Diskussion in den USA Was für eine Rezession spricht - und was dagegen

Einige sehen die US-Wirtschaft bereits in einer Rezession, andere nehmen das "R-Wort" nicht mal in den Mund. Letztlich entscheidet ein kleiner, elitärer Kreis über die Lage der US-Wirtschaft: Ein schrumpfendes BIP ist für sie nur ein Kriterium von vielen, und sie sehen auch jetzt noch Zeichen von Stärke.
Elektrisierend: Auch wenn es Anzeichen eines Abschwunges gibt, stemmt sich die US-Wirtschaft noch gegen einen Absturz

Elektrisierend: Auch wenn es Anzeichen eines Abschwunges gibt, stemmt sich die US-Wirtschaft noch gegen einen Absturz

Foto:

IlluPics / IMAGO

Unlängst hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Prognosen für das US-amerikanische und das weltweite Wirtschaftswachstum gesenkt - und zwar für das laufende und das kommende Jahr. Ende vergangene Woche dann war es amtlich: Die US-Wirtschaft ist das zweite Quartal in Folge geschrumpft. Die Wall Street reagierte gelassen. Rezession - und keiner will es wahrhaben?

Dabei ist die Angst vor einer Rezession begründet: Die Inflation drückt die Kaufkraft der für die US-Konjunktur so wichtigen US-Verbraucher. Ihre Ausgaben stehen für etwa zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung. Steigende Zinsen erhöhen die Kreditkkosten und drücken die Investitionsneigung der Unternehmen. Die ersten Firmen bauen bereits Jobs ab - und Jobabbau bedeutet irgendwann auch weniger Konsum.

Gleichwohl gibt es Zweifel, dass die USA in einen sich womöglich noch selbstverstärkenden Wirtschaftsabwung gefallen sind.

Die weltgrößte Volkswirtschaft durchlief in den vergangenen 50 Jahren acht Rezessionen, doch nicht jede fällt gleich schwer aus und dauert gleich lang. So brauchte die US-Wirtschaft deutlich mehr Zeit, um sich von der Rezession im Jahr 2008 als Folge einer Finanz- und Bankenkrise mit bis zu 10 Prozent Arbeitslosigkeit zu erholen. Erst acht Jahre später sank die Arbeitslosigkeit wieder deutlich unter die Marke von 5 Prozent.

Genaue Definition von Rezession in den USA gibt es nicht

Tatsache ist: Eine genaue, eindeutige Definition von Rezession gibt es in den USA nicht. Daher ringen Notenbanker, Konjunkturoptimisten und -pessimisten derzeit auch um die Deutungshoheit: Die Aufgabe, Rezessionen zu identifizieren und festzustellen, obliegt in den USA einem wenig bekannten Gremium des National Bureau of Economic Research (NBER). Dem NBER zufolge ist eine Rezession "ein signifikanter Rückgang der Wirtschaftstätigkeit, der sich über die gesamte Wirtschaft erstreckt und länger als ein paar Monate andauert" , schreibt die akademische Einrichtung auf ihrer Website.

Doch diese Definition gilt als unscharf, da das NBER den Abschwung im Jahr 2020 zu Beginn der Covid-19-Pandemie als Rezession bezeichnete, obwohl er nur wenige Monate andauerte. Das Problem: Das kleine und elitäre Gremium von acht namhaften Ökonomen verschiedener US-Universitäten in den USA legt erst Monate oder womöglich gar Jahre später das eigentliche Datum einer Rezession fest - "wie ein Leichenbeschauer, der eine Autopsie durchführt" urteilt das "Wall Street Journal" .

Die Experten nehmen also keine Realtime-Bewertungen vor, sondern analysieren anhand von Daten rückwirkend, wann Expansionen sowie Rezessionen beginnen und enden. Wer jetzt ein schnelles, amtliches Votum erwartet, sieht sich enttäuscht.

Gremium zieht rund ein Dutzend Kriterien zu Rate

Ob die US-Wirtschaft sich in einer Rezession befindet, prüft das NBER-Gremium anhand von gut einem Dutzend Kriterien. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist nur eines davon. Der Grad der Beschäftigung, die derzeit noch strotzt vor Kraft, die Haushaltseinkommen, die Verbraucherausgaben oder auch die Industrieproduktion ziehen die Experten in ihre Analyse ein. Ein dominierendes Kriterium gebe es nicht, versichert Bob Hall, Ökonom der Stanford Universität, gegenüber dem "Wall Street Journal".

"Rezession ist, wenn der Ausschuss sie erkennt"

Bob Hall, Ökonom der Stanford Universität und Angehöriger National Bureau of Economic Research

Und wann ist nun Rezession? "Wenn der Ausschuss sie erkennt", sagt Hall. Mit anderen Worten: Die Ökonomen lassen sich nicht drängen, prüfen sorgfältig alle verfügbaren Daten und fällen dann ihr Votum. Zwei aufeinanderfolgende Quartale mit sinkender Wirtschftsleistung seien jedenfalls keine Rezession. "Das entspricht nicht annähernd der Philosophie, die das Gremium bei der Identifizierung anwendet", sagt Hall über die oft zitierte Faustregel. "Diese macht wirklich keinen Sinn."

Vor diesem Hintergrund werde sich das NBER jetzt auch nicht an "Spekulationen" beteiligen, ob die USA nun in eine Rezession geschlittert sind oder nicht. "Wir beteiligen uns nicht an Hypothesen über Dinge, die noch nicht eingetreten sind."

Fed erhöht die Zinsen und nimmt Dämpfer in Kauf

Die US-Notenbank, die mit satten Zinserhöhungen weiterhin die Inflationserwartungen zu bändigen versucht und dabei einen Rückgang der Wirtschaft in Kauf nimmt, folgt tendenziell der Sichtweise des NBER. "Ich glaube nicht, dass sich die USA derzeit in einer Rezession befinden", hatte Fed-Chef Jerome Powell Mitte dieser Woche erklärt. Gleichzeitig betonte er, dass ein etwas langsameres Wachstum im Kampf gegen die hohe Inflation notwendig sei.

Auch im Weißen Haus ist man bemüht, die jüngsten Daten nicht zu hoch zu hängen. In einer Mitteilung der US-Regierung zu den jüngsten Konjunkturdaten taucht das "R-Wort" nicht einmal auf. Der wirtschaftliche Rückgang sei wegen der straffen Geldpolitik keine Überraschung, sagt auch US-Finanzministerin Janet Yellen (75). "Sie sehen keinen signifikanten Anstieg von Unternehmensinsolvenzen, die typischen Arten von Notlagen, die wir mit dem Wort Rezession verbinden", versucht Yellen aufkeimende Sorgen zu vertreiben. Der Arbeitsmarkt sei nach wie vor außergewöhnlich stark - in vergangenen als Rezession eingestuften Episoden habe man das nicht gesehen.

Ungewöhnliche Lage: BIP sinkt, Beschäftigung steigt

"Wir sehen eher eine scharfe und notwendige Verlangsamung denn als eine Rezession", zitiert das "Wall Street Journal" an anderer Stelle  David Mericle, Chefvolkswirt bei Goldman Sachs. Ein langsameres Wachstum sei notwendig, um Angebot und Nachfrage in der Wirtschaft wieder ins Gleichgewicht zu bringen und das Lohnwachstum und die Inflation zu dämpfen. Die meisten der in diesem Monat von der Zeitung befragten Ökonomen erwarten für das dritte Quartal und für das Jahr 2022 insgesamt noch ein Wirtschaftswachstum.

"Die Zahlen sind im Moment verblüffend - es ist nicht normal, dass das BIP sinkt und die Beschäftigung steigt", zitiert die "Washington Post" die Ökonomin Betsey Stevenson von der Uni Michigan. Man müsse ernsthaft darüber nachdenken, ob der BIP-Rückgang im zweiten Quartal wirklich ausreiche, um von einer Rezession zu sprechen.

Tatsächlich verharrte die US-Arbeitslosenquote als Zustandsbarometer für die US-Wirtschaft in den vergangenen vier Monaten konstant bei niedrigen 3,6 Prozent, und die Arbeitgeber stellten weiterhin in hohem Tempo neue Mitarbeiter ein. Die Zahl der Neuanträge auf Arbeitslosenunterstützung als Indikator für Entlassungen hat in der vergangenen Woche den höchsten Stand des Jahres erreicht hat. Experten interpretieren dies als Zeichen dafür, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt entspannt.

Einzelhandelsriese Walmart schwächelt ...

Und die Unternehmen? Unter dem Strich schaffen sie noch mehrheitlich Jobs in den USA. Zugleich stiegen die Verbraucherausgaben im zweiten Quartal annualisiert immerhin noch um 1 Prozent. Doch das Kaufverhalten der US-Konsumenten ändert sich, einzelne Unternehmen wie der Einzelhandelsriese Walmart bekommen das als erste zu spüren. Der Konzern sprach zu Wochenbeginn eine Gewinnwarnung aus, erwartet ob der hohen Inflation weniger Umsatz und weniger Gewinn - obwohl er die Preise zuletzt sogar gesenkt hatte.

... Amazon und Apple strotzen vor Ertragskraft

Andere US-Konzerne hingegen können vor Ertragskraft kaum noch laufen. Der Universaldienstleister Amazon hat nicht nur seine Umsätze im zweiten Quartal deutlich erhöht, sondern erwartet auch für das laufende Jahresviertel deutlich steigende Erlöse. Auch Apple trotzte den Logistik-Engpässen und Konjunktursorgen der vergangenen Monate und sieht sich dank seines breiten Angebots gut aufgestellt für unruhige Zeiten. Im Gegenteil wolle der iPhone-Konzern den aktuellen Wirtschaftsabschwung sogar für weitere Investitionen und Zukäufe nutzen. Nach Rezession fühlt und hört sich das bei den beiden Tech-Riesen nicht an.

Womöglich verhält es sich beim aktuellen Blick auf die US-Wirtschaft und der Frage nach einer Rezession wie beim berühmten Wasserglas - halbvoll oder halbleer. Je mehr Menschen sich für die eine oder andere Sichtweise entscheiden, desto schneller könnte sich das Pendel dann auch in eine Richtung bewegen. Schließlich ist Wirtschaft auch ein gutes Stück Psychologie.

rei
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.