Zerstörung im Hafen Beirut schätzt Schaden auf mehr als zehn Milliarden Dollar

Die Zahl der Todesopfer nach der Explosion in Beirut steigt auf über 100. US-Präsident Donald Trump geht derzeit von einem Anschlag aus.
Trümmerfeld: Im Zentrum von Beirut nach der Explosion im Hafen am Dienstagabend

Trümmerfeld: Im Zentrum von Beirut nach der Explosion im Hafen am Dienstagabend

Foto: Marwan Tahtah/ imago images/ZUMA Wire

Nach den schweren Explosionen im Hafen von Beirut rechnet die Stadtregierung mit einem gewaltigen wirtschaftlichen Schaden. Der kollektive Verlust dürfte 10 bis 15 Milliarden Dollar erreichen, erklärte der Gouverneur von Beirut, Marwan Abboud (50), im Interview mit dem Fernsehsender Al-Hadath am Mittwochabend. Die Summe übersteigt die von vielen Staaten schnell zugesagte Nothilfe in Millionenhöhe um ein Vielfaches.

Der Libanon steckt seit Jahren in einer schweren Wirtschafts- und Staatskrise. Im März erklärte sich die einstige "Schweiz des Nahen Ostens" erstmals für zahlungsunfähig und blieb den Zinsdienst auf Staatsanleihen schuldig. Wegen des Verfalls der Landeswährung Lira ist der Schwarzmarkt für Dollar annähernd ausgetrocknet, die Nahrungsmittelpreise vervielfachen sich, viele Bürger leiden inzwischen Hunger. Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds über einen fünf Milliarden Dollar schweren Hilfskredit brachten bislang kein Ergebnis. Seit Oktober 2019 halten Massenproteste gegen Armut und Korruption an.

Auch die Zahl der menschlichen Opfer der Katastrophe erhöhte sich. Nach Angaben von Gesundheitsminister Hassan Hamad kamen am Dienstag mindestens 135 Menschen ums Leben, etwa 5000 weitere wurden verletzt. Das libanesische Rote Kreuz setzte seine Suche nach Opfern und Überlebenden in den Trümmern fort. Viele Bewohner der Küstenstadt am Mittelmeer standen am Mittwoch unter Schock.

Die Explosionen hatten die Hauptstadt des Libanon am Dienstag erschüttert und schwere Verwüstungen angerichtet. Auch das rund 121 Meter lange Kreuzfahrtschiff "Orient Queen" ist gesunken, teilte die libanesische Reederei Abou Merhi Cruises am Mittwoch mit.

Reuters

Beschlagnahmtes Ammoniumnitrat ungesichert gelagert

Laut Ministerpräsident Hasan Diab (61) waren 2750 Tonnen Ammoniumnitrat detoniert. Das Material sei seit sechs Jahren ohne Vorsichtsmaßnahmen in einem Lagerhaus untergebracht gewesen. Der Sicherheitschef der Regierung, Abbas Ibrahim, sagte, das Ammoniumnitrat sei seinerzeit beschlagnahmt worden.

Diab kündigte an, die Verantwortlichen würden "zur Rechenschaft" gezogen. Die libanesische Regierung beschloss, Verantwortliche des Beiruter Hafens unter Hausarrest zu stellen.

Weshalb das Ammoniumnitrat explodierte, war jedoch völlig unklar. Die Substanz wird meist als Düngemittel eingesetzt, kann aber auch zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes waren auch Mitarbeiter der Deutschen Botschaft unter den Verletzten. Auch das Botschaftsgebäude sowie ein Schiff der Vereinten Nationen wurden beschädigt. Die großen Schäden am Hafen könnten sich nach Angaben der Vereinten Nationen auch auf die Lage vieler Menschen in Syrien auswirken. Beiruts Hafen werde zum Umschlag von humanitären Hilfsgütern für das Bürgerkriegsgebiet genutzt, sagte ein Sprecher am Mittwoch in New York. "Dies wird unsere Fähigkeit zur Unterstützung in Syrien beeinträchtigen."

Donald Trump spricht von Anschlag

Die US-Regierung spekulierte öffentlich über einen Anschlag. Die Explosion deute nicht auf einen Unfall hin, sagte US-Präsident Donald Trump (74) unter Berufung auf seine militärischen Berater am Dienstagabend (Ortszeit) im Weißen Haus. "Sie scheinen zu denken, dass es ein Anschlag war, dass es eine Art von Bombe war", sagte er weiter. Die USA "stehen bereit, dem Libanon zu helfen", versicherte Trump.

Die Niederlande schicken ein Experten-Team. Rund 70 Helfer sollten am Abend in die libanesische Hauptstadt reisen, kündigte die Handelsministerin Sigrid Kaag (58), die selbst eine Zeitlang in Beirut gelebt hat, am Mittwoch im Radio an. Zu dem Team gehörten Ärzte, Feuerwehrleute und Polizisten, die im Aufspüren von verschütteten Personen spezialisiert seien. "Die Niederlande sind besonders spezialisiert im Suchen nach Überlebenden und Toten in Trümmern," sagte die Ministerin. "Das ist jetzt so wichtig. Die Zeit drängt."

Die deutsche Regierung teilte mit, ein Team von 47 Such- und Rettungsexperten zur Verfügung zu stellen. Zudem kündigte die Europäische Kommission an, ein internationales Team von mehr als 100 Suchexperten zur Verfügung zu stellen.

ak/soc/Reuters/afp/dpa-afx/ap
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