Samstag, 19. Oktober 2019

Nach Absetzung des Zentralbank-Chefs Türkische Notenbank buckelt vor Erdogan, senkt Leitzins kräftig

Türkische Flaggen wehen vor dem Stadtbild und dem Galataturm in Istanbul

Er hat der unabhängigen türkischen Zentralbank den Krieg erklärt und ihren Chef in Autokraten-Manier gefeuert. Nun bekommt der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan seinen Willen: Die Notenbank der Türkei senkt den Leitzins kräftig - entgegen jeder Lehrbuchmeinung.

Einen Radikalumbau der Zentralbank hatte der Erdogan Anfang Juli angekündigt, nachdem er den Notenbankchef Murat Cetinkaya nach einem monatelangen Streit um die Zinspolitikgefeuert hatte. Damals hatte er dessen Vize Murat Uysal auf den Chefsessel gehievt. Dieser gilt als Befürworter eine lockeren Geldpolitik.

Die neue Führung beugt sich die Bank dem Willen des türkischen Autokraten - und senkt die Leitzinsen, um die in einer Rezession steckende Wirtschaft anzukurbeln. Ganz anders handelt die Europäische Zentralbank, die nun noch niedrigere Zinsen andeutet - aber auch keine Inflationsprobleme hat.

Die Zinssenkung in der Türkei fiel deutlicher aus als erwartet. Der Zins für einwöchiges Notenbankgeld sei von 24,0 Prozent auf 19,75 Prozent gesenkt worden, teilte die Zentralbank mit. Experten hatten lediglich mit einer Reduzierung auf 21,50 Prozent gerechnet. Es ist die erste Zinssenkung seit dem Jahr 2015.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte Anfang Juli unter Protest von Opposition und Wirtschaftsexperten den Chef der Zentralbank abgesetzt. Murat Cetinkaya, der den Posten seit April 2016 innehatte, wurde durch seinen bisherigen Stellvertreter Murat Uysal ersetzt. Erdogan hatte Cetinkaya trotz einer hohen Inflation immer wieder zu Zinssenkungen aufgefordert.

Erdogan glaubt entgegen der gängigen Wirtschaftslehre, dass ein hoher Leitzins nicht ein Mittel gegen die Inflation ist, sondern eine Ursache. Cetinkaya setzte dagegen auf hohe Zinsen, um die schwächelnde Landeswährung Lira zu stützen. Seit dem ersten Quartal befindet sich die Türkei in einer Rezession, das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte von Januar bis März um 2,6 Prozent.

Sorge um Unabhängigkeit der türkischen Währungshüter wächst

Anfang Juli hatte sich die Verbraucherinflation aber - auch ohne Zinssenkung - auf den niedrigsten Stand seit Jahresbeginn verlangsamt. Internationale Vermögensverwalter warnten Anfang Juli, dass Erdogan mit der Zinssenkung ein hohes Risiko eingehe. Er könnte die Wirtschaft so in den Abgrund treiben, wie es in Venezuela unter Nicolás Maduros Regime geschehen sei.

Investoren sorgen sich zudem um die Unabhängigkeit der türkischen Währungshüter. Erdogan hatte dies nach dem Rauswurf Cetinkayas selbst befeuert und gesagt: Von nun an werde die Zentralbank das Wirtschaftsprogramm der Regierung "viel stärker unterstützen".

Die Notenbank markiert mit der Kappung des Leitzinses eine Wende: Sie hatte sich im September 2018 sehr zum Leidwesen Erdogans mit einer kräftigen Anhebung gegen den Verfall der Landeswährung Lira gestemmt. Danach hatten die Währungshüter den Schlüsselsatz konstant gehalten, während die Wirtschaft in die Rezession abrutschte.

Ökonom Timothy Ash vom Vermögensverwalter BlueBay Asset Management geht davon aus, dass die Währungshüter die Zinsen "weiter aggressiv" senken werden, falls sich die Lira stabilisieren sollte.

Im Oktober 2018 war die Teuerungsrate zum ersten Mal seit 15 Jahren auf mehr als 25 Prozent gestiegen. Ursache war damals unter anderem ein Zerwürfnis mit den USA, das auch zu wirtschaftlichen Sanktionen geführt hatte. Inzwischen ist die Inflation aber wieder auf rund 16 Prozent gesunken.

wed/dpa/Reuters

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