Freitag, 21. Februar 2020

Was hat der Amazon-Gründer mit der "Washington Post" vor? "Bezos will uns zu einer dominanten Kraft machen"

Tracy Grant
Marvin Joseph, The Washington Post
Tracy Grant

3. Teil: "Bezos bleibt im Hintergrund"

mm.de: Bezos gilt als Kontrollfreak. Wie nimmt er seine Rolle als Eigentümer wahr?

Grant: Er bleibt im Hintergrund. Viele Kollegen würden sich eine stärkere Präsenz von Bezos im Newsroom wünschen. Don Graham war dauernd hier, er kannte alle Redakteure beim Vornamen. Bezos hingegen lebt am anderen Ende des Landes und war bislang nur ein paar Mal in der Redaktion zu Besuch. Graham hat eine wohltätige Entscheidung getroffen, als er die Post, diesen Schatz seiner Familie, verkauft hat. Er wusste, dass er nicht über die Mittel verfügt, um uns im Internetzeitalter weiterbringen zu können. Also hat er jemanden gefunden, der dazu in der Lage ist.

mm.de: Vielleicht war Graham auch bloß die Verluste leid. Wann haben Sie Bezos zuletzt gesprochen?

Grant: Vor zehn Monaten, als wir das neue Redaktionsgebäude eröffnet haben. Marty Baron, unser Chefredakteur, telefoniert zweimal im Monat mit Bezos. Bezos sagt ihm dann zum Beispiel, wenn er stolz auf eine Geschichte war.

mm.de: Das klingt ja kuschelig. Die New York Times veröffentlichte im Sommer 2015 einen langen Artikel, der sich kritisch mit den Arbeitsbedingungen bei Amazon auseinandersetzt. Es war zum Beispiel von Mitarbeitern die Rede, die weinend an ihren Schreibtischen sitzen.

Grant: So einen Artikel könnte man wahrscheinlich über jedes große Unternehmen schreiben. Ich finde, dass das dem Gesamtbild fast nie gerecht wird. Solche Geschichten kann man so oder so erzählen. Der Autor war übrigens ein ehemaliger Kollege von uns.

mm.de: Unabhängig vom Inhalt des Times-Artikels: Würde die Post heute noch ein Reporterteam auf Amazon ansetzen, um eine tiefgehende, kritische Geschichte zu recherchieren?

Grant: Wir berichten ebenso aggressiv über Amazon Börsen-Chart zeigen, wie über Apple Börsen-Chart zeigen oder Uber. Als wir noch den Grahams gehörten, haben wir auch kritisch über ihre Familienangelegenheiten berichtet. Aber klar, Bezos geht nicht spurlos an uns vorbei. Jedes Mal, wenn wir über Amazon berichten, fügen wir jetzt den Hinweis ein, dass wir Jeff Bezos, dem Gründer von Amazon gehören.

mm.de: Wann können wir die nächste große Amazon-Story in der Post lesen?

Grant: Ohne einen konkreten, nachrichtlichen Anlass oder Hinweis, würden wir wahrscheinlich keine große Amazon-Recherche starten. Andererseits berichten wir natürlich weiterhin über jeden Skandal, der bei Amazon passieren sollte. Wir würden das aggressiv tun - und ja, das wäre natürlich eine unangenehme Situation für uns. Wissen Sie, das Einzige, das wir als Zeitung besitzen, ist das Vertrauen der Leser in unsere Integrität. Wenn wir etwas unter den Teppich kehren würden, würden sie uns das nicht verzeihen. Für Marty Baron ist es die wichtigste Aufgabe des Journalismus, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen. Und dazu gehört auch Jeff Bezos.

Offenlegung: mm-Redakteur Philipp Alvares de Souza Soares arbeitet derzeit im Rahmen des Arthur-F.-Burns-Fellowships als Gastreporter bei der Washington Post. Eine Vergütung durch die Zeitung ist dabei nicht vorgesehen.

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