Mittwoch, 21. August 2019

Weltwirtschaft Biedermänner und Brandbeschleuniger

Christian Schulz/ DPA

Das globale Wirtschaftssystem zerfällt. Schuld daran ist nicht allein US-Präsident Donald Trump. Es gibt noch ein paar andere Verdächtige.

Zum Glück hat die Weltgeschichte keinen Rückwärtsgang. Nostalgie ist deshalb ein schlechter Ratgeber. Dadurch entstehen leicht gefährliche Illusionen, die den Blick auf das tatsächlich Mögliche vernebeln.

Henrik Müller
manager magazin
Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor war Müller stellvertretender Chefredakteur des manager magazins.

Alternde Gesellschaften mögen sich die Zukunft als Vergangenheit 2.0 wünschen. Das britischen Empire (wohin sich viele Brexit-Anhänger zurücksehnen) wird genauso wenig wiederauferstehen wie die D-Mark (die sich immer noch viele Deutsche zurückwünschen). Gleiches gilt für die westlich dominierte Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegsjahrzehnte.

Was war, kommt nie wieder. Schade, eigentlich.

Vor genau 75 Jahren fand in Bretton Woods, einem Skiort im Nordosten der USA, jene Konferenz statt, mit der die Ära des Multilateralismus begann. Die USA, Großbritannien und ein paar Dutzend weitere westliche Staaten etablierten erstmals ein globales Wirtschaftssystem, das auf Verträgen, Regeln und starken Institutionen basierte. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank entstanden dort. Das Handelsabkommen GATT folgte wenige Jahre später; in den 90er Jahren wurde daraus die Welthandelsorganisation WTO - es war ein letzter Triumph der westlichen globalen Ordnung.

Seither ist dieses System in Auflösung begriffen, zunächst schleichend, inzwischen mit zunehmendem Tempo. In den Nullerjahren konnten sich die WTO-Mitgliedstaaten nicht mehr darauf einigen, das Regelwerk zu überarbeiten; die "Doha-Runde" scheiterte. Parallel dazu schlossen insbesondere die EU und die USA diverse Handelsabkommen mit anderen Staaten, außerhalb des multilateralen WTO-Rahmens.

Nun eskaliert der Handelskrieg. 2018 markiert einen historischen Wendepunkt:

Die Handelsbeschränkungen im internationalen Warenaustausch haben sich im Laufe des vorigen Jahres vervielfacht, so die WTO. Schuld daran ist nicht allein US-Präsident Donald Trump. Er agiert eher als eine Art Brandbeschleuniger, auch durch seine offen zur Schau getragene Missachtung für das multilaterale System.

Noch gibt es keinen großen Handelskrieg. Aber die derzeitigen Scharmützel haben das Potenzial, in ein sehr hässliches Szenario umzuschlagen: Die Weigerung der US-Regierung, neue Richter für die Schlichtungsstellen der WTO zu benennen, könnte die geordnete Konfliktbearbeitung faktisch lahmlegen.

Und wie es aussieht, werden auch die Notenbanken in das Ringen hineingezogen - ein Währungskrieg als Erweiterung des Handelskriegs erscheint möglich.

Damit droht genau jene Art von wirtschaftlichem Großkonflikt, den das Bretton-Woods-System verhindern sollte. Gatt und WTO wurden geschaffen, um die Grenzen offenzuhalten; der IWF sollte die Stabilität der Währungsverhältnisse sicherstellen.

Nie wieder, das war damals das Ziel, sollte sich das Chaos der 1930er Jahre wiederholen. Damals hatten sich die Nationen hinter immer höheren Zollhürden verbarrikadiert und nebenher auch ihre Wechselkurse manipuliert, um sich kurzfristige Exportvorteile zu verschaffen. In der Folge gab es jede Menge Verlierer: Der Welthandel brach drastisch ein. Die ökonomischen Auseinandersetzungen vertieften und verlängerten die Große Depression. Einige Historiker deuten sie gar als Vorboten des Zweiten Weltkriegs.

Wie gesagt, zum Glück wiederholt sich die Weltgeschichte nicht. Jedenfalls nicht Eins zu Eins. Gerade deshalb stellt sich die Frage: Was jetzt?

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