht durch den Ausfall der ukrainischen Exporte bei einigen Getreidesorten eine Verteuerung um etwa ein Viertel

Die Ukraine ist einer der wichtigsten Getreideexporteure der Welt: Allein in Tunesien droht durch den Ausfall der ukrainischen Exporte bei einigen Getreidesorten eine Verteuerung um etwa ein Viertel

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ANATOLII STEPANOV / FAO / AFP

Infolge des Ukraine-Krieges sind die Preise an den Märkten für landwirtschaftliche Rohstoffe und Produkte in den vergangenen Tagen rasant gestiegen. So notierte der Preis für Brotweizen an der Pariser Börse erstmals bei über 400 Euro pro Tonne (Juli 2021: 184 Euro/Tonne). Auch die Preise für Raps und Mais haben sich sprunghaft nach oben entwickelt. Die Preisexplosion und mögliche Folgen für die Ernährungssicherheit in der Welt beschäftigen am Freitag auch die Agrarminister der sieben großen Industrienationen (G7). Lesen Sie zu dem Thema die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Bei welchen Lebensmitteln drohen Engpässe?

Die Organisation Germanwatch warnt vor Engpässen bei der globalen Versorgung mit Getreide und Ölsaaten. Die Ukraine gilt als eine "Kornkammer Europas". In der EU sind einzelne Länder wie Frankreich oder Deutschland zwar ebenfalls große Akteure auf dem internationalen Getreidemarkt, doch die geernteten Mengen in und Exporte aus der Ukraine können die Preise weltweit beeinflussen. Weitere wichtige Agrarexporte aus der Ukraine sind Mais, Raps und Sonnenblumen.

Welche Regionen sind besonders betroffen?

Vor allem in der arabischen Welt und in einigen Ländern Asiens und Afrikas dürfte der Krieg in der Ukraine spürbare Auswirkungen haben. Ägypten, Tunesien, Marokko etwa oder auch Bangladesch importieren große Teile ihres Weizens aus Russland und der Ukraine. Germanwatch warnt daher davor, dass es in ärmeren Ländern zu Hungersnöten und gesellschaftlichen Verwerfungen kommen könnte.

Da die Ukraine "einer der wichtigsten Getreideexporteure der Welt ist, insbesondere für den afrikanischen Kontinent, wird dies die dortige Versorgungssituation spürbar verschlechtern", sagt Handelsforscher Hendrik Mahlkow vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) am Freitag. Handelswege seien gekappt, die Infrastruktur zerstört und alle verbleibenden Produktionskräfte dürften auf eine Kriegswirtschaft ausgerichtet werden. Der Wirtschaftsberater des ukrainischen Präsidenten, Oleg Ustenko, warnt vor einer Hungersnot, sollte der Krieg in der Ukraine andauern. "Uns bleibt maximal eine Woche für die Saat. Wenn der Krieg bis dahin nicht aufhört, dann hat die Welt ein Nahrungsproblem", sagte der Ökonom der "Wirtschaftswoche".

In Tunesien würden die gesamten Weizenimporte dauerhaft um mehr als 15 Prozent zurückgehen, die Importe von übrigem Getreide um fast 25 Prozent. Dort drohe langfristig eine Verteuerung um etwa ein Viertel bei einigen Getreidesorten. Ägypten würde über 17 Prozent weniger Weizen und knapp 19 Prozent weniger sonstiges Getreide Mais oder Hirse importieren können, Südafrika 7 Prozent weniger Weizen und mehr als 16 Prozent weniger sonstiges Getreide. Kamerun, Algerien, Libyen, Äthiopien, Kenia, Uganda, Marokko und Mosambik müssen ebenfalls mit Einbußen rechnen.

Auch die Lage in den ohnehin schon von Krisen und Hunger geplagten Ländern Jemen, Syrien und Libanon wird sich laut Weltbank nun noch einmal deutlich verschärfen. Sie sind ebenfalls dringend auf Weizenimporte aus der Ukraine und Russland angewiesen. Die Welthungerhilfe rechnet mit einer zunehmenden Zahl Hungernder. Indonesiens Präsident Joko Widodo warnte unter anderem vor Lebensmittelknappheit wegen des Kriegs. Allerdings: "Die Ukraine wird mit Abstand am meisten betroffen sein", sagt Agrar-Expertin Verena Laquai vom bundeseigenen Thünen-Institut.

Drohen Hunger-Aufstände und neue Fluchtwellen?

Auf Ernährungsunsicherheit folgt häufig politische Instabilität. Steigende Lebensmittelpreise gelten auch als einer der Auslöser des sogenannten Arabischen Frühlings. Im Irak und der Türkei protestierten in den vergangenen Wochen bereits viele Menschen gegen die Preiserhöhungen für Lebensmittel. Experten halten auch neue Flüchtlingsbewegungen als Folge des zunehmenden Hungers für möglich.

Ist die Ernährungssicherheit in Deutschland bedroht?

Auch in Deutschland wären die Folgen spürbar, wenn auch weit weniger dramatisch, zeigt die IfW-Studie. Westliche Länder sind demnach weit weniger von einem Ausfall der Ukraine als Getreidelieferant betroffen als der afrikanische Kontinent. Denn sie sind nicht so stark auf die Importe angewiesen und können den Ausfall besser kompensieren. Deutschland etwa könnte langfristig 4,8 Prozent weniger sonstiges Getreide importieren, was eine moderate Preissteigerung von rund zwei Prozent zur Folge hätte. Ernährungsminister Cem Özdemir (Grüne) hat schon klargemacht, dass die Lebensmittelversorgung in Deutschland und der EU sicher sei.

Wer könnte Versorgungslücken schließen?

Kurzfristig könnten mögliche Versorgungslücken durch große Exporteure gedeckt werden, sagt Agrar-Expertin Laquai. Längerfristig gehe dies durch eine erhöhte Produktion in allen Teilen der Welt. Es gebe Schätzungen, dass wegen der Kriegsfolgen drei Millionen Tonnen weniger Weizen aus Russland und vier Millionen Tonnen weniger Weizen aus der Ukraine exportiert würden. "Insbesondere Australien und Argentinien hatten eine sehr gute Ernte und können somit mehr exportieren", so die Expertin. Auch die EU könnte durch gute Ernten mehr exportieren. Umweltorganisationen und Politiker kritisieren zudem, dass Getreide in sehr großen Mengen in Futtertrögen landet.

Eine Möglichkeit, das Weltmarktangebot an Getreide kurzfristig zu erhöhen, wäre laut Mahlkow der Verzicht auf den Anbau von Biobenzin. Stattdessen könnten die Böden für Brotgetreide genutzt werden. "Alleine in Deutschland betrifft dies drei Prozent aller landwirtschaftlichen Nutzflächen", sagte Mahlkow. "Allerdings muss so eine Entscheidung schnell erfolgen, denn die Aussaat beginnt in den kommenden Wochen."

Muss die deutsche Agrarpolitik jetzt umsteuern?

Der Krieg hat den Streit über eine ökologische Wende der Landwirtschaft neu entfacht. Die oppositionelle Union im Bundestag forderte, Versorgungssicherheit müsse einen höheren Stellenwert haben - und dazu gehöre, dass man die begrenzte Agrarfläche in Europa intensivieren müsse. SPD-Expertin Susanne Mittag warnte etwa mit Blick auf Dünge-Auflagen: «Der Krieg in der Ukraine darf nicht zum Anlass für eine Rolle rückwärts in der Agrarpolitik missbraucht werden.» Ähnlich sieht das EU-Kommissar Frans Timmermans. Die Agrarpolitik in der EU wird auch maßgeblich in Brüssel gestaltet.

Worüber sprechen die G7-Agrarminister?

Özdemir will im Rahmen der deutschen G7-Präsidentschaft über die weitreichenden Auswirkungen beraten. Konkret geht es um die weltweite Ernährungssicherung und die Frage, wie die Märkte weiter offengehalten und stabilisiert werden können. An der Videokonferenz teilnehmen sollen auch der ukrainische Ressortchef Roman Leschenko und internationale Organisationen. Bauernpräsident Joachim Rukwied appellierte an die G7, dass die Ernährungssicherheit in betroffenen Ländern gewährleistet bleiben müsse.

dri/dpa/reuters