Henrik Müller

Update für die Wirtschaft Nie wieder Arbeitslosigkeit?

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Jobwunder trotz Rezession: Bei lahmender Wirtschaft sind so viele Stellen unbesetzt wie noch nie, während die Zahl der Arbeitssuchenden niedrig bleibt. Eine gute Entwicklung – die uns ganz und gar nicht beruhigen sollte.
Akuter Personalmangel: Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil (50), steht vor schwierigen Herausforderungen

Akuter Personalmangel: Bundesminister für Arbeit und Soziales, Hubertus Heil (50), steht vor schwierigen Herausforderungen

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Früher war es so: Wenn die Wirtschaft in eine Rezession rutschte, stieg die Zahl der Arbeitslosen. Und zwar empfindlich. Danach dauerte es Jahre, bis das Gros derjenigen, die ihren Job verloren hatten, wieder eine Stelle fanden. Zuletzt hat die Bundesrepublik vor 20 Jahren eine solche Entwicklung durchlitten. In der wirtschaftlichen Schwächephase zwischen 2002 und 2005 stieg die Zahl der Arbeitslosen um 800.000 Personen.

In einiger Hinsicht ähnelt die gegenwärtige Situation der damaligen. Abermals steckt die Bundesrepublik in einer Strukturkrise, weil industrielle Schlüsselbranchen um ihr Geschäftsmodell bangen. Dazu kommt die aktuell schwache Konjunktur. 2023 dürfte die deutsche Wirtschaft in eine leichte Rezession geraten. Wie vor 20 Jahren sind wir derzeit wieder der EU-Mitgliedstaat mit dem lahmsten Wirtschaftswachstum. Das Land mit der "roten Laterne", der "kranke Mann Europas", um ein paar damals populäre Metaphern zu bemühen. Steht nun abermals eine "Stunde der Wahrheit im Land der Lügen" bevor, wie der SPIEGEL vor knapp 20 Jahren titelte?

Soweit sind wir noch nicht. Aber es sieht so aus, als ob unser lange erfolgreiches Wirtschaftsmodell ein Update benötigt  – und dann einen Neustart.

Was geschehen müsste, liegt eigentlich auf der Hand: ein arbeitsfreundlicheres Sozialsystem, neue Unternehmen, mehr Forschung, Öffnung des Finanzmarkts, aktive Zuwanderungspolitik. Dazu etwas weiter unten mehr. Zunächst die guten Nachrichten.

Lahme Wirtschaft, jede Menge Jobs

Anders als vor 20 Jahren bleibt die Arbeitslosigkeit niedrig. Die Quote liegt deutlich unter dem Schnitt des vergangenen Jahrzehnts, und das waren – ökonomisch gesehen – gute Zeiten. Noch bemerkenswerter: Trotz schrumpfender Wirtschaftsleistung gibt es so viele offene Stellen wie nie zuvor . Im internationalen Vergleich gehört Deutschland zu den Volkswirtschaften mit dem engsten Arbeitsmarkt, wie die OECD dieser Tage in ihrem aktuellen Wirtschaftsausblick  gezeigt hat.

Für die Bürger ist das zunächst eine positive Entwicklung. Weil Arbeitskräfte knapp sind und bleiben, bemühen sich Unternehmen, auch bei schwacher Geschäftslage Beschäftigte zu halten, statt sie zu entlassen. Die Angst vor dem Jobverlust und dem Absturz ins gesellschaftliche Aus, vor 20 Jahren das dominierende Gefühl im Land, ist weitgehend weg . Und das ist auch gut so.

Allerdings besteht das Risiko, dass Wirtschaft und Politik aus der vergleichsweise positiven Lage auf dem Arbeitsmarkt den Schluss ziehen, weitermachen zu können wie bislang. Doch das können nicht. Hier ist die Begründung.

Aufwind ­– mit gelegentlichen Turbulenzen

Seit 2006 hat sich die deutsche Wirtschaft im Schnitt gut entwickelt, und in vielerlei Hinsicht besser als vergleichbare Länder. Selbst die Großrezessionen im Zuge der Finanzkrise 2008/09 und der Coronapandemie 2020 waren nur kurzfristige, wenn auch heftige Turbulenzen im allgemeinen Aufwind. Dieses Wachstum war vor allem von zwei Faktoren begünstigt: einer dynamischen Nachfrage nach deutschen Industrieprodukten und einem immer weiter steigenden Angebot von Beschäftigten. Beide Entwicklungen geraten nun an Endpunkte.

Was die Nachfrage betrifft, so zeigt sich, dass der weltweite Bedarf an Maschinen, Anlagen, Fahrzeugen, Autoteilen und chemischen Vorprodukten, immer noch die Säulen des deutschen Geschäftsmodells, strukturell zurückgeht, weil in wichtigen Abnehmerländern die Phase der raschen Industrialisierung vorbei ist. China und andere Volkswirtschaften haben inzwischen jede Menge neue Fabriken, Stadtviertel und Verkehrstrassen in die Landschaft gesetzt. Allmählich zeigen sich Sättigungstendenzen.

Währenddessen steht die Bundesrepublik vor einer massiven Schrumpfung der Erwerbsbevölkerung. Das ist ein Problem, und zwar ein fundamentales, weil dadurch unser Modell der wirtschaftlichen Entwicklung infrage gestellt wird.

In den zurückliegenden anderthalb Jahrzehnten legte das volkswirtschaftliche Produktionspotenzial vor allem durch einen Anstieg der Beschäftigung zu: Arbeitslose fanden wieder Stellen; die Erwerbstätigkeit von Frauen und Älteren stieg; und die Zuwanderung von Millionen Menschen, insbesondere aus dem übrigen Europa, füllte manche Vakanz. In der Summe wuchs das Angebot von Arbeitskräften in Deutschland immer weiter und erhöhte die Produktionsmöglichkeiten.

Mit anderen wohlstandsförderlichen Faktoren hingegen war es nicht weit her: Die Produktivität (grob gesagt, die Wirtschaftsleistung pro Arbeitsstunde) schwächte sich immer weiter ab. Auch Investitionen in die Kapitalausstattung entwickelten sich nicht gerade dynamisch. Im Resultat war Deutschlands Wirtschaftswachstum überwiegend beschäftigungsgetrieben, wie aus Berechnungen des Sachverständigenrats ("Fünf Weise") hervorgeht .

Seit Anfang des Jahrtausends ist das Potenzial an Erwerbstätigen um rund vier Millionen Personen gestiegen. Eine tolle Sache. Aber diese historische Phase ist vorbei.

Kommen, um zu bleiben

Wenn wir uns wirklich anstrengen, wird die Zahl der einsatzfähigen Personen in den kommenden Jahrzehnten in etwa konstant bleiben. Wirklich anstrengen heißt: längere Lebensarbeitszeit, mehr Erwerbsbeteiligung von Frauen, vor allem mehr Zuwanderung mit dem Ziel, dass Menschen kommen, um zu bleiben .

Nach Berechnungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) braucht es eine Nettozuwanderung von 400.000 Personen jährlich.  Es müssten also 400.000 Leute mehr nach Deutschland ziehen als ins Ausland übersiedeln. Das ist im vorigen Jahrzehnt in etwa gelungen. Auf Dauer aber wird es schwierig, die Größenordnungen zu erreichen, weil die Länder, aus denen bislang Zuwanderer nach Deutschland kommen, vor einem ähnlichen Bevölkerungsrückgang stehen.

Die Ära der demografischen Schrumpfung beginnt. Und zwar unausweichlich: Selbst wenn Frauen plötzlich wieder im Schnitt mehr als zwei Kinder bekämen – wie sich mancher wünscht, der sich, aus welchen Gründen auch immer, vor "Überfremdung" durch Zuwanderung fürchtet –, hätte das bestenfalls sehr langfristige Auswirkungen auf Altersstruktur und Erwerbsbevölkerung. In diesem Jahrhundert wäre der Effekt jedenfalls kaum spürbar.

Wir müssen uns vor Scheinalternativen hüten: Ohne Zuwanderung werden wir nicht zurechtkommen. Die IAB-Studie rechnet vor, dass bis Mitte des nächsten Jahrzehnts die Zahl der Beschäftigten um sieben Millionen (!) Menschen zurückgehen würde, wenn alles beim Alten bliebe und wir die Grenzen für Zu- und Abwanderer schlössen. Glücklicherweise ist das ein hypothetisches Szenario.

Was nun? Was tun!

Baustein 1 für eine zukunftsgerichtete wirtschaftspolitische Strategie bestünde aus einer gezielten Zuwanderungspolitik. Es versteht sich von selbst, dass dabei insbesondere Länder im Fokus stehen müssen, deren Bevölkerung immer noch rasch wächst. Davon gibt es gar nicht mehr so viele auf dem Globus; die meisten liegen in Afrika südlich der Sahara. Eine vorausschauende Bildungs-, Qualifizierungs- und Integrationsstrategie, beginnend in Schulen der Herkunftsländer, wäre wünschenswert, zumal der internationale Wettbewerb um Zuwanderer immer schärfer wird.

Baustein 2 sollte eine Verbesserung der Leistungsanreize für Gering- und Durchschnittsverdiener sein. Leider surft die öffentliche Debatte um dieses Thema seit vielen Jahren herum. Es geht dabei insbesondere um die Abgabenlast durch Sozialversicherungsbeiträge – um einen neuen Deal für Deutschland . Bei niedrigen Einkommen steigen die Abzüge (Abgaben und Steuern) prozentual mit jedem zusätzlich verdienten Euro immer weiter an – von 40 Prozent auf über 50 Prozent, je nach Familienstatus. Diese "Grenzbelastung" deutscher Normalverdiener ist deutlich höher als in Ländern mit effizienteren Sozial- und Steuersystemen, Dänemark beispielsweise . Wer mehr arbeitet, wer sich fortbildet, wer mehr Verantwortung übernimmt, spürt es zunächst kaum auf dem Konto. Ein Leistungshemmnis sondergleichen.

Jede Menge Arbeit, sinkender Lebensstandard

Es ist nur so: Bestenfalls werden wir durch solche Maßnahmen die Beschäftigtenzahl konstant halten. Die Wohlstandszuwächse werden vor allem aus dem Produktivitätsfortschritt kommen müssen. Gelingt das nicht, werden wir zwar die Arbeitslosigkeit weitgehend beseitigen, aber zugleich würde es jede Menge schlecht bezahlter Jobs bei sinkenden Lebensstandards geben.

Ohne einen beschleunigten Strukturwandel hin zu wissensintensiven Branchen – einem neuen produktiven Kern des deutschen Wirtschaftsmodells – wird es kaum gehen. Dafür bedarf es neuer Unternehmen  inklusive einer Öffnung der europäischen Börsen für rasch wachsende Technologiefirmen (Baustein 3) – sowie einer staatlichen Forschungsoffensive  (Baustein 4).

Keine Frage, Deutschland hat gute Voraussetzungen. Aber das heißt nicht, dass alles bleiben muss, wie es ist. Wer nichts Neues probiert, wird schnell ziemlich alt aussehen.

Die wichtigsten Wirtschaftstermine der bevorstehenden Woche

Montag

Berlin – Enge Gürtel – Gewerkschaftstag des Beamtenbunds (DBB). Der öffentliche Dienst steht zum Jahresbeginn vor einer anspruchsvollen Tarifrunde.


Dienstag

Berlin – Strukturwandel – Industriekonferenz 2022 des Bundeswirtschaftsministeriums in Kooperation mit dem Bündnis "Zukunft der Industrie". Mit Habeck, BDI-Präsident Russwurm und IG Metall-Chef Hofmann.

Wiesbaden – High Potential – Das Statistische Bundesamt gibt eine erste Schätzung für die Inflationsrate im November 2022 bekannt.

Bukarest – Zeit des Krieges – Treffen der Nato-Außenminister (bis Mittwoch).

Mittwoch

Nürnberg – Jobs, Jobs, Jobs I – Die Bundesagentur für Arbeit unterrichtet über die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

LuxemburgDruck auf Lagarde – Die Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht eine Schnellschätzung zur Inflation im Euroraum im November. Die Europäische Zentralbank wird weitere Schritte unternehmen müssen. Insbesondere wird sie, wie andere Notenbanken auch, beginnen müssen, ihren gigantischen Bestand an Wertpapieren abzustoßen, um damit den Finanzmärkten flüssige Mittel zu entziehen.

Peking – Stimmung süß-sauer – Das Statistikamt Chinas legt Zahlen über die Stimmung der Einkaufsmanager im Oktober bekannt.

London – Winter of Discontent – Streik bei der Royal Mail. Seit Monaten wird Großbritannien von Arbeitskämpfen beeinträchtigt.

Donnerstag

Luxemburg – Jobs, Jobs, Jobs II – Die Statistikbehörde Eurostat veröffentlicht Kennzahlen zur Arbeitslosigkeit.

Frankfurt – Deutsche Konjunktur – Der Maschinenbauverband VDMA veröffentlicht neue Zahlen zu Auftragseingängen bei den Mitgliedsunternehmen.

Freitag
Wiesbaden – Ausfuhr – Das Statistische Bundesamt berichtet vom deutschen Export im Oktober.

Washington – Datum für Jay – Die US-Regierung veröffentlicht Daten zur Arbeitslosenquote im November. Für die Notenbank unter Führung von Chairman Jerome Powell stellt sich die Frage, wie schnell sie die Zinsen weiter anheben soll.

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