Donnerstag, 22. August 2019

Wettbewerb und Wohlstand Hatte Marx doch recht?

Der deutsche Philosoph und Politiker Karl Marx

Linke Ideen, auch der radikaleren Sorte, sind in vielen westlichen Ländern wieder populär - bis hin zur Verstaatlichung von Teilen der Wirtschaft. Tatsächlich gibt es bessere Antworten auf aktuelle Probleme.

Irgendwann sei Schluss. Die Großunternehmen würden immer größer und immer mächtiger. Unerträglich! Mit der Zeit würden die Widerstände gegen das herrschende System so stark, dass es kollabieren müsste.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

So beschrieb Karl Marx das Endspiel um die bürgerliche Gesellschaftsordnung. Es komme zu einer immer stärkeren "Koncentration der Kapitalien. (…) Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten (…) wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtung, der Degradation, der Ausbeutung, aber auch die Empörung", so heißt es im ersten Bank von "Das Kapital", erschienen 1867.

Am Ende kommt, was kommen muss - die Revolution.

Der gesellschaftliche Kollaps sei die quasi notwendige Folge eines Prozesses, der zur immer weitergehenden "Koncentration der Produktionsmittel" führe. Wenige Firmen würden sehr groß und mächtig, alle anderen hätten keine Chance. Oder, wie Marx drastisch formulierte: "Je ein Kapitalist schlägt viele todt."

152 Jahre später erleben wir einen fernen Nachhall dieser Gedanken. Linke Ideen, auch der radikaleren Sorte, sind wieder populär. In den USA ist der Begriff "Sozialist" nicht mehr verfemt. In Großbritannien und Frankreich gibt es große linke Bewegungen - Labour unter Jeremy Corbyn und La France insoumise unter Jean-Luc Mélenchon -, die massive staatliche Einflussnahme in die Wirtschaft wünschen. Sogar in Deutschland wird nun über die Verstaatlichung von Wohnraum gestritten.

Monopole und andere Kalamitäten

Auch den Wirtschaftswissenschaften ist die Konzentration von Macht und Wohlstands wieder Analysen wert. Vor einigen Jahren legte der französische Ökonom Thomas Piketty sein Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert" vor, ein Werk, das sich explizit auf Marx bezog und durch eine Fülle an langen historischen Datenreihen beeindruckte. Kurz darauf stellte der US-Ökonom Joseph Stiglitz, ehemals Chefvolkswirt der Weltbank, fest, dass Teile der Wirtschaft "Ausbeutungsrenten" ("exploitation rents") kassierten, weil sie ihre "Monopolmacht" ausspielen könnten.

Nun hat der Internationale Währungsfonds (IWF) die Ergebnisse einer großangelegten Untersuchung vorgelegt, pünktlich zur Frühjahrtagung der Weltfinanz in Washington in der abgelaufenen Woche. Die Botschaft: Seit dem Jahr 2000 hat die "Marktmacht" einiger Unternehmen spürbar zugenommen. Und dieser Effekt drohe sich in Zukunft zu verstärken.

Hatte Marx etwa doch recht? Und wenn ja, was kann man tun?

Die Macht und die Preisfrage

Die IWF-Studie basiert auf Daten von rund einer Million Unternehmen aus 27 Ländern, darunter vielen EU-Staaten und den USA. Sie umfasst die Jahre 2000 bis 2015. Weil Marktmacht nicht sonderlich gut messbar ist, nehmen die Ökonomen Preisaufschläge ("markups") in den Fokus: Unternehmen mit Marktmacht können Preise verlangen, die deutlich über den (Grenz-)Kosten der Produktion liegen - und entsprechen höhere Gewinne einfahren. Sie verfügen also über irgendwelche Alleinstellungsmerkmale, die Wettbewerber auf Distanz halten. Firmen in schwächerer Marktposition müssten hingegen bei überhöhten Preisen befürchten, dass die Kunden in Scharen zur Konkurrenz abwandern.

Ein Ergebnis der Studie lautet: Die Gewinnaufschläge sind insgesamt gestiegen, wenn auch bislang moderat. Und sie konzentrieren sich auf eine relativ kleine Zahl von Unternehmen und Branchen. Firmen mit gestiegener Preissetzungsmacht sind tendenziell groß, überdurchschnittlich produktiv und in Besitz von "immateriellen Wirtschaftsgütern" (geistiges Eigentum, Design, Image und dergleichen). Zwei Drittel der höheren Preisaufschläge gehen auf Firmen zurück, die bereits eine starke Marktposition haben, nicht auf innovative Newcomer.

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