Montag, 19. August 2019

Bilanz der Wende in Osteuropa "Die Mauer ist nur für wenige gefallen"

Bilanz nach 25 Jahren: Wie die ex-sozialistischen Staaten dastehen
AFP

25 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer ist von der Euphorie in den ehemals sozialistischen Staaten wenig übrig. Ein US-Ökonom untermauert die Früher-war-alles-besser-Stimmung mit Zahlen. Nur für ein osteuropäisches Land sieht er eine Erfolgsgeschichte.

Hamburg - Die Idee kam ihm in Berlin, schreibt Branko Milanovic in seinem Blog. Angesichts der Vorbereitungen zum 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls entschied sich der New Yorker Ökonom, eine Bilanz der Wende zu versuchen - die sich allerdings nicht auf Deutschland bezieht, sondern auf all die übrigen ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas und Zentralasiens.

Milanovic selbst stammt aus Serbien. Er hat jahrelang für die Weltbank gearbeitet, die Krise Osteuropas in den 90er Jahren untersucht, und ist nun mit der Luxembourg Income Study einer der führenden Theoretiker der Ungleichheit, dem aktuell am heißesten von Ökonomen debattierten Thema.

Seine Bilanz fällt vernichtend aus. Gemessen am Versprechen der Wendezeit, an den Wohlstand des Westens anzuschließen, sei der Übergang zum Kapitalismus in Ländern mit 60 Prozent der Bevölkerung des ehemaligen Ostblocks gescheitert.

Milanovic unterscheidet zwischen "relativ gescheitert" und "absolut gescheitert" - relativ diejenigen Länder, in denen das kaufkraftbereinigte Pro-Kopf-Einkommen seit 1990 langsamer wuchs als im Westen, sodass der Abstand zunimmt; absolut die Länder, in denen die Bevölkerung heute ärmer ist als damals. Das trifft mehrere Staaten, die durch Krieg oder Bürgerkrieg gegangen sind - und die Ukraine, für die das zum Zeitpunkt der Datenerhebung 2013 noch nicht galt. In diesen Gebieten müsse man von "mindestens drei bis vier verlorenen Generationen" sprechen. Auch nur das alte Niveau wieder zu erreichen, würde nach aktuellen Wachstumsraten an die 50 Jahre dauern.

Die Erfolgsgeschichten mit einem jährlichen Einkommensplus von mindestens 2 Prozent sind rar. Und dann zieht Milanovic davon noch die Fälle ab, wo die Ungleichheit krass zunahm, der Wohlstand nur dank Rohstoffeinnahmen kam wie in Aserbaidschan oder ohne die westliche Demokratie wie in Weißrussland. Übrig bleibt als Erfolgsgeschichte "eigentlich nur Polen".

Zum selben Thema äußert sich Harvard-Kollege Andrei Shleifer mit Koautor Daniel Treisman in der Zeitschrift "Foreign Affairs". Auch sie zitieren zwar den polnischen Publizisten und Ex-Dissidenten Adam Michnik, "das Schlimmste am Kommunismus war das, was danach kam", kommen selbst aber zu einem anderen Urteil, das schon die Überschrift "Normal Countries" verrät. Mit demselben Titel hatten die beiden schon vor zehn Jahren über Russland geschrieben.

Dabei geht es allerdings auch darum, die persönliche Lebensbilanz zu retten. Denn Shleifer, wie Milanovic ebenfalls Weltbank- und Osteuropa-erfahren, leitete in den 90er Jahren die Harvard-Mission in Moskau, Russland im US-Regierungsauftrag bei der Privatisierung der Staatsbetriebe zu beraten. Die Mission endete im Chaos und einem Skandal um persönliche Bereicherung, der auch zu einer Klage der US-Regierung gegen Shleifer führte.

Mit diesen pikanten biografischen Details hält sich Milanovic in seiner Antwort auf Shleifer und Treisman allerdings nicht auf. Deren Argument, die offiziellen Statistiken übertrieben das Ausgangsniveau der Einkommen für 1990, sei nach Stand der Forschung überholt - eher gelte das Gegenteil, weil unbezahlte Dienste nicht in die Zahlen eingingen.

Vor allem aber legten Shleifer und Treisman die Latte für Erfolg zu tief: "Normal" sei der Lebensstandard in den Transformationsländer im Vergleich zu Ländern mit "ähnlichem Einkommensniveau", damit werde aber der gesunkene Standard als Maßstab akzeptiert. So müssten sich die Osteuropäer jetzt an Ländern in Lateinamerika oder Südostasien messen und von der Idee verabschieden, gegenüber dem Westen aufzuholen. Genau an der gleichen Desillusion sei der Sozialismus gescheitert, urteilt Milanovic. "Die Mauer ist nur für wenige gefallen."

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