Montag, 17. Februar 2020

Was hat der Amazon-Gründer mit der "Washington Post" vor? "Bezos will uns zu einer dominanten Kraft machen"

Tracy Grant
Marvin Joseph, The Washington Post
Tracy Grant

2. Teil: "Wir müssen unsere journalistische Unabhängigkeit verteidigen"

mm.de: Andere US-Medien, wie die Huffington Post, sind dafür bekannt, politisch eine entschiedene Meinung zu vertreten. In Deutschland gibt es mit der der "Zeit" eine große Wochenzeitung, die lange einen ehemaligen SPD-Kanzler als Herausgeber hatte, "SPIEGEL"-Gründer Rudolf Augstein kandidierte einst für die FDP. Was halten Sie davon?

Grant: Ich halte das für falsch. Wir müssen unsere journalistische Unabhängigkeit rigoros verteidigen - auch um von außen als unabhängig wahrgenommen zu werden. Dabei darf es natürlich zu Konflikten zwischen Herausgeber, Reportern und Besitzer kommen. Aber unsere wichtigste Mission ist eindeutig: Die Fakten zu veröffentlichen, damit die Öffentlichkeit unabhängig entscheiden kann. Da ist schon der Anschein einer politischen Agenda schädlich.

mm.de: Medienunternehmen betonen gern Werte wie Transparenz und Unabhängigkeit. Auf der anderen Seite scheinen viele Bürger Zeitungen oder Fernsehsender als parteiisch wahrzunehmen. In den USA ist zum Beispiel ständig von einem angeblichen "liberal bias" der Medien die Rede, also einer Unausgewogenheit in der Berichterstattung, die linkeren Ideen zugutekommt. Ist echte Unabhängigkeit eine Illusion?

Grant: Wenn Sie sich die Gründe ansehen, weswegen junge Leute Journalist werden wollen, dann geht es dabei meist um Idealismus. Sie wollen zum Beispiel Unterdrückten eine Stimme verleihen oder die Regierung zur Rechenschaft ziehen. Das sind nun einmal "liberale" Werte. Idealistische Menschen werden also womöglich eher vom Journalismus als zum Beispiel von der Geschäftswelt angezogen. Das mag ein Grund sein. Andererseits sind etwa die Artikel meines Kollegen David Fahrenthold, der kürzlich Donald Trumps Sextape an die Öffentlichkeit brachte oder enthüllte, dass Trumps Stiftung nicht - wie von Trump behauptet - Millionen an Veteranen gespendet hat, weder liberal noch konservativ. Darin steht einfach, wie es ist.

mm.de: Letzte Woche sprach ich für eine Recherche mit einem Mitglied der Republikaner. Der Mann sagte zu mir: Sie sind von der Post? Dann ist ja klar, dass Sie gegen uns sind. Können Sie eine solche Haltung nachvollziehen?

Grant: Ich kann nachvollziehen, warum das aus seiner Sicht ein cleveres Argument war. Aber die Fakten sind die Fakten. Es ist einfach, die Schwäche des eigenen Kandidaten auf eine angebliche Voreingenommenheit der Medien zu schieben. Aber das entspricht nicht der Wahrheit. Nehmen Sie unsere Titelseite von Dienstag, auf der wir über Hillary Clintons Email-Skandal berichten. In der Nachmittagskonferenz am Vortag hatten wir entschieden, dem Artikel einen prominenteren Platz einzuräumen als ursprünglich geplant. Uns lag das Thema am Herzen. Passt das zur Legende von der liberalen Medienelite? Charakter zeigt sich, wenn niemand zuschaut.

mm.de: Ende 2013 hat Amazon-Gründer Jeff Bezos, einer der reichsten Menschen der Welt, die Post für 250 Millionen Dollar übernommen. War das aus journalistischer Sicht ein guter Tag für Ihre Zeitung?

Grant: In der Geschichte des amerikanischen Journalismus ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass reiche Unternehmer Zeitungen besitzen. Bezos hat sich bislang als würdiger Nachfolger der Graham-Familie erwiesen, der die Post zuvor über Jahrzehnte gehört hatte. Als unser Korrespondent im Iran zum Beispiel von der Teheraner Regierung festgehalten wurde, hat Bezos sich für ihn eingesetzt. Er lässt uns in der Berichterstattung alle Freiheiten. Auch im negativen Sinn. Unsere Wirtschaftsredakteure bekommen etwa weder Amazon-Exklusivnews durchgesteckt noch einfacher ein Interview mit ihm.

mm.de: Wie hat Bezos die Berichterstattung der Post beeinflusst?

Grant: Wir konnten seit seinem Einstieg mehr Techniker und über 150 zusätzliche Journalisten einstellen. Vor allem unsere internationale Berichterstattung ist besser geworden. Wir waren eigentlich immer eine Lokalzeitung für Washington und Umgebung, in L.A. konnten Sie die Post nicht kaufen. Seit Bezos ist das anders, er will uns zu einer dominanten Kraft machen - national und international.

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