Marc Pitzke

Trumps Mob stürmt Kapitol Ein amerikanisches Verbrechen

Marc Pitzke
Ein Kommentar von Marc Pitzke, DER SPIEGEL
Ein Kommentar von Marc Pitzke, DER SPIEGEL
Die staatsstreichartigen Szenen vom Sturm auf das Kapitol in Washington sind das logische Finale der Trump-Ära. Anstifter sind die Republikaner - und vor allem ihr scheidender Präsident.
Nationalgarde vor dem US-Kapitol

Nationalgarde vor dem US-Kapitol

Foto: ANDREW CABALLERO-REYNOLDS / AFP

Ein entfesselter Mob in den Marmorhallen des Kapitols. Gezückte Schusswaffen im belagerten Plenum. Verbarrikadierte Senatoren und Abgeordnete, in Gasmasken unter Schreibtische geduckt.

Die Szenen aus Washington schockieren. Sie überraschen jedoch nicht. Der Putschversuch der Wahlverlierer ist das grotesk anmutende, aber erschütternde Finale eines vierjährigen, autokratischen Fiebertraums, dessen unheimlicher Regisseur Donald Trump (74) war, der selbsternannte "Law-and-Order"-Präsident, assistiert von der zusehends radikalisierten Republikanischen Partei und rechtsextremen Propagandamedien.

Szenen dieser Art kennt man aus anderen Ländern. Aus "failed states" und repressiven Regimes. Nicht aus den USA, die sich als Wiege und Verteidiger der westlichen Demokratie rühmen.

Trumpismus pur.

Überfordert: Die Kapitolpolizei stemmt sich gegen Trump-Anhänger

Überfordert: Die Kapitolpolizei stemmt sich gegen Trump-Anhänger

Foto: STEPHANIE KEITH / REUTERS

Trump und seine Liebediener haben die rechte, weiße, männliche Wut, die in Amerika seit Langem brodelt, angefacht, gebündelt und für ihre Zwecke instrumentalisiert. Trump liebt, wie jeder Möchtegern-Diktator, Macht und Anbetung. Die Republikaner lieben das große Geld und rechte Richter. Ihre Medien, von Fox News bis OAN, lieben Quoten. Gemeinsam stachelten sie die marodierende Meute vom Mittwoch an.

Sie alle müssten zur Rechenschaft gezogen werden.

Vor vier Jahren sagten viele naiv: Wird schon! Sagten: Trump wird sich mäßigen, das Korsett der US-Demokratie wird ihm die Luft nehmen, wir bleiben stark. Das Amt prägt den Präsidenten, nicht andersrum. Wer Bedenken hatte, galt als Spielverderber, Schwarzmaler, Panikmacher.

"Präsident auf Lebenszeit"

Doch Trump blieb der, der er war.

Der Mann, der bei jeder Gelegenheit seine "Gene" preist, der "gemeine und harte" Diktatoren liebt, der nach Angaben seiner Ex-Frau Ivana "Mein Kampf" auf dem Nachttisch liegen hatte, tat immer nur das, was er bei anderen bewundert.

"Präsident auf Lebenszeit", sagte Trump über Xi Jinping. "Vielleicht sollten wir das eines Tages auch mal probieren."

Doch dafür braucht er Fußtruppen, die diesen Kampf für ihn kämpfen. Seit 2016 hat er sie gehegt und gepflegt, umschmeichelt und mit falschzüngigen Botschaften motiviert. Er ermunterte die Neonazis von Charlottesville. Er spornte bewaffnete Corona-Leugner ab. Er rief den rechtsextremen "Proud Boys" zu: "Stand back and stand by."

Die hörten nur den zweiten Halbsatz: Haltet euch bereit. Und das hatte Trump auch so beabsichtigt.

"Steht zu Trump": Anhängerin am Weißen Haus

"Steht zu Trump": Anhängerin am Weißen Haus

Foto: JIM BOURG / REUTERS

Ihr Moment kommt am Mittwoch. Der Tag, an dem der Kongress das Wahlergebnis vom November offiziell machen soll, ein in der Verfassung verankerter Routineakt, wird zum Tag des "Aufstands", wie Joe Biden (78) ohne Umschweife sagt.

Dieser Aufstand beginnt an zwei Fronten: Er beginnt im Plenum des Repräsentantenhauses, wo Trump-Vasallen wie Ted Cruz zynisch gegen die Zertifizierung des Wahlergebnisses protestieren, um sich bei der Basis anzubiedern. Kein wirklicher Versuch, die Wahl zu kippen, wispern sie hinter vorgehaltener Hand, nur ein politischer Stunt.

Die andere Front des Aufstands verläuft am entgegengesetzten Ende der National Mall, wo Trump vor Zehntausenden Anhängern erneut und endlos von Wahlbetrug faselt. "Wir werden nie aufgeben", ruft er."Ihr werdet euer Land nie mit Schwäche zurückerobern, ihr müsst Stärke zeigen."

DER SPIEGEL

Sezessionsflagge im Kapitol

Die Fronten vereinen sich wie in einem schlechten Film. Grölende Trumpisten brechen ins Kapitol ein, schwenken die Sezessionsflagge, stürmen den hastig geräumten Plenarsaal, posten stolz Selfies aus dem Büro von Nancy Pelosi. Deren Mitarbeiter müssen sich so schnell in Sicherheit retten, dass sie nicht mal ihre E-Mails schließen können.

"Absoluter Bananenrepublik-Scheiß", murmelt der republikanische Abgeordnete Mike Gallagher, ein Irakveteran, der ein Video aus seinem Büro twittert.

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Das letzte Mal, dass das US-Kapitol in so einen Lockdown ging, war der 11. September 2001.

Obwohl diese Eskalation zu befürchten war, obwohl sie in Netzwerken wie Parler und Telegram seit Wochen geplant wird, sind die heiligen Hallen der US-Demokratie den rechten Horden ausgeliefert. Wo ist die Bundespolizei? Wo die Nationalgarde?

Ganz anders im Sommer, als Soldaten brutal gegen Black-Lives-Matter-Protestler vor dem Weißen Haus vorgingen, als sie den Lafayette Square mit Nebelkerzen und Tränengas räumten, nur damit Trump vor einer Kirche mit einer Bibel für Fotografen posieren konnte.

Wütend bis zum Schluss: Trump-Anhänger in Washington

Wütend bis zum Schluss: Trump-Anhänger in Washington

Foto: JIM URQUHART / REUTERS

Der Aufstand vom Mittwoch ist ein Fanal der "white supremacy", trotz demografischer Umbrüche und demokratischer Wahlerfolge wie im Südstaat Georgia. Black-Lives-Matter-Demonstranten wären nie so nahe ans Kapitol gekommen. Sie wären festgenommen, verprügelt worden: "Antifa-Terroristen", hatte Trump in pervertierter Umkehr der wahren Bedrohungslage noch am Dienstag gedroht: "Haltet euch fern aus Washington."

Als im Sommer 2018 Dutzende Frauen im Kongress mit friedlichen Sitzstreiks gegen die Nominierung des Supreme-Court-Richters Brett Kavanaugh protestierten, waren sie sofort in Handschellen. Als Jane Fonda in der Rotunda gegen die Klimapolitik demonstrierte, wurde selbst sie abgeführt.

Doch nun, an diesem historischen Mittwoch, diesem Tag der Schande für die US-Demokratie, schaut der oberste weiße Mann des Landes den realen Konsequenzen seiner Realityshow stundenlang tatenlos zu. Dann twittert er zwei halbherzige Appelle (”Keine Gewalt!") und ein Video aus dem Rosengarten. Und selbst in dem wiederholt er seine große Lüge: "Wir hatten eine Wahl, die uns gestohlen wurde."

Kurz darauf sanktioniert er den Aufstand sogar: "Solche Dinge und Ereignisse geschehen, wenn den großartigen Patrioten, die so lange schlecht & unfair behandelt wurden, ein heiliger Erdrutschsieg so kurzerhand & bösartig entrissen wird. Geht heim in Liebe & in Frieden. Erinnert euch für immer an diesen Tag!" Twitter lässt den Kommentar als Anstiftung zur Gewalt löschen.

Dies ist noch nicht zu Ende.