Henrik Müller

Weltwirtschaft Biedermänner und Brandbeschleuniger

Das globale Wirtschaftssystem zerfällt. Schuld daran ist nicht allein US-Präsident Donald Trump. Es gibt noch ein paar andere Verdächtige.
Foto: Christian Schulz/ DPA

Zum Glück hat die Weltgeschichte keinen Rückwärtsgang. Nostalgie ist deshalb ein schlechter Ratgeber. Dadurch entstehen leicht gefährliche Illusionen, die den Blick auf das tatsächlich Mögliche vernebeln.

Alternde Gesellschaften mögen sich die Zukunft als Vergangenheit 2.0 wünschen. Das britischen Empire (wohin sich viele Brexit-Anhänger zurücksehnen) wird genauso wenig wiederauferstehen wie die D-Mark (die sich immer noch viele Deutsche zurückwünschen). Gleiches gilt für die westlich dominierte Weltwirtschaftsordnung der Nachkriegsjahrzehnte.

Was war, kommt nie wieder. Schade, eigentlich.

Vor genau 75 Jahren fand in Bretton Woods, einem Skiort im Nordosten der USA, jene Konferenz statt, mit der die Ära des Multilateralismus begann. Die USA, Großbritannien und ein paar Dutzend weitere westliche Staaten etablierten erstmals ein globales Wirtschaftssystem, das auf Verträgen, Regeln und starken Institutionen basierte. Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank entstanden dort. Das Handelsabkommen GATT folgte wenige Jahre später; in den 90er Jahren wurde daraus die Welthandelsorganisation WTO - es war ein letzter Triumph der westlichen globalen Ordnung.

Seither ist dieses System in Auflösung begriffen, zunächst schleichend, inzwischen mit zunehmendem Tempo. In den Nullerjahren konnten sich die WTO-Mitgliedstaaten nicht mehr darauf einigen, das Regelwerk zu überarbeiten; die "Doha-Runde" scheiterte. Parallel dazu schlossen insbesondere die EU und die USA diverse Handelsabkommen mit anderen Staaten, außerhalb des multilateralen WTO-Rahmens.

Nun eskaliert der Handelskrieg. 2018 markiert einen historischen Wendepunkt:

Die Handelsbeschränkungen im internationalen Warenaustausch haben sich im Laufe des vorigen Jahres vervielfacht, so die WTO.  Schuld daran ist nicht allein US-Präsident Donald Trump. Er agiert eher als eine Art Brandbeschleuniger, auch durch seine offen zur Schau getragene Missachtung für das multilaterale System.

Noch gibt es keinen großen Handelskrieg. Aber die derzeitigen Scharmützel haben das Potenzial, in ein sehr hässliches Szenario umzuschlagen: Die Weigerung der US-Regierung, neue Richter für die Schlichtungsstellen der WTO zu benennen, könnte die geordnete Konfliktbearbeitung faktisch lahmlegen.

Und wie es aussieht, werden auch die Notenbanken in das Ringen hineingezogen - ein Währungskrieg als Erweiterung des Handelskriegs erscheint möglich.

Damit droht genau jene Art von wirtschaftlichem Großkonflikt, den das Bretton-Woods-System verhindern sollte. Gatt und WTO wurden geschaffen, um die Grenzen offenzuhalten; der IWF sollte die Stabilität der Währungsverhältnisse sicherstellen.

Nie wieder, das war damals das Ziel, sollte sich das Chaos der 1930er Jahre wiederholen. Damals hatten sich die Nationen hinter immer höheren Zollhürden verbarrikadiert und nebenher auch ihre Wechselkurse manipuliert, um sich kurzfristige Exportvorteile zu verschaffen. In der Folge gab es jede Menge Verlierer: Der Welthandel brach drastisch ein. Die ökonomischen Auseinandersetzungen vertieften und verlängerten die Große Depression. Einige Historiker deuten sie gar als Vorboten des Zweiten Weltkriegs.

Wie gesagt, zum Glück wiederholt sich die Weltgeschichte nicht. Jedenfalls nicht Eins zu Eins. Gerade deshalb stellt sich die Frage: Was jetzt?

Trump, der demolition man

Multilateralismus - schon der Begriff klingt so sperrig, dass er früher kaum je in der politischen Debatte auftauchte. Doch seit Donald Trump angetreten ist, die Weltordnung der Nachkriegszeit zu demolieren, gibt es plötzlich jede Menge Multilateralismus-Fans, auch auf der linken Seite des politischen Spektrums. Zurecht.

Multilateralismus heißt: Das Powerplay der großen Mächte wird ersetzt durch Regeln, denen sich alle unterwerfen. Auch kleinere und ärmere Länder können unter diesen Bedingungen Handelsgerichte anrufen und im Zweifel Recht bekommen.

Die großartige Leistung der USA auf dem Zenit ihrer Macht nach dem Zweiten Weltkrieg bestand darin, dieses System geschaffen und sich selbst seinen Regeln, Prozeduren und Institutionen unterworfen zu haben. Das galt für den internationalen Handel, die Wechselkursrelationen und Vieles mehr.

Sicher, Amerika selbst hat von diesem System, das seine Rolle als Hegemonialmachte des Westens untermauerte, profitiert. Aber in Washington hatte man damals erkannt, dass es besser ist, als Anker einer regelgebundenen Ordnung zu agieren statt als erratische Vormacht.

Jetzt ist diese Ära unzweifelhaft zu Ende. Trump ist dafür eher Symptom als Ursache. Er ist der demolition man, eine Art oberster Abbruchbeauftragter der alten Ordnung. Das multilaterale Weltwirtschaftssystem wird nicht zurückkommen, egal wer nächstes Jahr zum US-Präsidenten gewählt wird.

Konfrontation der Überforderten

Es sind vor allem zwei Faktoren, die die Konflikte befeuern:

Erstens, innere Spannungen wenden sich nach außen. Regierungen und Notenbanken haben kaum noch wirtschaftspolitische Instrumente zur Verfügung. Die Zinsen sind bei Null, die Schulden von Staaten und Unternehmen hoch. Die politischen Systeme sind in vielen Ländern so geschwächt, dass schmerzhafte Strukturreformen kaum durchsetzbar sind.

In dieser Situation ist die Versuchung groß, die eigenen Probleme seinen Handelspartnern aufbürden zu wollen. China überschwemmt die Welt mit Stahl, statt rasch seine eigenen Überkapazitäten abzubauen. Amerikaner, Europäer und andere reagieren mit Anti-Dumping-Zöllen.

Ähnliches gilt in der Währungspolitik. Wenn der scheidende EZB-Chef Mario Draghi eine weitere Runde von Wertpapierkäufen in Aussicht stellt, liegt der Verdacht nahe, dass er damit vor allem den Wechselkurs des Euro drücken will, um den Export zu stützen. Da die Zinsen über das gesamte Laufzeitenspektrum bereits bei Null (oder darunter) liegen, ist der Wechselkurs womöglich der einzig verbliebene Hebel, mit dem die Notenbank die Wirtschaft beeinflussen kann.

Logisch, dass Trump dieses Kalkül als unfreundlichen Akt deutet. Kürzlich hat er Draghi per Twitter zum Währungsmanipulator gestempelt. Zugleich übt er Druck auf die eigene Notenbank aus. Die Fed soll die geldpolitischen Zügel lockerlassen, auch um den Dollar zu schwächen und die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der US-Wirtschaft zu stärken. Es ist genau jene Dynamik, die aus einem Handelskrieg einen Währungskrieg als Nebenschauplatz aufmacht.

Ob der mutmaßlich nächste IWF-Chef Mark Carney, derzeit noch Gouverneur der Bank von England, diese Eskalationsspirale bremsen kann, ist zweifelhaft. Dazu ist die Position der alten Bretton-Woods-Institutionen inzwischen zu schwach. Christine Lagarde, die künftige EZB-Präsidentin und bisherige IWF-Vorfrau, kann sich auf einigen Druck gefasst machen.

Zweitens, die globalen Machtverhältnisse haben sich fundamental verschoben. Die USA sind nicht mehr die alles dominierende wirtschaftliche Vormacht. Selbst wenn Washington wollte, Amerika könnte gar nicht mehr als wohlmeinende Hegemonialmacht agieren.

China, die zweite Großmacht, verfolgt seine eigenen Interessen und setzt auf eine Art Neoimperialismus, wie er sich im Giga-Projekt der "neuen Seidenstraße" zeigt - alle Wege (Schienenstränge, Wasserstraßen…) führen nach Peking.

Präsident Xi Jinping preist zwar gelegentlich die multilaterale Ordnung, ist aber bislang nicht bereit, am Gebaren seines Landes Entscheidendes zu ändern. Ideenklau und erzwungene Übertragung von geistigem Eigentum an chinesische Partner sowie erschwerter Marktzugang für ausländische Anbieter bleiben gängige Praxis.

Für ein Land wie China ist der alte multilaterale Rahmen nicht gemacht. Eine staatskapitalistische Volkswirtschaft von solcher Größe - ohne Gewaltenteilung und verlässliches Rechtssystem - ist in der WTO-Ordnung nicht vorgesehen. Wenn sie ihre Partner übervorteilt, überfordert sie das System.

Insofern liegt Trump nicht in allem falsch, auch wenn Ton, Form und Vorgehensweise gewöhnungsbedürftig sind, zurückhaltend formuliert. In der Sache ließe sich mehr erreichen, wenn der Westen gemeinsam agierte. Stattdessen stößt Trump seine alten Alliierten - die EU, Japan, Kanada, Südkorea - vor den Kopf und geht auch mit ihnen auf Konfliktkurs.

Wie geht die Sache aus? Drei Szenarien:

a) Kommendes Jahr wird ein neuer US-Präsident gewählt, der es schafft, den Westen nochmal zu einen und eine Art westliche Großfreihandelszone zu schaffen. Deren Regeln müssten China, Russland und andere akzeptieren - oder draußen bleiben.

b) Es bilden sich große Handelsblöcke - die EU, USMCA (früher Nafta), die Transpazifikzone -, die im Innern offen sind, aber nach außen relativ geschlossen.

c) Die bisherigen weltwirtschaftlichen Strukturen zerfallen und werden durch gar nichts ersetzt. Das Resultat ist ein Handels- und Währungskrieg aller gegen alle.

Zweifellos wäre Szenario a) die beste Lösung. Ich tippe auf b) - ohne jede Nostalgie.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche

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MONTAG Peking - Säuerliche Dynamik - Chinas Statistikamt legt Zahlen zum Wirtschaftswachstum im zweiten Quartal vor.

DIENSTAG

Straßburg - E-Day für von der Leyen - Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen soll vom EU-Parlament als Nachfolgerin von Jean-Claude Juncker bestätigt werden. Die Staats- und Regierungschefs hatten nach langem Ringen die Christdemokratin gekürt. Ihre Wahl ist umstritten, insbesondere bei den deutschen Sozialdemokraten.

Berichtssaison I - Geschäftszahlen von Wells Fargo, Johnson & Johnson, J.P. Morgan Chase

MITTWOCH Luxemburg - Euroflation - Eurostat veröffentlicht Zahlen zur Inflation in der Eurozone im Juni.

Berichtssaison II - Geschäftszahlen von TomTom, IBM, Netflix, U.S. Bancorp, Bank of New York Mellon, Ericsson, Alcoa, Ebay.

DONNERSTAG Spartanburg - Unter Strom - Der BMW-Aufsichtsrat berät über die Nachfolge des scheidenden Vorstandschef Krüger.

Berichtssaison III - Geschäftszahlen von SAP, Novartis, Alstom, Easyjet, Danske Bank, Philip Morris, Electrolux.

FREITAG Berichtssaison IV - Geschäftszahlen von Sartorius, Vattenfall, Vattenfall.

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