Schweiz  Wo ein Euro noch 1,35 Franken kostet - und wie die Schweiz mit dem harten Franken überlebt

Zwei Wochen nach der Wechselkursfreigabe tüfteln die Eidgenossen an Überlebensstrategien: Kurzarbeit ist möglich, im Grenzgebiet sollen Euro-Löhne gezahlt werden - und ein Skiort im Wallis spielt Nationalbank und gewährt Touristen "historische" Wechselkurse.
Von Reinold Rehberger
Silvester-Rennen in Villars: Schweizer Skiorte befürchten eine Flucht deutscher Touristen - und bieten ihnen Rabatte sowie historische Wechselkurse

Silvester-Rennen in Villars: Schweizer Skiorte befürchten eine Flucht deutscher Touristen - und bieten ihnen Rabatte sowie historische Wechselkurse

Foto: Maxime Schmid/ dpa

Bern / Zürich - Johann Schneider-Ammann lässt als erster die Katze aus dem Sack. Jetzt sei die Zeit gekommen, um über Lohnsenkungen nachzudenken: "Wenn wir die Kosten nicht senken können, verlieren wir Jobs.". In einer wohlhabenden, ausbalancierten und auf Konsens ausgelegten Gesellschaft wie der Schweiz muss ein solcher Spruch alarmieren.

Dass er ausgerechnet aus dem Munde des Vorstehers des Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung kommt, verleiht dem Fall zusätzliche Rasanz. Der liberale Wirtschaftsminister weiß das und legt nach: "Es braucht jetzt Druck, damit wir Lösungen finden, statt uns ans Streitereien aufzureiben."

Dienstag, Tag 12 nach der Wechselkurzfreigabe: Die Politik hat das Ruder übernommen. Schneider-Ammann verkündet, dass Kurzarbeit möglich ist und dass Arbeitsausfälle von der Arbeitslosenversicherung bezahlt werden - sofern die Ursachen für die betriebliche Kalamität in den Wechselkursschwankungen liegen. Dann werden 80 Prozent des wegfallenden Lohnes von der Solidargemeinschaft gezahlt.

Diese Methode ist nicht neu. Bereits 2011 hatte der Bundesrat zur Abfederung der Folgen des starken Frankens die Entschädigung von Kurzarbeit zugelassen. Damals war jedoch noch eine zusätzliche Finanzierung dafür vorgesehen: 500 Millionen Franken packte das Parlament als Hilfspaket mit dazu. Wie vor fast vier Jahren scheinen nun die Berner Regenten auch diesmal damit zu rechnen, dass ihre Hilfestellung nur von vorübergehender Dauer sein wird.

Run auf deutsche Discounter - und Gedankenspiele über Euro-Löhne

Doch könnte sich diese Hoffnung in Luft auflösen. Denn gegenüber 2011 hat sich einiges verändert. Der Run auf deutsche Einzelhandelsgeschäfte und die Leerstände in den eigenen Kommunen, das Fernbleiben nicht nur der Russen von den Wintersportorten und die Schwierigkeiten nicht weniger Exporteure haben eine völlig neue Landschaft entstehen lassen.

Unternehmen in den Grenzkantonen Basel-Land, Aargau, Zürich, Schaffhausen, Thurgau und St. Gallen denken laut darüber nach, Euro-Löhne einzuführen. Das aber treibt die Gewerkschaften auf die Zinnen. Ihr Chefökonom Daniel Lampart: "Wir werden nicht zulassen, dass die Firmen zu illegalen Mitteln greifen."

Wie dramatisch die Lage inzwischen geworden ist, zeigen auch die Überlegungen mehrerer regionaler Arbeitgeberverbände. Sie empfehlen den Firmen, sich bei ihrer Entlohnungspraxis einfach über die Rechtsprechung hinwegzusetzen. Das bedeutet, dass man sich in dieser Frage auch nicht an das Urteil des Kantongerichts Baselland halten müsse. Die Richter in Liestal hatten 2012 Lohnsenkungen für Grenzgänger - denn das wäre die Einführung von Euro-Löhnen - als Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot gewertet. Lampart: "Wir werden mit allen Mitteln gegen Euro-Löhne kämpfen."

Wie stark müssen Schweizer Preise jetzt sinken? Und wer kommt dafür auf?

In die Schweiz fahren jeden Tag 50.000 deutsche Pendler. So, als sei das noch längst nicht alles, rüsten jetzt auch noch helvetischen Einzelhändler und die ausländischen Markenhersteller für einen Kampf, bei dem es um eine Antwort auf die Frage geht: Wie stark müssen die Preise jetzt sinken - und wer kommt dafür auf?

"Wir werden wahrscheinlich die Preise um 15 bis 20 Prozent zurücknehmen müssen, alleine schon wegen des öffentlichen Drucks", zitiert die Neue Zürcher Zeitung einen anonymen Handels-Verbandsfürsten. Pech für die Händler, die noch zu deutlich höheren Euro-Kursen eingekauft hatten. Mittlerweile signalisieren die Markenartikler ihre Bereitschaft, Währungsvorteile an den Detailhandel weiterzugeben

Es ist ein mittleres Erdbeben, das die Schweizer Wirtschaft seit jenem 15. Januar erfasst hat. So haben beispielsweise viele Betriebe ihre Budgetplanung für 2015 komplett in den Papierkorb geworfen. Für den Ausgleich wird nun eine ganze Liste möglicher Maßnahmen hin- und herüberlegt - bis hin zur Auslagerung der Produktion.

Dabei wäre die Schweiz nicht die Schweiz, wäre gerade diese Option die letzte aller Möglichkeiten. Max Fritz, Geschäftsführer der Vereinigung Zürcherische Arbeitgeberverbände (VZAI): "Die Sicherung der hiesigen Arbeitsplätze liegt im Interesse der Arbeitgeber - auch schon deshalb, weil man an den Schweizer Standorten in letzter Zeit umfangreiche Investitionen vorgenommen hat."

Aussetzung der Mehrwertsteuer - oder Verlängerung der Arbeitszeit

Für die beiden aktuellen Schwachpunkte der Oeconomica Helvetia, Tourismus und Exportwirtschaft, wird fast täglich ein neues Genesungskonzept beschworen. Die Vorschläge reichen von der Aussetzung der Mehrwertsteuer für Tourismus und Gastronomie (BDP-Nationalrat Hans Grunder) bis hin zu Kurzarbeit, Lohnkürzungen und Arbeitszeiten-Verlängerung, wie sie Adecco-Chef Patrick De Maeseneire vorschlägt.

Wie kompliziert die Lage ist und wie differenziert argumentiert wird, beweist auch Peter Spuhler. Der Chef des Schienenfahrzeugbauers Stadler Rail AG in Bussnang (Kanton Thurgau), ist zwar gegen Lohnkürzungen ("Das schlägt auf die Stimmung im Betrieb"), glaubt aber, dass eine Verlängerung der Wochenarbeitszeit um zwei Stunden "intelligenter" wäre, zumal genau dieses auch keine Reduzierung der Kaufkraft bedeute.

Spuhler ist sich sicher, dass die 2750 Mitarbeiter an den Schweizer Standorten das mittragen würden - "wenn es eine temporäre Massnahme bleibt". Wirtschaftsverbände wie der mächtige Swissmem (Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie) berichten mittlerweile von einem Einstellungsstopp in ihren Unternehmen.

Rabatte und "historische" Wechselkurse für deutsche Skiurlauber

Vor allem der Schweizer Tourismusindustrie stehen schwierige Monate bevor: Galt die Schweiz für Urlauber aus den angrenzenden Euro-Ländern schon seit Jahren als teuer, so ist sie durch die Freigabe des Wechselkurses inzwischen für viele unbezahlbar geworden. Erste Tourismusorte und -verbünde bereiten Aktionen vor, mit denen ein Einbruch der Gästezahlen verhindert werden soll. In Samnaun (Kanton Graubünden), das an Österreich grenzt, bieten bereits zahlreiche Hotels und Geschäfte den Urlaubern aus dem Euro-Raum einen "Vorzugskurs" von 1,10 Franken pro Euro an.

Zusätzlich offerieren einige Hoteliers einen "Pauschalrabatt" von zehn Prozent - im Endeffekt führen diese speziellen Angebote dazu, dass ein deutscher Gast die Abwertung des Euro gegenüber dem Franken nicht ganz so schmerzhaft spürt.

Im Rennen um den heißbegehrten Urlauber schießt der Skiort Grächen (Kanton Wallis) mit seinem Fixkurs von 1,35 Schweizer Franken den Vogel ab. Diese Summe wird hier überall, mit Ausnahme an den Bancomaten natürlich, angeboten. Ein deutscher Tourist, der in Grächen eine Herberge für 1000 Schweizer Franken gebucht hat, muss dafür nur rund 740 Euro hinlegen - einen solchen Umtauschkurs gibt es sonst nirgendwo in der Schweiz. "Unsere Partner bleiben im Boot. Wir rechnen weiter mit einem eigenen Euro-Kurs von 1.35 Franken", sagte Tourismusdirektor Berno Stoffel gegenüber der Schweizer Zeitung "Blick". Wie es heißt, habe man mit einer derartigen Maßnahme schon in der Vergangenheit Erfolg gehabt.

"Am stärksten werden die großen Destinationen in den Alpen leiden"

Ein Gespenst schleicht durch die Alpentäler. Es ist die Angst vor dem Niedergang einer jahrzehntelang prosperierenden Branche. Während Destinationen wir Interlaken, Zermatt und Davos noch von international angebotenen Sightseeingtouren profitierten, sieht es im Appenzell oder am Pilatus anders aus. "Am stärksten werden die großen, klassischen alpinen Destinationen mit ihren austauschbaren Angeboten leiden", glaubt Thomas Bieger, Professor für Tourismuswirtschaft an der Universität St. Gallen.

Was die Sache nicht einfacher macht, ist die Tatsache, dass ausgerechnet in diesen Gegenden oft alternative wirtschaftliche Tätigkeiten fehlten, während die zweite Stütze, Bau und Verkauf von Ferienwohnungen wegen der Initiative gegen Zweitwohnungen weggefallen sei.

Wie Unternehmen auf dem falschen Fuß erwischt wurden

Das kleine Land mit seiner starken Währung hat es nicht leicht. Ob voraussehbar oder nicht - die Wechselkursfreigabe hatte einige Unternehmen auf dem völlig falschen Fuß erwischt. "Sie kauen immer noch an der Euro-Reduktion von 1,40 auf 1,20 Franken", sagt Lukas Gähwiler, Chef der UBS Schweiz, und fügt hinzu: "Die werden aber große Mühe haben, den neuerlichen Schock zu verkraften."

Einige Unternehmen, so der Banker, hätten die von der Nationalbank genannte Untergrenze von 1,20 Euro "wie ein in Stein gemeißeltes Gesetz" betrachtet. Gähwiler: "Da gingen zum Teil hohe einstellige Millionenbeträge verloren.

Glück im Unglück aber auch hier. Auf die Schweiz rollt nach Mitteilung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) gerade eine riesige Grippewelle zu. Nach Mitteilung der Berner Behörde liegen in der Ostschweiz bereits Tausende schniefend im Bett. So etwas schont das Firmenbudget, denn eine Lohnfortzahlung ab dem ersten Tag gibt es hier so gut wie nicht, allenfalls nach dem dritten oder vierten Tag.