Vor dem Weltwirtschaftsforum Der "Davos-Mensch" und seine Nachfolger

Es ist ein alljährliches Ritual: In den Schweizer Bergen trifft sich die so genannte globale Elite. Doch diese Gruppe der Mächtigen und Wichtigen hat sich längst aufgespalten in verschiedene Lager. Und das ist ein Problem.
Davos: Eine Versammlung von Zombies in den Schweizer Bergen?

Davos: Eine Versammlung von Zombies in den Schweizer Bergen?

Foto: DPA

Es war eine beißende Kritik. "Tote Seelen" seien diese Leute, denen "tiefe Gefühle von Bindung" an die Heimat fehlten. Der "Davos-Mensch" sei eine Spezies, die sich in ihren "Einstellungen und Verhaltensweisen" weit vom übrigen Volk entfernt habe, ätzte der US-Politologe Samuel Huntington.

Es klang, als ob sich oben in den Schweizer Bergen einmal im Jahr ein Haufen Zombies trifft.

Ab Montag versammelt sich die globale Elite wieder mal in Davos zum World Economic Forum (WEF). Und es lohnt sich, Huntingtons Essay, erschienen vor anderthalb Jahrzehnten, noch mal zu lesen. Nicht, weil es unbedingt wahr wäre - sondern weil sich seither eine Menge verändert hat.

Inzwischen gibt es die eine globale Elite nicht mehr. Sie zerfällt zusehends in unterschiedliche Stämme, die die Lage der Welt jeweils aus ihrem ganz speziellen Blickwinkel beurteilen - der "Davos-Mensch" hat sich, so gesehen, in verschiedene Unterarten aufgespalten. Was seine eigenen Probleme mit sich bringt.

Der "Kosmopolitismus" und seine Gegner

Immerhin hatte die von Huntington heftig diffamierte Elite ein gemeinsames Weltbild. In der Ära der raschen Globalisierung der 90er und 2000er Jahre teilten die Führungsfiguren aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft eine ziemlich einheitliche Sicht: weitere Integration der Märkte, verstärkte internationale Zusammenarbeit, schlagkräftige internationale Institutionen.

Es war ein großes liberalistisches Programm. Viele Schwellenländer mochten noch autoritär regiert werden, aber ihre Führer schienen doch nach Wegen zu suchen, wie sie ihrer Gesellschaften allmählich öffnen könnten, ohne deren Stabilität zu gefährden. Die Welt würde allmählich westlich, das war lange die verbreitete Erwartung. Alles nur eine Frage der Zeit.

Was nicht hieß, dass alles gut war: Zum Davos-Konsens gehörte nicht nur das Versprechen auf Wachstum und Reichtum (sowie das Zelebrieren der eigenen Wichtigkeit), sondern auch das Bewusstsein, dass es immer mehr globale Probleme gebe, die man gemeinsam angehen muss - ja, die man ausschließlich gemeinsam angehen kann. Lösungen könne es nur geben, wenn sich nationale Egoismen überwinden lassen.

Dieser "Kosmopolitismus" (Huntington) brachte immerhin einiges zustande: Das globale Krisenmanagement nach dem Finanzcrash von 2008 wäre ohne den Geist von Davos kaum vorstellbar gewesen, ebenso wenig das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015. Um nur zwei Beispiele zu nennen.

Tiefe Gräben tun sich auf

Doch dieser Geist verflüchtigt sich. Tiefe Gräben tun sich auf - zwischen den Staaten, aber auch innerhalb von Gesellschaften:

· ideologisch: Das liberale westliche Gesellschaftsmodell gilt nicht mehr als Vorbild, dem andere nacheifern. Gegenentwürfe gibt es reichlich, von Chinas digitalem Totalitarismus über moderne Despotien wie Russland bis zu traditionellem Absolutismus am Persischen Golf (sie alle werden mit Regierungsmitgliedern in Davos vertreten sein). Auch der offen zur Schau getragene Nationalismus von Figuren wie Donald Trump stellt das liberale Modell in Frage.

· sozial: Gesellschaften zerfallen zusehends in Gruppen und Stämme, die jeweils ihre eigene Identität beschwören. Rational begründbare Interessen sind häufig kaum noch zu erkennen, sodass sich ein demokratischer Konsens kaum noch herstellen lässt. Großbritannien steht gelähmt vor dem Brexit-Chaos (Finanzminister Philip Hammond hat sich für Freitag angekündigt); Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat alle Hände mit dem Aufstand der Gelbwesten zu tun (und kommt deshalb nicht nach Davos); in den USA blockieren sich Präsident und Kongress gegenseitig und bekommen keinen Staatshaushalt zustande, weshalb ein Teil der Bundesbehörden seine Arbeit eingestellt hat (alle angekündigten US-Minister haben kurzfristig ihre Davos-Reisepläne abgesagt).

· ökonomisch: Die gemessene wirtschaftliche Wirklichkeit widerspricht in großen Teilen den etablierten Vorstellungen davon, wie die Wirtschaft eigentlich funktionieren sollte. Beispiele: Trotz unübersehbarer technologischer Durchbrüche stagniert die Produktivität. Trotz Aufschwungs steigen Löhne und Preise kaum; die Zinsen sind so niedrig wie noch nie in Friedenszeiten, während sich an den Kapitalmärkten immer neue Blasen bilden, gefolgt von unvermeidlichen Crashs. Die Verteilung von Chancen und Risiken ist ungleich verteilt. Unter diesen Bedingungen lässt sich kaum noch Einigkeit über die richtige wirtschaftspolitische Strategie herstellen.

Merkel, Bono, Gates - und all die anderen

Merkel, Bono, Gates - und all die anderen

Sicher, es gibt noch den üblichen Davos-Crowd, der auch dieses Jahr wieder anreist. Unter vielen anderen werden Angela Merkel und ihr japanischer Kollege Shinzo Abe dabei sein (beide am Mittwoch), außerdem die üblichen Polit-Wirtschaft-Kultur-Promis wie Al Gore, Bill Gates und Bono, die Topliga der internationalen Technokratie (darunter die Chefs von Währungsfonds, Weltbank, Uno, OECD sowie diverse EU-Kommissare) und natürlich Heerscharen von Managern internationaler Konzerne (aus Deutschland: die Vorsitzenden von Allianz, BASF, Deutscher Bank, Post, Merck und SAP).

Die Gästeliste ist wieder mal beeindruckend: Mehr als 40 Staaten entsenden Regierungschefs oder Minister. Hinzu kommen renommierte Wissenschaftler und Aktivisten von Nichtregierungsorganisationen. Aber anders als früher, teilen sie nicht mehr unbedingt gemeinsame Ziele.

Jair Bolsonaro beispielsweise ist kein "Davos-Mensch". Brasiliens neuer Präsident wird am Dienstag seinen ersten großen Auftritt auf der Weltbühne haben. Wenig Zweifel hat er daran gelassen, dass er dem globalen Problem Nummer Eins, dem Klimawandel, wenig Bedeutung beimisst und wieder im größeren Maßstab den brasilianischen Regenwald abholzen lassen möchte. Da mag der gerade erschienene Weltrisikobericht des WEF  - extreme Unwetter, Naturkatastrophen, Wassermangel, Artensterben und das Kollabieren ganzer Ökosysteme ganz oben auf seine Warnliste setzen. Bolsonaro dürfte sich davon wenig beeindruckt zeigen.

Chinas Präsident Xi Jinping gab sich vor zwei Jahren noch als "Davos-Mensch", als er in seiner WEF-Rede sein Land als Garanten der multilateralen Ordnung hinstellte, als eine Art Anti-Trump. Ein starkes Stück Propaganda von einem Regenten, der längst die Zurückhaltung seiner Vorgänger aufgegeben hat, nach außen eine aktive Großmachtpolitik betreibt und im eigenen Land den Repressionsapparat ausbauen lässt. Man darf gespannt sein, welche Töne sein Vizepräsident Wang Qishan (Mittwoch) und all die angereisten Topmanager chinesischer Konzerne anschlagen.

Bullshit und Wahrheit

Viel Wandel, viel Unsicherheit

Der Blick auf die planetare Wirklichkeit zerfasert. Gemeinsame Ziele und Überzeugungen - das sind die Grundvoraussetzungen für kollektives Handeln. Eine gemeinsame Basis an Fakten, Wissen und Werten hilft dabei, nationale Interessengegensätze zu überwinden. Wenn aber die Weltsicht flexibel den jeweiligen Interessen angepasst wird, wird es schwierig, das selbstgesteckte Ziel des WEF zu erreichen, nämlich "den Zustand der Welt zu verbessern".

Ich sehe für diese Entwicklung vor allem zwei Ursachen. Einerseits erleben wir tatsächlich einen Wandel, der objektiv viele Bereiche parallel betrifft, zum Beispiel:

· Demographie: Noch nie lebten so viele Menschen auf der Erde, noch nie alterte die Weltbevölkerung so rapide. Das dürfte fundamentale Auswirkungen haben - auf die Produktivität, auf Migrationsströme, auf soziale Beziehungen oder politische Präferenzen. Nur welche?

· Globale Machtverteilung: In der Vergangenheit stützte sich das internationale Staatensystem auf wenige Großmächte. Inzwischen erleben wir eine Diffusion der Macht, in der diverse Mächte miteinander um Vorherrschaft ringen. Besonders augenfällig ist dies am Persischen Golf, eine Region, die lange von den USA stabilisiert wurde, wo nun aber Saudis und der Iran, Russland, die Türkei, Israel und Amerikaner ihre Finger im Spiel haben. Mit welchen Institutionen lässt sich eine derart zerklüftete internationale Landschaft stabilisieren?

· Klimawandel: Die Erwärmung der Erdatmosphäre scheint sich zu beschleunigen, inklusive häufigerer extremer Unwetter und ungleichmäßigerer Niederschläge. Doch nicht alle leiden darunter. Russland beispielsweise kann sich Vorteile ausrechnen, wenn seine Permafrostgebiete auftauen und das Eis im Nordmeer schmilzt. Andererseits sollte der globale Ausstieg aus der CO2-Wirtschaft einfacher werden, weil erneuerbare Energie dank technischen Fortschritts immer billiger wird.

Wie wirkt all das zusammen? Was wird beispielsweise aus einer demographisch schrumpfenden Nation wie Russland, wenn die Welt immer weniger Öl und Gas nachfragt und dadurch die wirtschaftlichen Grundlagen bröckeln? Gelingt es dem Land, sich neu zu erfinden? Oder wird es seine inneren Konflikte nach außen tragen? Soviel Wandel schafft Unsicherheit. Damit können wir schlecht umgehen.

Zum anderen verändern sich auch Kommunikationsstrukturen innerhalb von Gesellschaften, sodass sich die subjektive Wahrnehmung der Welt auffächert.

Bullshit und Wahrheit

Während die objektiven Probleme großräumiger werden, werden die Kommunikationsräume kleinteiliger; informationsorientierte Massenmedien werden verdrängt von Sozialen Netzwerken, von Unterhaltung und soft news. In den virtuellen Feedback-Kammern kommt es zu Rückkopplungseffekten, in der Gleichgläubige sich gegenseitig immer lautstärker bestätigen. Zudem prasselt eine anschwellende Bilderflut aus Youtube-Videos, Netflix-Serien, Chats, Spielen, Pushmeldungen, Whatsapp-Nachrichten und vielem mehr auf uns ein. In unserer Wahrnehmung vermischt sich das Triviale mit dem Wichtigen, das Reale mit dem Fiktionalen, Bullshit mit Wahrheit. Kein Wunder, dass die Basis gemeinsam akzeptierter Fakten brüchig wird. Es ist nicht mehr unbedingt klar, was wirklich ist und was relevant - was also wirklich relevant ist.

Womöglich werden wir den "Davos-Mensch" noch schmerzlich vermissen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Die wichtigsten Wirtschaftsterme der bevorstehenden Woche

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

MONTAG Peking - Weltkonjunktur - Chinas Statistikamt legt Zahlen zum Wirtschaftswachstum 2018 vor. Zuletzt spukten Gerüchte durch die Finanzmärkte, wonach das tatsächliche Wachstum weit unter den offiziellen Werten von um die 6,5 Prozent liegen soll.

Brüssel - Tiefer, tiefer - Treffen der Euro-Finanzminister. Themen unter anderen: die wirtschaftspolitischen Empfehlungen für die einzelnen Länder sowie die Vertiefung der Währungsunion.

Davos - Der Zauberberg - oder: Fool on the Hill - In den Schweizer Alpen beginnt das Weltwirtschaftsforum (bis Freitag).

DIENSTAG Brüssel - Brexit und so - Treffen der Finanzminister aller 28 EU-Staaten. Auf der Agenda steht eine neue Investitionsinitiative sowie die Ergebnisse des wirtschaftspolitischen Überwachungsverfahrens. Tatsächlich aber dürfte es wohl vor allem um das drängende Großthema dieser Wochen gehen: Was passiert Ende März, falls Großbritannien ohne Abkommen aus der EU herausstolpern sollte?

Aachen - Freundschaft - Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron unterzeichnen das erneuerte deutsch-französische Abkommen. Der "Aachener Vertrag" knüpft an den Élysée-Vertrag von 1963 an.

MITTWOCH Berlin - Fliegen oder bleiben - Fortsetzung der Tarifverhandlungen für das Personal auf den deutschen Flughäfen. Streiks können hässliche Folgen haben.

Tokio - Immer noch auf dem Gaspedal - Japans Zentralbank gibt ihre Beschlüsse zur Geldpolitik bekannt. Keine andere Notenbanken der Welt druckt so ungehemmt Geld.

Davos - Blick vom Gipfel - Bundeskanzlerin Merkel und Japans Ministerpräsident Abe treten beim WEF auf.

DONNERSTAG Frankfurt - Draghis letztes Jahr - Die Europäische Zentralbank entscheidet über den weiteren Kurs. Es wird spannend: Die Wertpapierkäufe hat die EZB zum Jahresende eingestellt. Hebt sie bald die Zinsen an? Oder zwingt sie der Abschwung zu erneuten Wertpapierkäufen? Wer wird Nachfolger von EZB-Chef Draghi, dessen Amtszeit im Herbst endet? Und wer folgt Ende Mai Chefvolkswirt Praet nach, der ebenfalls ausscheidet?

FREITAG

München - Deutsche Stimmung - Neues vom wichtigsten Konjunkturbarometer für die deutsche Wirtschaft, dem Ifo-Geschäftsklimaindex.

Bonn - Schneller Streamen - Die Bundesnetzagentur gibt bekannt, wer sich für die Teilnahme an der Auktion der 5G-Frequenzen beworben hat.

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