Henrik Müller

Währungsturbulenzen Die unheimliche Stärke des Dollar

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Der steigende Kurs der US-Währung ist ein Vertrauensbeweis für Präsident Joe Biden. Fraglich, ob er dem hohen Anspruch gerecht werden kann.
Diverse Ähnlichkeiten zur Reagan-Ära: Auch unter US-Präsident Joe Biden steigen die Staatsausgaben rapide

Diverse Ähnlichkeiten zur Reagan-Ära: Auch unter US-Präsident Joe Biden steigen die Staatsausgaben rapide

Foto: YURI GRIPAS / POOL / EPA

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Wenn der Wert einer Währung ein Maß dafür ist, wie mächtig die dahinterstehende Volkswirtschaft ist, dann steht es um die USA derzeit nicht schlecht. Der Dollar ist so stark wie seit Jahrzehnten nicht. Zuletzt erreichte die US-Währung im Herbst 1984 einen vergleichbaren Wert gegenüber Amerikas wichtigsten Handelspartnern, wie aus Zahlen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hervorgeht .

Damals stand Ronald Reagan kurz vor einer fulminanten Wiederwahl als US-Präsident. "It’s morning again in America", lautete der Slogan eines berühmten Wahlwerbespots. Die Nation werde immer "stolzer, stärker, besser". Die Sonne ging auf, wieder mal: Die elenden 70er Jahre seien vorbei, das war die Botschaft – der Vietnam-Krieg, der Watergate-Skandal, die Inflation, die inneren Unruhen, all die Zumutungen. Man machte sich auf in Richtung Zukunft und zeigte Stärke.

Unter Reagan wurden die Steuern gesenkt und die Staatsausgaben ausgeweitet, vor allem das Militärbudget. Die Stationierung neuer Mittelstreckenraketen in Westeuropa und die Proteste dagegen prägten eine ganze Generation von Bundesbürgern. Doch das Risiko, das die US-Regierung mit der verschärften militärischen Gangart einging, zahlte sich aus. In Reagans zweiten Amtszeit begann die Kapitulation der Sowjetunion, die erkannte, dass sie nicht mithalten konnte: UdSSR-Frontmann Michail Gorbatschow ließ sich auf Abrüstungsverhandlungen ein. Wenige Jahre später folgten der Zerfall des Ostblocks und der Sowjetunion selbst. Die Globalisierung begann, und die USA waren die einzig verbliebene Supermacht.

Ist es denkbar, dass dem heutigen US-Präsidenten Joe Biden (79) ein ähnlicher Erfolg vergönnt sein wird? Und wenn ja, zu welchem Preis?

Das Echo der jüngeren Geschichte

Reagans Kurs hatte enorme ökonomische Rückwirkungen. Die USA begannen, sich im Ausland massiv zu verschulden. Bis dahin waren sie der Welt größter Gläubiger gewesen. Unter Reagan wurden sie zum größten Schuldner. Die außenwirtschaftliche Bilanz ("Leistungsbilanzsaldo") drehte ins Defizit. Amerika war nun auf Kapitalimporte aus aller Welt angewiesen, um seine Ausgaben zu finanzieren – und daran hat sich seither nichts geändert .

Unter Reagan arbeitete die US-Notenbank Federal Reserve gegen die expansive Finanzpolitik an und hielt die Zinsen hoch, um die Inflation im Griff zu behalten. Das Ergebnis war ziemlich extrem: Zur Zeit von Reagans Wiederwahl lag der Leitzins bei über 9 Prozent, die Verzinsung zehnjähriger Staatsanleihen bei 12 Prozent.

Die Folgen waren gravierend. In ärmeren Ländern des globalen Südens lösten die hohen Zinsen eine Schuldenkrise aus. Der Kapitalzufluss aus aller Welt trieb die Nachfrage nach dem Dollar, der daraufhin auf Werte stieg, wie sie seit den 60er Jahren nicht mehr notiert worden waren, einer Zeit, als die US-Währung noch durch den nationalen Goldschatz gedeckt war.

Der teure Dollar gefährdete die Zahlungsfähigkeit vieler Schuldner in aller Welt, aber auch die Wettbewerbsfähigkeit ganzer Industriebranchen in den USA, die nun von billigeren Importeuren unterboten wurden. Die Deindustrialisierung nahm ihren Lauf. Um die Effekte abzumildern, schickte Reagan unter anderem seinen Vize-Handelsbeauftragen Robert Lighthizer los, um "freiwillige Exportbeschränkungen" etwa für die Autoindustrie auszuhandeln, insbesondere mit Japan. Eine paradoxe Politik, die einerseits Freihandel predigte und andererseits gezielten Protektionismus einsetzte. Der Reagan-Ära-Veteran Lighthizer wurde später von Donald Trump (76) zum Handelsbeauftragten berufen, aber da funktionierte die Strategie nicht mehr.

Klar, Geschichte wiederholt sich nicht. Aber manchmal hört man ihr Echo doch sehr deutlich.

Ist Biden der Reagan des 21. Jahrhunderts?

Am kommenden Mittwoch entscheidet die US-Notenbank über ihre weitere Zinspolitik. Und es sieht ganz so aus, als wenn sie an ihrem Kurs der raschen und massiven Erhöhungen des Leitzinses festhält. Einen so raschen Anstieg gab es seit Reagans Zeiten nicht mehr. Im Ergebnis dürfte der Dollar weiter zulegen – zumal Notenbanken anderer Länder bereits angedeutet haben, dass sie womöglich künftig weniger stark auf die Bremse treten wollen, darunter die Europäische Zentralbank (EZB) und die kanadische Notenbank.

Eine Schuldenkrise in Schwellen- und Entwicklungsländern braut sich längst zusammen. Insbesondere Volkswirtschaften, die sich in Dollar verschuldet haben, sind nun mit Zahlungsproblemen konfrontiert.

Was den Kurs der US-Regierung angeht, sind die Parallelen zur Reagan-Zeit unübersehbar. Joe Biden ist zwar kein Steuersenker, vielmehr ist er mit einer für US-Verhältnisse linksliberalen Agenda angetreten. Aber es gibt doch diverse Ähnlichkeiten zur Reagan-Ära: Unter Biden steigen die Staatsausgaben rapide, ebenso der Kapitalimport, um sie zu finanzieren. Bidens Ziele bestehen einerseits darin, die gespaltene amerikanischen Gesellschaft nach der Trump-Ära zu befrieden. Andererseits will er Amerikas globaler militärischer Führungsrolle Geltung verschaffen, darin eifert er Reagan durchaus nach. Und das kostet.

Eindämmung an allen Fronten

"America is back", war Biden Botschaft an die Welt kurz nach Beginn seiner Amtszeit. Ohne seine Führung wäre der russische Angriffskrieg auf die Ukraine anders verlaufen. Womöglich wären Teile des Nato-Gebiets längst überrannt worden – ein Armutszeugnis für uns Europäer übrigens. Die USA steuern den mit Abstand größten Teil der Ukraine-Hilfen bei, wie das Kieler Institut für Weltwirtschaft ermittelt hat .

Zugleich tritt die Biden-Administration in Asien dem chinesischen Expansionismus entgegen. Explizite Beistandszusagen gegenüber Taiwan, einem demokratischen Staat, den Xi Jinpings (69) China gern einvernehmen würde, gehörten bis vor Kurzem nicht zu Amerikas Repertoire. Man pflegte den Ton der zurückhaltenden, strategischen Ambivalenz. Biden hat das geändert. In seiner Entschlossenheit, dem gegnerischen Block gegenüberzutreten, steht er Reagan in nichts nach.

Ein Urteil zugunsten Amerikas

Wenn man den Wechselkurs als Maß der realweltlichen Akzeptanz des politischen Kurses heranzieht, dann sieht es so aus, als ob die Finanzmärkte darauf vertrauen, dass Bidens Kurs Erfolg hat, ähnlich wie einst Reagans. Das Leistungsbilanzdefizit wird weiterhin horrend sein, wie der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert .

Aber der Rest der Welt scheint willens und in der Lage, diesen Kapitalimport zugunsten der westlichen Vormacht zu akzeptieren und sich daran zu beteiligen. In den 2000er Jahren warnten Ökonomen wie Maurice Obstfeld und Kenneth Rogoff, beide spätere IWF-Chefvolkswirte, wiederholt davor, dass Amerikas Defizitpolitik nicht dauerhaft aufrechtzuerhalten sei . Doch von Vertrauensverlusten ist bislang nichts zu sehen. Ein beeindruckendes Verdikt zugunsten Amerikas.

Statt eines Absturzes des Dollars erleben wir das Gegenteil: Die US-Währung ist im Höhenflug. Abgestraft wird hingegen Chinas Führung unter Top-Herrscher Xi Jinping: Nach dem "Volkskongress" vorige Woche, der seine autoritäre Agenda zementierte, stürzten nicht nur der Off-Shore-Wert des Yuan ab, sondern auch die Börsennotierungen von im Ausland notierten chinesischen Firmen.

Der Außenwert des Euro, der zweitwichtigsten internationalen Währung, sackt immer weiter ab. Belastet von den direkten Auswirkungen des Ukraine-Krieges und dem schwachen Willen der 27 EU-Staaten, gemeinsam zu handeln, auch seitens der Bundesregierung, notierte die Gemeinschaftswährung Ende der Woche so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Das britische Pfund, geplagt von den politischen Wirren im Post-Brexit-Britannien, ist gegenüber dem Dollar so wenig wert wie zuletzt Mitte der 1980er Jahre, trotz neuer Regierungsmannschaft.

Warum der Dollar immer noch die Weltwährung ist

Der Außenwert einer Währung ist nicht nur das Resultat von international unterschiedlich hohen Zinsätzen und Inflationsraten. Er ist auch ein Maß für die Glaubwürdigkeit der dahinterstehenden staatlichen Institutionen. Und in dieser Hinsicht stehen die USA im Vergleich zu anderen Mächten immer noch respektabel da. Eben deshalb ist der Dollar bis heute die führende Weltwährung.

Aber die Zeiten sind unruhig. Und es ist keineswegs gewiss, dass die USA samt ihrer westlich gesinnten Partner (EU, Japan, Großbritannien, Südkorea, Australien und anderer) die systemische Auseinandersetzung mit dem sich formierenden Fernostblock  um China und Russland gewinnen werden. Auf etwaige Veränderungen in der Machtbalance werden die Devisenmärkte sensibel reagieren.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag

London – Straight talk – Der britische Finanzminister Jeremy Hunt will den mittelfristigen Finanzplan vorlegen. Die vorherige Kurzzeitregierung unter Premier Liz Truss und Schatzkanzler Kwasi Kwateng hatte für ein Beben an den Finanzmärkten gesorgt.

LuxemburgEuro-Schwäche – Die EU-Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht eine vorläufige Schätzung zur Inflation im Euroraum im Oktober.

Berichtssaison I – Geschäftszahlen von NXP Semiconductors, Marriott.

Dienstag

Berichtssaison II – Geschäftszahlen von Fresenius, BP, Eli Lilly, Pfizer, Uber, Mondelez, AMD.

Mittwoch

Washington – Hike, Hiker, Hikelander – Die US-Notenbank Fed entscheidet über ihren weiteren Kurs in der Geldpolitik.

Nürnberg – Jobs? – Die Bundesagentur für Arbeit legt neue Zahlen zur Lage am deutschen Arbeitsmarkt vor.

Frankfurt – Es bleibt schwierig – Der Maschinenbauverband VDMA veröffentlicht neue Zahlen zum Auftragseingang.

Berichtssaison III – Geschäftszahlen von A.P. Moller-Maersk, Ferrari, AXA, GlaxoSmithKline, Qualcomm, Vestas, Aston Martin, Teamviewer, Ebay.

Donnerstag
Luxemburg - #Jobs – Die EU-Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht Kennzahlen zur Arbeitslosigkeit.

Berichtssaison IV– Geschäftszahlen von BMW, Stellantis, Uniper, Hannover Rück, Euronext, Klöckner & Co, Heidelberg Materials, Conoco Phillips, BT Group, Rolls-Royce, Scout24, Enel, PayPal, Starbucks, Amgen, SGL Carbon, Legrand, Adecco, ING, Zalando, BNP Paribas, Hugo Boss, Sainsbury.

Freitag

Washington – Men without work – Neue Daten zur Arbeitslosenquote in den USA

Berichtssaison V – Geschäftszahlen von Vonovia, Bertelsmann, RTL, Gea, Telefónica, Société Générale.

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