Henrik Müller

Coronas lange Schatten Sparer bringen die Erholung in Gefahr

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
In diesem Jahr ist etwas geschehen, das es in dieser Form wohl noch nie gab: Die Bürger haben sprunghaft ihr Sparverhalten verändert. Bleibt es dabei, droht sich die Wirtschaftskrise zu verlängern.
Weihnachtshopping in Berlin: Wann geben die Menschen wieder mehr Geld aus? Es gibt keine Vorbilder - aber Indizien

Weihnachtshopping in Berlin: Wann geben die Menschen wieder mehr Geld aus? Es gibt keine Vorbilder - aber Indizien

Foto: Emmanuele Contini / imago images/Emmanuele Contini

Wirtschaftskrisen werfen lange Schatten. Katastrophale Erfahrungen bleiben in Erinnerung und verändern das menschliche Verhalten. Wir werden vorsichtiger, auch im Umgang mit Geld. Wie lang werden die Schatten der Corona-Krise sein? In diesem Jahr ist etwas geschehen, das es in dieser Form wohl noch nie gab: Die Bürger haben sprunghaft ihr Sparverhalten verändert – und zwar fast überall in den wohlhabenden Ländern.

In der Eurozone und den USA haben sich 2020 die Sparquoten mehr als verdoppelt, in Großbritannien verdreifacht, in Kanada gar verfünffacht, prognostiziert die OECD . In Deutschland ist der Anstieg weniger stark, aber auch hier legen Privatleute nun im Schnitt 16,6 Prozent von ihren verfügbaren Einkommen zurück, fünf Prozentpunkte mehr als im vorigen Jahr. Die große Frage lautet, wie nachhaltig diese Verhaltensänderungen sind. Davon hängt viel ab für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Bleiben die Bürger vorsichtig, könnte das die ökonomische Schwächephase um Jahre verlängern. Geben sie nach dem Ende der Pandemie ihre Zurückhaltung auf und genehmigen sich womöglich zusätzlich aufgestaute Konsumwünsche, ist sogar eine wirtschaftliche Überhitzung möglich. Wir wissen es nicht. Dies ist eine historische Ausnahmesituation, für die es keine Vorbilder gibt. Aber es gibt einige Indizien.

Kontaktintensiver Konsum

Normalerweise folgen die Sparquoten langfristigen Trends . Das Sparverhalten verändert sich selten abrupt. In einigen Ländern war bereits in den vergangenen Jahren ein allmählicher Anstieg der Werte zu beobachten: In alternden Gesellschaften legen die Bürger mit Blick auf den Ruhestand einen größeren Anteil ihrer Einkommen zurück. Auch die Einkommensverteilung spielt eine Rolle: Wohlhabende haben deutlich höhere Sparquoten als ärmere Bevölkerungsgruppen.

Der sprunghafte Anstieg in diesem Jahr ist ein Sonderfall. Möglich, dass die Corona-Krise ein Ausrutscher ist und sich die Werte danach wieder rasch normalisieren. Dies ist momentan das Kernszenario der Konjunkturforscher. So sagt der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung ("Fünf Weise") voraus , dass die deutsche Sparquote in der zweiten Jahreshälfte 2021 in etwa auf ihr Vorkrisenniveau zurückfällt.

Die Ökonomen stützen sich auf eine Umfrage vom September dieses Jahres, bei der 82 Prozent der Befragten angaben, sie hätten ihren Konsum heruntergefahren, weil sie "aufgrund der Corona-bedingten Einschränkungen weniger unternommen und daher weniger Geld ausgegeben" hätten. Logisch, während der Shutdowns und Lockdowns kann man weder Essen gehen noch Wochenendtrips unternehmen. Da ein großer Teil der Konsumausgaben in solche kontaktintensiven Dienstleistungen fließt, ist das Emporschießen der Sparquoten eine fast zwangsläufige Folge.

Weil die Pandemie noch nicht vorbei war, blieben viele Leute auch nach den Lockerungen im Sommer vorsichtig. In Frankreich etwa lagen die Ausgaben für Hotelübernachtungen, Restaurantbesuche und andere Freizeitdienstleistungen auch im August noch deutlich unter dem Vorkrisenniveau. Das erneute Herunterfahren des öffentlichen Lebens im Herbst und Winter wird abermals zu einer Mehrung der Ersparnisse führen.

Im Umkehrschluss könnte das bedeuten: Sobald nennenswerte Teile der Bevölkerung geimpft sind und die warme Jahreszeit beginnt, könnte die alte Normalität zurückkehren. Die Pandemie bliebe eine stattliche Zacke in den Statistiken – aber ohne nachhaltige Wirkung auf das Konsum- und Sparverhalten.

Mag sein. Wäre ja schön.

Beim Auftauen der Wirtschaft

Der psychologische Faktor ist schwerer einzuschätzen. Die enorme Covid-bedingte Unsicherheit bringt Verunsicherung mit sich. Menschen sorgen sich und betreiben mehr Vorsorge – womöglich dauerhaft. Die Sparsamkeit der Kriegsgeneration ist legendär.

Dieser Effekt lässt sich für viele Länder nachweisen, wie die Ökonomen Joshua Aizenman und Ilan Noy vor einigen Jahren in einer Studie gezeigt haben . Es gebe eine "geschichtsabhängige Dynamik": In Gesellschaften, die in der Vergangenheit Krisen durchlitten hätten, würden die Privatbürger tendenziell mehr sparen. Entscheidend ist dabei die Erfahrung rapider Einkommensrückgänge, zumal infolge von Massenarbeitslosigkeit.

Immerhin 43 Prozent der Befragten gaben in der Umfrage für den Sachverständigenrat an, sie würden wegen der unsicheren wirtschaftlichen Aussichten mehr sparen. Die Angst vor dem Verlust des eigenen Jobs, aber auch die Sorge um die allgemeine ökonomische und politische Stabilität stoßen Verhaltensänderungen an.

Bislang halten sich die Corona-bedingten Einkommensrückgänge in Europa in Grenzen. Kurzarbeitsprogramme, massive staatliche Hilfen für Unternehmen, ausgesetzte Insolvenzregeln – all das hat die unmittelbaren wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie eingedämmt.

Entscheidend ist deshalb, was im kommenden Jahr geschieht. Sollten Sommer, Sonne und Impfstoffe dafür sorgen, dass die eingefrorene Wirtschaft relativ unbeschadet wieder auftaut, könnte der Corona-Schock relativ bald in Vergessenheit geraten – und die Kauflust zurückkehren. Die Konsumnachfrage der Bürger könnte dann zum wichtigen Verstärker der wirtschaftlichen Erholung werden.

Misslingt diese Operation, finden wir uns in einem anderen Szenario wieder.

Der menschliche Faktor

So erfreulich die Aussicht auf bald beginnende Impfungen ist: Es bleiben eine Menge Unsicherheitsfaktoren. Dazu gehören auch die Impfstoffe selbst: Sollten sich beim massenhaften Einsatz Nebenwirkungen einstellen, die bislang nicht erkennbar sind, könnte das die Impfkampagne verzögern – und eine Fortsetzung der Shutdowns erforderlich machen.

Auch politische Risiken hängen über der Wirtschaft. Welche Verwerfungen bringt der Ausstieg Großbritanniens aus dem EU-Binnenmarkt für die europäische Wirtschaft? Verzögert sich das 750-Milliarden-Euro-Corona-Paket der EU, weil Polen und Ungarn wegen des neuen Rechtsstaatsmechanismus auf ihrem Veto beharren? Setzt der neue US-Präsident Joe Biden den protektionistischen Kurs seines Vorgängers fort – netter im Ton, aber ebenso unnachgiebig in der Sache? Wird nach der Bundestagswahl im kommenden Herbst womöglich Deutschland für längere Zeit ohne stabile Regierungskoalition und kompetente Regierungsmannschaft dastehen? Die Liste ließe sich verlängern.

Viele Enttäuschungen sind denkbar. Sie alle haben das Zeug, eine ohnehin fragile Wirtschaft zu erschüttern. Massenhafte Firmenpleiten und der Verlust von Millionen von Arbeitsplätzen würden wahrscheinlicher. Halten sich die verunsicherten Bürger dann auch noch beim Konsum zurück, würde das wie ein Krisenverstärker wirken.

Der menschliche Faktor bleibt eine große Unbekannte in der Konjunkturgleichung.

Die Euphorie danach

Für die Politik ist die Situation heikel. Regierungen und Notenbanken müssen – einerseits – solange wie nötig die Lage stabilisieren, um eine Verfestigung der Krise zu verhindern. Angstsparen darf nicht zum Dauerzustand werden.

Andererseits müssen sie rasch reagieren, sollte sich eine Überhitzung der Wirtschaft ankündigen. Die Volkswirte der Commerzbank haben in der abgelaufenen Woche bereits über eine kommende Inflation spekuliert. Eine Nach-Pandemie-Euphorie könnte dazu beitragen.

Die wichtigsten Termine der kommenden Woche

Montag
Peking – Globalisierungsindikator – Chinas Zoll gibt Außenhandelszahlen für November bekannt. 

Dienstag
Luxemburg – Europäischer Sozialstaat – Der Europäische Gerichtshof urteilt über die Entsenderichtlinie für Arbeitnehmer. Ungarn und Polen hatten gegen die Neufassung des Gesetzeswerks von 2018 geklagt.


Mittwoch
Peking – Inflation in China – Das Statistikamt der Volksrepublik legt Zahlen zur Entwicklung der Verbraucherpreise im November vor.

Donnerstag
Frankfurt – Voll im Krisenmodus – Ratssitzung der EZB. Danach erklärt Präsidentin Lagarde die geldpolitischen Entscheidungen in der Pressekonferenz.

 Brüssel – Viel zu besprechen I – Gipfel der EU-Staats- und Regierungschefs. Dominierendes Thema dürfte der EU-Haushalt samt 750-Milliarden-Corona-Paket sein, der am Veto aus Budapest und Warschau gegen den neuen Rechtsstaatsmechanismus am Inkrafttreten gehindert wird.

Freitag
Brüssel – Viel zu besprechen II – Zweiter EU-Gipfeltag. Es wird interessant sein, ob es eine Übereinkunft gibt – und wie sich die Staats- und Regierungschefs danach vor der Presse äußern.

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