Donnerstag, 17. Oktober 2019

Wettbewerb und Wohlstand Hatte Marx doch recht?

Der deutsche Philosoph und Politiker Karl Marx

2. Teil: The Winner takes… - most

In einer Marktwirtschaft sollten erhöhte Gewinne zusätzliche Anbieter anlocken, wodurch das Angebot größer wird, die Preise, und mithin die Gewinne, wieder sinken. Dieser Effekt führt dazu, dass die Früchte des Wirtschaftens sich in der Gesellschaft insgesamt verbreiten - der Wettbewerb sorgt für eine Diffusion von Innovation und Wohlstand.

Wenn jedoch Wettbewerber kaum Chancen haben, wird die Sache schwierig. Ein extremes Beispiel für solche Zutrittsbeschränkungen sind die Datenmultis (Google, Facebook, Amazon und andere), die von einer ganzen Reihe von Größenvorteilen profitieren. Je mehr Nutzer sie haben, desto wertvoller werden ihr Netzwerk, ihr Datenbestand, ihre Algorithmen und folglich auch die Services, die sie anbieten können.

Ein solcher Effekt ist nicht zwangsläufig gesellschaftlich nachteilig. Es ist möglich, dass die Fast-Monopolisten in sogenannten "Winner-take-most"-Märkten gegenüber potenziellen kleineren Wettbewerbern so große Vorteile haben, dass tatsächlich die Allgemeinheit profitiert - in dem Sinne, dass vergleichbare Services ohne die Existenz der Datenkraken schlicht nicht angeboten würde, und wenn, dann nur zu erheblich höheren Kosten und Preisen.

Aber es sind nicht nur solche Größenvorteile, die den Wettbewerbsdruck dämpfen, auch staatliche Regulierungen spielen eine Rolle. So entdeckten die IW-Forscher auch in der Finanzbranche und bei Versorgern erhöhte Preisaufschläge, ebenso in hochproduktiven Dienstleistungsbranchen - von Architekten bis Wirtschaftsprüfern -, die besonders geschützt sind, häufig als Folge effektiver Lobbyarbeit.

"Die Hülle wird gesprengt"

Nicht betroffen von den gestiegenen Preisaufschlägen ist übrigens der IWF-Studie zufolge die Industrie. Auch wenn die Konzentration im produzierenden Gewerbe zugenommen hat und auf vielen Märkten weltweit nur noch wenige Anbieter präsent sind - siehe die Autobauer -, so ist der Wettbewerb doch zumeist hart und heftig.

Insgesamt jedoch hat die gemessene zunehmende Marktmacht negative volkswirtschaftliche Auswirkungen. Wenn sich die Wirtschaft auf wenige mächtige Unternehmen konzentriere, haben diese weniger Anreize zu investieren und zu innovieren, so die IWF-Studie. Die Verteilung der Einkommen werde ungleicher; Wachstum und Wohlstand blieben zurück. Wie gesagt, bislang seien diese Effekte nur moderat sichtbar. Aber sie könnten sich in der Zukunft zu einem massiven Problem ausweiten.

Wenn der Fortschritt nicht in die weitere Gesellschaft diffundieren kann, dann läuft etwas grundsätzlich falsch im Kapitalismus. Wie ziselierte Marx? "Die Koncentration der Produktionsmittel" erreiche irgendwann einen Punkt, da sie "unverträglich" werde mit "ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigenthums schlägt". Und weiter: "Die Expropriateurs werden expropriirt." Beutet die Ausbeuter aus!

Hört die Signale!

Bekanntlich fand die von Marx vorhergesagte Revolution nicht statt. In England, Frankreich oder den Niederlanden, den damals am höchsten entwickelten Ländern, blieb der große Umsturz aus. Lediglich in Agrarstaaten mit Entwicklungsrückstand konnten sich später Lenin, Mao und Co. durchsetzen. In Industriestaaten (Tschechoslowakei, Ostdeutschland) gelang dem Sozialismus nur mit sowjetischer Waffengewalt der Sieg.

Westliche Länder hingegen waren in der Lage, sich graduell zu reformieren - durch neue Institutionen, Regeln, Gesetze. Die zentralen Instrumente dabei sind offene Grenzen, die den Wettbewerbsdruck erhöht, und die Wettbewerbskontrolle, in der EU ausgeübt durch die zuständige Kommissarinnen Cecilia Malmström und Margrethe Vestager. Firmenzusammenschlüsse verbieten, das Ausnutzen marktbeherrschender Stellungen ahnden - kaum vorstellbar zu Marx' Zeiten.

Worum es jetzt gehen sollte, ist ein Update des Instrumentariums. Die neuen datengestützten Quasi-Monopole erfordern neue Regeln. Muss man ihnen zum Beispiel verbieten, kleinere Unternehmen aufzukaufen, die zu schlagkräftigen Wettbewerbern heranwachsen könnten? Und wenn ja, wie beurteilt man das? Oder: Kann, soll, muss man die Digitalriesen dazu verpflichten, ihre Datenbasis allgemein zugänglich zu machen, sodass auch andere sie nutzen können? Gibt es Hürden, beispielsweise im Bildungs- und Forschungssystem, die die Diffusion von Innovationen und damit die Intensivierung des Wettbewerbs behindern? Sollte man gar große Datenbestände - die unentgeltlich erworbene Produktionsbasis - besteuern, wie es in den USA einige fordern?

Klar ist, was falsch wäre: alte Großunternehmen schützen (siehe die industriepolitischen Vorstellungen von Wirtschaftsminister Peter Altmaier) oder gar Produktionsmittel verstaatlichen. Solche rein defensiven Strategien würden die Probleme nicht lösen, sondern verschlimmern. Es sollte darum gehen, die Dynamik zu erhalten und möglichst viele daran teilhaben zu lassen - nicht darum, die Dynamik zu bremsen.

Ich vermute, Karl Marx, der Ökonom, würde das heute ähnlich sehen. Bei Marx, dem Revolutionstheoretiker, bin ich mir nicht so sicher.

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