Sonntag, 26. Januar 2020

Was hat der Amazon-Gründer mit der "Washington Post" vor? "Bezos will uns zu einer dominanten Kraft machen"

Tracy Grant
Marvin Joseph, The Washington Post
Tracy Grant

Tracy Grant, leitende Redakteurin bei der Washington Post, über die Unabhängigkeit der US-Medien im Wahlkampf, warum sie die Tweets ihrer Redakteure kontrolliert und den journalistischen Einfluss des Amazon-Gründers und Post-Eigentümers Jeff Bezos.

Tracy Grant, 52, begann ihre Karriere als Lokalredakteurin beim Miami Herald. 1993 wechselte Grant zur Washington Post, wo sie 2014 zum Deputy Managing Editor aufstieg. Grant ist bei der Post unter anderem für Neueinstellungen und andere Personalfragen verantwortlich. Ihr sind gut 700 Journalisten unterstellt.

manager-magazin.de: Mrs. Grant, die Washington Post hat kürzlich eine Wahlempfehlung für Hillary Clinton veröffentlicht. Darin stand, dass Clinton das Potenzial habe, "eine exzellente Präsidentin" zu sein. Andererseits heißt es in den offiziellen Ethik-Richtlinien Ihrer Zeitung, dass "wir jegliche aktive Einmischung in parteipolitische Angelegenheiten" vermeiden. Wie passt das zusammen?

Tracy Grant: Hier tritt eine Besonderheit US-amerikanischer Redaktionen zum Vorschein. Unsere Meinungsredakteure, die Kommentare oder eben Wahlempfehlungen schreiben, arbeiten separat von den Kollegen, die für Nachrichten zuständig sind. Wir nennen das "chinesische Mauer". Als Donald Trump vor einigen Monaten die Kommentarredaktion besuchte, durften zum Beispiel nur Meinungsredakteure an dem Treffen teilnehmen, für alle anderen gab es lediglich ein Transkript des Gesprächs. Wir trennen beide Teams strikt voneinander.

mm.de: Das mag sein, aber viele Menschen außerhalb der Redaktion wissen das nicht. Die meisten denken: Das ist die Meinung der gesamten Zeitung.

Grant: Da haben Sie wahrscheinlich Recht, aber diese Trennung ist dennoch sehr wichtig für unsere Berichterstattung. Als sich das Meinungsteam zum Beispiel in einem Kommentar dagegen aussprach, Edward Snowdens Gnadengesuch stattzugeben, vertrat der Newsroom, der einen Pulitzer-Preis für seine Snowden-Bericherstattung gewonnen hatte, die entgegengesetzte Meinung. Das zeigt wie unabhängig beide Teile unserer Zeitung sind. Genau wie die Werbeabteilung, bei der wir ebenfalls keine Vermischung dulden.

mm.de: Die Meinungsredaktion der Post ist mit ihrer Empfehlung nicht allein. Fast alle größeren US-Medien haben sich für Hillary Clinton ausgesprochen. Man fragt sich, ob die Leser das nicht als langweilig oder sogar übergriffig empfinden. Warum sollten Zeitungen überhaupt Wahlempfehlungen abgeben?

Grant: Zeitungen haben in diesem Land schon immer Wahlempfehlungen ausgesprochen. Das sind Angebote, aber entscheiden müssen die Leser natürlich selbst. Wir glauben, dass wohl begründete Meinungsstücke zu einer guten Zeitung dazugehören.

mm.de: Außerhalb des Meinungsteams untersagt es die Post ihren Redakteuren, öffentlich politisch Position zu beziehen. Sie persönlich überwachen sogar die Tweets Ihrer Leute. Wo verläuft für Sie dabei die Grenze zwischen akzeptabel und problematisch?

Grant: Alles was analytisch ist, ist in Ordnung. Alles darüber hinaus nicht.

mm.de: Haben Sie ein Beispiel?

Grant: Einer unserer Reporter schrieb zum Beispiel während der ersten TV-Debatte zwischen Clinton und Trump, dass Trump, was das Thema Handel betrifft, an Boden zu gewinnen scheint. Das ist in Ordnung. Wenn ein Kollege Links zu kritischen Trump-Artikeln twittern und dazu schreiben würde, "Deshalb wähle ich Hillary", wäre das ein Riesenproblem.

mm.de: Würde er seinen Job verlieren?

Grant: Wir führen Personalgespräche mit Redakteuren, die in sozialen Medien ihre politische Meinung äußern. Wir erwarten von unseren Journalisten, dass sie sich professionell verhalten. Und ja, Post-Redakteure haben deshalb in der Vergangenheit schon ihren Job verloren. Vor einigen Jahren hat einer unserer Onlineredakteure auf einer Demo für das Recht auf Abtreibung ein Schild hochgehalten. Das Lokalfrensehen hatte ihn dabei zufällig gefilmt. Das war für uns ein Kündigungsgrund.

mm.de: Ganz schön hart. Leonard Downie, Ihr ehemaliger Chefredakteur, hörte sogar auf zu wählen, während er für die Politikberichterstattung verantwortlich war. Geht das nicht zu weit?

Grant: Leonards Gedanke war, dass er sich in seinen journalistischen Entscheidungen so wenig wie möglich von seinen eigenen Präferenzen beeinflussen lassen wollte. Das ist natürlich ein extremes Beispiel, das aber auch deutlich macht, wie wichtig der Wert der Unabhängigkeit im Journalismus ist.

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