Samstag, 30. Mai 2020

"Eiserne Lady" als Zerstörerin der Industrie Wieso die britische Wirtschaft noch immer unter Thatcher leidet

Margaret Thatcher 1987: Ikone der Konservativen, Zerstörerin der britischen Industriegesellschaft
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Margaret Thatcher 1987: Ikone der Konservativen, Zerstörerin der britischen Industriegesellschaft

Auf den ersten Blick kann sich Großbritanniens Performance sehen lassen. Die Wirtschaftsleistung des Königreichs legte 2014 um 2,6 Prozent zu, das stärkste Wachstum der G7-Staaten und ein Grund für die überraschend deutliche Wiederwahl der konservativen Regierung von David Cameron.

Doch jetzt muss sich Camerons Team der Realität stellen, dass es Boom Britannia an Substanz fehlt. Der von Goldman Sachs geholte Ökonom Jim O'Neill hat als neuer Finanzstaatssekretär das "productivity puzzle" zur Hauptaufgabe erklärt. Diesem Rätsel widmet sich auch die Bank von England (PDF): Wieso nimmt die Leistung je Arbeitsstunde der britischen Beschäftigten seit der Finanzkrise ab?

In dieser Hinsicht findet sich die Insel auf einem Niveau mit der stagnierenden italienischen Wirtschaft (die deutsche ist allerdings nicht viel besser). Was an Wachstum da ist, wird durch steigenden Arbeitseinsatz vor allem von Zuwanderern erzeugt. Der klassische Dreiklang von technischem Fortschritt, steigender Produktivität und wachsendem Wohlstand fehlt.

Zwei Ökonomen der Universität Cambridge weisen die Schuld daran nun auch noch Camerons Vorbild Margaret Thatcher zu. Seit dem Regierungsantritt der konservativen Premierministerin 1979 sei es mit Großbritanniens Wirtschaft insgesamt bergab gegangen, urteilen Ken Coutts und Graham Gudgin in einer umfassenden Datenanalyse, die sie am Mittwoch vorstellten.

Nach "extremer Deindustrialisierung" helfen nur noch Finanzblasen

"Bloomberg" und der "Guardian" zitierten vorab aus dem Bericht: Die "extreme Deindustrialisierung" als Folge von Thatchers Liberalisierung habe zu einer "permanent niedrigeren Wachstumsrate der Produktivität" geführt.

Als einzige liberale Reform habe der "Big Bang", die Finanzindustrie der Londoner City weitgehend von staatlichen Regeln zu befreien, das Wachstum gefördert - doch das auch nur zeitweise, dank einer "riesigen und letztlich untragbaren Expansion der privaten Verschuldung".

Thatchers Rezept aus niedrigen Steuern und Zöllen, freiem Arbeitsmarkt, Privatisierung, Deregulierung und Entmachtung der Gewerkschaften habe auf lange Sicht "nicht die Wirkung gebracht", lautet das Fazit der Cambridge-Ökonomen.

Einige Probleme der 70er Jahre habe Thatcher beseitigt, räumen Coutts und Gudgin ein: ständige Streiks und hohe Inflation. Doch an deren Stelle seien mit Arbeitslosigkeit und Ungleichheit nur andere Probleme getreten. Jetzt, da die schwache Produktivität die Zukunft des Landes belaste, könne man sich ja mal überlegen, auf ein anderes Kapitalismusmodell umzuschwenken.

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