Sonntag, 26. Januar 2020

Boris Johnson Favorit Briten wählen, doch Brexit-Drama geht weiter

Favorit Boris Johnson: Nicht nur der NHS ist in kritischem Zustand
Darren Staples/ AFP
Favorit Boris Johnson: Nicht nur der NHS ist in kritischem Zustand

Millionen Briten sind seit Donnerstagmorgen unterwegs, um zum dritten Mal in weniger als fünf Jahren ein neues Parlament zu wählen. Der Urnengang gilt als der wichtigste seit Jahrzehnten, weil die Wähler mit ihrer Stimme auch über den künftigen Brexit-Kurs entscheiden. Umfragen sahen den konservativen Premierminister Boris Johnson zwar stets deutlich vorne, aber es war nicht klar, ob er eine absolute Mehrheit der Sitze (326) gewinnen wird. Die Wahllokale sind bis 23.00 Uhr MEZ geöffnet. Unmittelbar danach veröffentlichen Fernsehsender erste Prognosen nach Wählerbefragungen.

In London berichteten Wähler am Vormittag von ungewöhnlich langen Schlangen vor mehreren Wahllokalen. In Bermondsey and Old Southwark sagte ein 27-jähriger Wähler: "Für viele ist es eben die Wahl unseres Lebens." Die Atmosphäre sei typisch für London: "Alle stehen ordentlich in der Reihe und niemand spricht mit dem anderen."

Johnson kam mit Hund Dilyn zur Stimmabgabe. "Lasst uns den Brexit-Deal durchziehen!", hatte Johnson bei seiner Abschlusskundgebung am Mittwoch in London vor tausenden Anhängern gerufen. Das war sein Hauptwahlkampfthema.

Johnson will regieren, Corbyn will Reichtum umverteilen

Johnsons aussichtsreichster Gegner, Labour-Chef Jeremy Corbyn, versprach zum Abschluss vor Anhängern ein Ende des Sparkurses und eine Umverteilung des Reichtums "wie ihr es noch nie gesehen habt". Labour verschickte personalisierte Emails im Namen von Corbyn, etwa: "Ich wende mich an Dich, Teresa, als jemand, dessen Verhalten (...) einen Riesenunterschied machen kann." Beide Politiker sind persönlich im Umfragen nicht sehr populär.

Die Konservativen sind seit 2010 an der Regierung. 2016 votierten die Briten bei einem Referendum knapp für einen EU-Austritt. Johnson war einer der prominentesten Befürworter. Seitdem dominiert das Thema die Politik und hat das Parlament oft in beispielloses Chaos gestürzt.

Die Brexit-Verhandlungen stehen erst am Anfang

Gewinnt Johnson eine Parlamentsmehrheit, will er sein Abkommen über den geplanten Austritt aus der EU am 31. Januar noch vor Weihnachten verabschieden. Corbyn will den Brexit dagegen noch einmal verschieben, mit der EU eine engere Anbindung aushandeln als Johnson und die Briten in einer neuen Volksabstimmung abstimmen lassen, ob sie dem zustimmen oder doch in der EU bleiben wollen.

Die Labour-Partei liegt in der Gunst der Wähler seit Jahren hinter den Konservativen, hat aber in den vergangenen Tagen aufgeholt. Rückschlüsse auf die Sitzverteilung sind aber schwierig, weil es in Großbritannien nur Direktmandate gibt. Das heißt, in jedem Wahlkreis gewinnt der Kandidat mit den meisten Stimmen den Sitz. Die Stimmen der Wähler, die für einen anderen Kandidaten votiert haben, schlagen sich nirgendwo nieder. In vielen Wahlkreisen, vor allem in Mittel- und Nordengland, lieferten sich Konservative und Labour ein enges Rennen. Wahlberechtigt sind knapp 46 Millionen Menschen.

46 Millionen Wähler: Briten fürchten ein "hung parliament"

Es ist nicht ausgeschlossen, dass es zu einem "hung parliament" kommt, einer Sitzverteilung, die keiner der beiden großen Parteien eine Regierungsbildung mit eigener Mehrheit ermöglicht. Dann wäre sogar eine Minderheitsregierung mit Labour-Chef Jeremy Corbyn als Premierminister denkbar, wenn er sich die Unterstützung kleinerer Parteien sichern kann.

Im Video: Johnsons Flucht in den Kühlschrank

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Bild: DPA

Wahlforscher hatten zuletzt nur noch einen Vorsprung von 28 Mandaten für die Konservativen vor den anderen Parteien vorausgesagt. Dann kämen sie auf 339 von 650 Sitzen. Für die großangelegte Erhebung im Auftrag der Tageszeitung "The Times" wurden mehr als 100.000 Menschen über einen Zeitraum von sieben Tagen einschließlich Dienstag befragt. Der Vorsprung der Tories, die es im Wahlkampf mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, ist deutlich geschrumpft: Nach einer Umfrage zwei Wochen früher konnte Johnson noch mit einer Mehrheit von 68 Abgeordneten rechnen.

Schottische Nationalpartei ruft zu taktischem Wählen auf

Oppositionsparteien wie die Liberaldemokraten und die Schottische Nationalpartei (SNP) riefen zum taktischen Wählen auf, um eine Mehrheit von Johnson zu verhindern. Gemeint ist beispielsweise, nicht für einen abgeschlagenen Labourkandidaten ohne Siegchancen zu stimmen, sondern lieber für einen Liberaldemokraten oder SNP-Kandidaten, wenn dieser eine Chance gegen einen Konservativen habe.

Die Ergebnisse werden für jeden Wahlkreis einzeln bekanntgegeben, die Auszählung dürfte sich bis in die Morgenstunden hinziehen. Mit einem offiziellen Endergebnis ist erst im Laufe des Freitags zu rechnen

la/dpa-afx

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