Wolfgang Hirn

Weltmacht China Von Chinese Dream bis Chaos: Fünf Szenarien für China

Rätselraten um China. Wie geht es weiter in dem aufstrebenden Land? In welche Richtung marschiert die neue Weltmacht unter dem neuen mächtigen Mann, Staats- und Parteichef Xi Jinping? Zurück in maoistische, politisch-repressive Zeiten unter einem starken Führer oder nach vorne in eine Ära der - zumindest - wirtschaftlichen Reformen? Wird es außenpolitisch aggressiver oder fügt es sich doch in die internationale - vom Westen geschaffene - Ordnung ein? Kann es seine zahlreichen sozialen wie gesellschaftlichen Probleme lösen oder endet es in einem Chaos?

Fragen über Fragen. Das amerikanische Magazin "Foreign Affairs" bündelte sie all in einer: Zerfällt China? Diese provokante Frage stellte das Intellektuellenblatt Ende April 32 China-Experten aus aller Welt, darunter als einziger Deutscher Sebastian Heilmann, Chef des Merics-Instituts in Berlin. Konkret sollten die renommierten Kenner des Landes die folgende Aussage bewerten: "The current Chinese regime will not survive the next decade without major reform." Sieben stimmten dieser These zu, 19 lehnten sie ab, sechs verhielten sich neutral.

Wolfgang Hirn
Foto: Christian O. Bruch

Wolfgang Hirn ist Reporter beim manager magazin. Er reist seit 1986 regelmäßig nach China. Er schreibt seitdem über die Entwicklung des Landes. Er ist Autor des Bestsellers "Herausforderung China" . Sein aktuelles Buch hat den Titel "Der nächste Kalte Krieg - China gegen den Westen"  (erschienen bei S. Fischer).

Die Community der China-Watcher ist also tief gespalten. Ist das nur eine akademische Diskussion? Soll das, muss das die Unternehmen, die in China Geschäfte machen, interessieren? Und ob! Manager, die in China aktiv sind, müssen sich Gedanken machen, wie es in dem Land weitergehen könnte.

Aber tun sie das? Viele handeln nach dem Motto: Augen zu und durch. Und viele reden sich raus und beschwichtigen: Was ist denn die Alternative? Ich habe aus vielen Gesprächen nicht den Eindruck, dass auf den deutschen Konzernetagen, in den Stabstellen der strategischen Planer intensiv oder gar in Szenarien über China nachgedacht wird.

Weil es diese gedanklichen Defizite gibt, hat die Bertelsmann-Stiftung vor kurzem einen ganztägigen Workshop in Berlin veranstaltet, um obige Fragen und mögliche Antworten zu diskutieren. Und weil es nicht die eine Antwort gibt, entwickelten die Teilnehmer aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammen mit Experten des Karlsruher Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung Szenarien, wie sich China bis zum Jahr 2030 entwickeln könnte und welche Folgen dies jeweils für die deutsche Wirtschaft hätte.

Heraus kamen fünf mögliche Szenarien:

Szenario 1: More of the Same - Die Partei bleibt an der Macht

Chinas Staatspräsident Xi Jinping in Peking: Wie geht es weiter in dem aufstrebenden Land?

Chinas Staatspräsident Xi Jinping in Peking: Wie geht es weiter in dem aufstrebenden Land?

Foto: REUTERS

Szenario 1. "More of the Same": Die Partei bleibt an der Macht und kontrolliert weiterhin Staat wie Wirtschaft. Viele Probleme bleiben ungelöst. Positiv für deutsche Unternehmen: Das Land wird nicht Innovationsführer Negativ: Protektionismus und Rechtsunsicherheit bleiben bestehen.

Szenario 2: Chinese Dream - die Reformen werden umgesetzt

Shopping-Meile in Hong Kong: In diesem Szenario wird der Handel und Finanzmarkt weiter liberalisiert

Shopping-Meile in Hong Kong: In diesem Szenario wird der Handel und Finanzmarkt weiter liberalisiert

Foto: Vincent Yu/ AP

Szenario 2. "Chinese Dream": Die im Herbst 2013 angekündigten wirtschaftlichen Reformen werden umgesetzt. Es geht Richtung Marktwirtschaft. Handel und Finanzmarkt werden liberalisiert. Aber das politische System bleibt bestehen. Positiv: Das Wirtschaften wird verläßlicher. Negativ: Chinas Firmen werden konkurrenzfähiger.

Szenario 3: Von Singapur lernen

Blick vom Marina Bay Hotel auf die Skyline von Singapur: Folgt China dem Beispiel Singapurs, dürften wirtschaftliche wie politische Reformen folgen

Blick vom Marina Bay Hotel auf die Skyline von Singapur: Folgt China dem Beispiel Singapurs, dürften wirtschaftliche wie politische Reformen folgen

Foto: ROSLAN RAHMAN/ AFP

Szenario 3. "Von Singapur lernen": Es gibt sowohl wirtschaftliche wie politische Reformen. Die Folgen: Nicht unbedingt eine lupenreine Demokratie, aber ein effektiver Rechtsstaat mit Meinungsfreiheit, eine liberale, innovationsgetriebene Wirtschaft. Made in China wird zum Gütesiegel. Politisch wird China zur anerkannten Führungsmacht. Positiv: Faire Wettbewerbsbedingungen. Negativ: Chinas Unternehmen sind ernsthafte Rivalen.

Putinisierung oder Chaos - zwei weitere Optionen für China

Wladimir Putin (mit Chinas Staatschef Xi Jinping in Peking, Archiv): Ein starker Mann geht auf Konfrontationskurs zum Westen - und zu Japan

Wladimir Putin (mit Chinas Staatschef Xi Jinping in Peking, Archiv): Ein starker Mann geht auf Konfrontationskurs zum Westen - und zu Japan

Foto: © RIA Novosti / Reuters/ REUTERS

Szenario 4. "Putinisierung": Ein starker Staats- und Parteichef geht auf Konfrontationskurs mit dem Westen einschließlich Japan. Die Spannungen im Ost- wie Südchinesischen Meer eskalieren. Positiv: Deutsche Firmen profitieren vom Japan-Hass der Chinesen. Negativ: Ein (militärischer) Konflikt gefährdet gravierend die Stabilität der Weltwirtschaft.

Szenario 5. "Chaos": Die Partei bekommt die zahlreichen Probleme nicht in Griff. Es drohen soziale Unruhen, ethnische Konflikte, Machtkämpfe in der Führung. Positiv: China fällt als Wettbewerber aus. Negativ: Der chinesische Markt bricht zusammen.

Das wahrscheinlichste Szenario - laut der Experten

Vom friedlichem Systemwechsel bis zur weltwirtschaftlichen Katastrophe - die Bandbreite der Szenarien ist also groß. Welches Szenario ist am wahrscheinlichsten? Die Teilnehmer wollten sich auf keine Prozentzahlen für die Eintrittswahrscheinlichkeiten festlegen. Zu groß war für sie die Unsicherheit.

Einfacher war es dagegen für die Runde, sich auf das wünschenswerteste Szenario zu einigen. Klarer Sieger: Szenario Nummer Drei - Von Singapur lernen.

China - ein großes Singapur. Das war schon der Traum zweier großen Männer: Lee Kuan Yew, dem kürzlich verstorbenen Gründer des Stadtstaates, und Deng Xiaoping, dem Vater der chinesischen Reformen. Ein schöner Traum mit der Chance der Realisierung.

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