Frachtroute nach Fernost Wie die Suezkanal-Blockade Deutschland trifft

Der havarierte Containerriese "Ever Given" blockiert mit dem Suezkanal die wichtigste Frachtverbindung zwischen Europa und Asien. Das trifft insbesondere die deutsche Wirtschaft empfindlich - und letztlich deutsche Verbraucher.
Festgefahren: Die "Ever Given" stört mit ihrem Unfall den Welthandel

Festgefahren: Die "Ever Given" stört mit ihrem Unfall den Welthandel

Foto: - / dpa

Gartenmöbel, Fernsehgeräte, Smartphones, Waschmaschinen, Testkits für Covid-19: All diese Dinge befinden sich zurzeit mit hoher Wahrscheinlichkeit auf den Schiffen, die auf Durchfahrt durch den Suezkanal in Richtung Europa oder Nordamerika warten. Hinzu kommen Autoteile, Chemiewaren, Öl, Schüttgut und vieles mehr, das die Wirtschaft am Laufen hält. Rund 50 Frachtschiffe pro Tag, 19.000 Containerschiffe, Massengutfrachter und Tanker im Jahr, passieren die enge Wasserstraße in Ägypten. Viele davon mit Ziel oder Ausgangsort Deutschland.

Sollte die Blockade des Suezkanals nicht bald enden, dürfte das also mehr und mehr auch zum Problem für die hiesige Wirtschaft werden. Und nicht zuletzt für deutsche Konsumenten. Seit Dienstag liegt der Riesenfrachter "Ever Given" quer in der Wasserstraße, die als eine der wichtigsten im weltweiten Warenaustausch gilt, und durch die etwa zehn bis zwölf Prozent des Welthandels abgewickelt werden.

Reuters

"Insbesondere die Strecke zwischen Nordeuropa und Fernost ist eine der wichtigsten der Frachtschifffahrt", sagt Christian Denso vom Verband Deutscher Reeder. "Alles, was aus Asien kommt, muss auf dieser Strecke durch den Suezkanal."

Folge: Am Donnerstag - zwei Tage nach der Havarie - warteten am Kanal bereits an die 200 Frachtschiffe aus aller Welt, so die Nachrichtenagentur Bloomberg . Einer groben Kalkulation zufolge schätzte der maritime Informationsdienst Lloyd's List  den Wert der Waren, die vor der Durchfahrt ausharren müssen, bereits zu dem Zeitpunkt auf knapp zehn Milliarden Dollar - Tendenz mit jedem weiteren Tag steigend.

China wichtigster Handelspartner Deutschlands

Zwar lässt sich Experten zufolge kaum exakt sagen, wie viele der Waren im Stau konkret in oder aus Richtung Deutschland unterwegs sind. Dazu ist das maritime Geschäft weltweit zu komplex und verästelt. Wie sehr das Problem auch Deutschland betrifft, zeigt jedoch ein Blick in einschlägige Statistiken: So stiegen die aufstrebenden Länder in Fernost in den vergangenen Jahren zu wichtigen Handelspartnern deutscher Exporteure und Importeure auf. Allen voran China: Die Volksrepublik ist mit einem Anteil von acht Prozent nach den Niederlanden bereits der zweitgrößte Lieferant von Importen nach Deutschland. Zugleich verlassen Jahr für Jahr ebenfalls acht Prozent aller Exporte hiesige Hersteller in Richtung China, das nach den USA auch in diesem Ranking Platz zwei einnimmt.

Zuletzt meldete das Statistische Bundesamt für Januar dieses Jahres eine Corona-bedingt insgesamt eher durchwachsene deutsche Außenhandelsbilanz - doch das China-Geschäft boomte. So gingen die deutschen Ausfuhren im Vergleich zum Vorjahresmonat insgesamt um acht Prozent zurück - gegenüber China legten sie jedoch um 3,1 Prozent auf 7,5 Milliarden Euro zu. Bei den Importen ein ähnliches Bild: Insgesamt sackten sie binnen Jahresfrist aus deutscher Sicht um fast zehn Prozent ab. Bei den Einfuhren aus China jedoch gab es ein Plus von 1,1 Prozent auf 10,5 Milliarden Euro.

Rund ein Fünftel der deutschen Einfuhren stammen aus dem Asien-Pazifik-Raum, über die Hälfte davon kommen aus China, teilt zudem der Außenhandelsverband BGA mit. Wichtige Importgüter aus China sind demnach beispielsweise Computer, Speichermedien und Unterhaltungselektronik, aber auch Maschinen, Spielzeug, Werkzeug und Textilien. Dabei werden etwa 90 Prozent des grenzüberschreitenden Warenhandels auf dem Seeweg transportiert. "Der Transport über den Seeweg ist also zentral für die globale Vernetzung und damit auch für die stark internationalisierte deutsche Wirtschaft", sagt Carsten Taucke, Vorsitzender des BGA-Verkehrsausschusses und Mitglied im BGA-Präsidium.

Ein florierender Handel mit Fernost also, der durch die Suezkanal-Blockade zu leiden droht. "Sollte sich die Blockade nicht lösen, werden hierzulande früher oder später Waren knapp", sagt Janis Bargsten, General Manager des digitalen Speditionsunternehmens Flexport in Deutschland, zu manager magazin. Betroffen wäre davon zunächst vor allem typische Saisonware für den Sommer, so Bargsten, wie beispielsweise Gartenmöbel.

Das Problem betrifft nach Angaben des Branchenkenners zudem nicht nur die Empfänger von Waren aus Fernost, die auf ihre Lieferung warten müssen. Weil durch den "Ever Given"-Unfall die globale Logistik insgesamt gestört ist, kommt es vielmehr vielerorts zu einem Mangel an leeren Containern - und davon dürften auch deutsche Exporteure betroffen sein.

Komplettabriss der Lieferketten unwahrscheinlich

Ähnlich sieht es BGA-Präsidiumsmitglied Taucke. Der wirtschaftliche Schaden sei schwer abschätzbar, da unklar sei, wie lange die Blockade noch andauern werde, teilt er gegenüber manager magazin mit. "Kann das havarierte Schiff nicht bald geborgen und der Kanal wieder freigegeben werden, drohen nachgelagerte Probleme in Zielhäfen wie Hamburg oder Rotterdam, in denen sich die Abfertigungen durch die verspätete Ankunft der Schiffe weiter verzögern könnten." Hinzu komme, dass es durch den stark verminderten Luftverkehr derzeit nur wenige Möglichkeiten gebe, die Luftfracht für zeitsensible Lieferungen kurzfristig als Alternative zu nutzen.

Immerhin: Ein kompletter Abriss von Lieferketten ist auch bei einer längeren Blockade des Suezkanals wohl kaum zu befürchten. Schließlich steht mit der Fahrt um das Kap der Guten Hoffnung in Südafrika eine Alternativstrecke zur Verfügung. "Der Weg um Südafrika dauert je nach Geschwindigkeit sechs bis zehn Tage länger", sagt Reederverbands-Sprecher Denso. "Teurer ist er nicht unbedingt, denn die Reedereien sparen die hohe Gebühr, die bei der Passage des Suezkanals anfällt." Dem Experten zufolge kommt die Ausweichstrecke für Schiffe, die bereits im Stau stehen, zwar kaum infrage, denn sie müssten extra wieder ein Stück zurückfahren. "Wer jetzt zum Beispiel in Singapur ablegt, kann sich aber überlegen, gleich Kurs auf Südafrika zu nehmen."

Hintergrund: Ägypten bittet für die Fahrt durch den Suezkanal großzügig zur Kasse. Berichten zufolge kostet eine Passage pro Schiff umgerechnet etwa 250.000 Euro. Da kann der Umweg um Südafrika je nach Einzelfall finanziell durchaus attraktiver sein.

Und dass sich die Havarie der "Ever Given" noch eine Weile hinziehen kann, wird mit jedem Tag, den das mehr als 200.000 Tonnen schwere, 400 Meter lange und 59 Meter breite Schiff festliegt, wahrscheinlicher. Der Megafrachter liege fest "wie ein gestrandeter Wal", sagte am Donnerstag Peter Berdowski, Chef der niederländischen Firma Boskalis, die versucht, die "Ever Given" zu befreien.

Reedersprecher Denso erläutert den Hintergrund: Es gebe zunächst einfache Wege, das Schiff zu befreien, wie beispielsweise das Ablassen von Ballastwasser oder das Abtragen von Sand am Ufer. Wenn das nicht hilft, müssten jedoch mühsamere Methoden angewendet werden, wie beispielsweise das Abladen von Containern vom Schiff, so Denso. "Dazu braucht man einen Kran und eine Barge, auf der die Container abgestellt werden", sagt er. "Das ist bei einem Schiff dieses Ausmaßes ein sehr aufwendiges Vorhaben, und das kann dauern."

Das heißt: Wenn es nicht relativ schnell geht, das Schiff zu befreien, dann wird es wahrscheinlich gleich deutlich länger dauern. Darauf sollten sich nicht nur Reedereien, sondern auch deutsche Exporteure und Importeure einstellen.

cr
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