Ukraine-Konflikt Putin treibt Ölpreis nahe 100 Dollar – und riskiert viel

Russlands Präsident Wladimir Putin treibt den Ukraine-Konflikt auf die Spitze und den Ölpreis nahe 100 Dollar. Die Abhängigkeit Europas von russischem Gas ist hoch, doch auch Russland würde ökonomisch einen hohen Preis bezahlen.
Demonstrativer Schulterschluss: Russlands Präsident Wladimir Putin (links) und Alexei Miller, CEO des staatlichen Energieriesen Gazprom. Bei einer Invasion Russlands in die Ukraine dürften die Gas- und Öl-Lieferungen nach Europa massiv zurückgehen

Demonstrativer Schulterschluss: Russlands Präsident Wladimir Putin (links) und Alexei Miller, CEO des staatlichen Energieriesen Gazprom. Bei einer Invasion Russlands in die Ukraine dürften die Gas- und Öl-Lieferungen nach Europa massiv zurückgehen

Foto: SERGEI KARPUKHIN / AFP

Seit Wochen zieht Russland Truppen an der Grenze zur Ukraine und in Belarus zusammen. Mittlerweile schaffen mehr als 100.000 Soldaten ein Bedrohungspotential, das sich, so US-amerikanische Geheimdienste, schon in Kürze in einer kriegerischen Invasion entladen könnte. Ob die Diplomatie noch einen Weg aus dieser verfahrenen Lage findet, ist ungewiss. Aktienanleger jedenfalls haben Zweifel und drückten zu Wochenbeginn die wichtigsten Indizes in Europa tief in die Verlustzone, am Dienstag starteten sie einen Erholungsversuch.

Umgekehrt kletterten die Ölpreise, im Zuge der wirtschaftlichen Erholung seit Anfang Dezember ohnehin im Steigflug, auf den höchsten Stand seit fast acht Jahren, gaben am Dienstag dann aber einen Teil ihrer Gewinne wieder ab. Die Nordseesorte Brent pendelte um 96 Dollar, das Fass der US-Sorte WTI kostete rund 95 Dollar. Trotz der jüngsten Abschläge bleibt die Marke von 100 US-Dollar je Fass Rohöl in Reichweite.

Hauptgrund für die deutlichen Preisaufschläge, die seit Jahresbeginn etwa 25 Prozent betragen, ist die Krise an der ukrainisch-russischen Grenze. Rasant steigende Preise für Erdgas und Rohöl im Zuge einer kriegerischen Auseinandersetzung sind derzeit das Letzte, was die Volkswirtschaften gebrauchen können, schon jetzt treiben sie die Inflation massiv in die Höhe.

Im internationalen Welthandel spielt Russland, dessen Sozialprodukt im Jahr 2020 gerade Mal die Hälfte Großbritanniens betrug, keine große Rolle. Dazu trugen auch die Sanktionen seit dem Jahr 2014 in Reaktion auf die Krim-Annexion bei. Das scheinen die Aktienanleger sich am Dienstag vermutlich noch einmal vor Augen geführt zu haben und kehrten mit vagen Anzeichen der Entspannung in dem Konflikt wieder schrittweise zurück.

Auf den internationalen Rohstoffmärkten nimmt das größte Flächenland der Erde eine ungleich größere Rolle ein. Russland exportiert täglich rund fünf Millionen Barrel Rohöl und weitere 2,5 Millionen Barrel Erdölprodukte – das sind jeweils 12 und 10 Prozent des Welthandels, rechnen Experten der Investmentbank Cowen vor . Fast zwei Drittel der russischen Ölexporte fließen dabei nach Europa, was den alten Kontinent zum wichtigsten Handelspartner Russlands macht – noch vor China, zeigt das Institut der Deutschen Wirtschaft in einer aktuellen Kurzstudie . China wiederum absorbiert weitere 30 Prozent der russischen Erdölexporte.

Opec kann die Förderlücke im Kriegsfall kaum füllen

Die Rohölmärkte reagieren laut Analysten auch deshalb derzeit so sensibel, weil die Erdöl exportierenden Staaten (Opec) zwar zugesagt haben, mehr Öl zu fördern und auf den Markt zu bringen, sie aber tatsächlich ihr Ziel, die Produktion täglich um 400.000 Barrel zu erhöhen, nicht erreichen. Der Markt stelle die Fähigkeit der Opec-Staaten infrage, die Produktion wieder auf das Niveau vor der Pandemie zu hieven, zitiert das "Wall Street Journal"  Andy Lipow, Ölanalyst und Präsident von Lipow Oil Associates in Houston. Dabei dürfte die weltweite Ölnachfrage in den nächsten Monaten täglich um bis zu 4 Millionen Barrel steigen, prognostiziert der Londoner Daten- und Informationsdienst IHS Markit. Mit anderem Worten: Nachfrage und Angebot driften weiter auseinander und dürften bei einem möglichen Wegfall der russischen Exporte die Preise noch weiter in die Höhe treiben.

Russische Gas-Lieferungen machen ein Viertel des Welthandels aus

Noch bedeutender ist Russland aber als Gaslieferant. Russland exportiert täglich mehr als 651 Millionen Kubikmeter Gas, was etwa einem Viertel des Welthandels entspricht. 85 Prozent des von Russland gelieferten Gases landen dabei in Speichern in Europa – ein Großteil davon durchläuft laut Cowen ein Pipeline-Netz in der Ukraine. Ein militärischer Konflikt auf ukrainischem Boden und/oder Sanktionen dürften den Transport des Gases nach Europa massiv behindern. Europäische Unternehmen dürften es schwer haben, diese Ausfälle zu ersetzen, so die Einschätzung.

Ölpreis und Gaspreis korrelieren miteinander. Verknappt sich das Erdgasangebot deutlich, könnte dies den Ölpreis auch deshalb weiter in die Höhe treiben, weil Kraftwerke und Verbraucher, die mit Gas betrieben werden, dazu gezwungen sein könnten, stattdessen Öl zu verwenden.

Alternativer Exportmarkt nicht so schnell in Sicht

Doch auch Russland dürfte einen hohen Preis zahlen, sollte es Erdöl und Erdgas nicht mehr wie gewohnt nach Europa liefern können. Die Hälfte des russischen Staatshaushaltes hängt laut Investmentbank Raymond James an den Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen.

Zwar bemüht sich Russland darum, insbesondere mehr Gas nach China zu liefern, gleichwohl kann sich der staatliche Gazprom-Konzern in Ermangelung fehlender Leitungskapazitäten nicht so schnell einen alternativen Exportmarkt erschließen. Im vergangenen Jahr flossen laut dem Institut für Weltwirtschaft (IfW) rund fünf Prozent des russischen Gases nach China, Tendenz aber steigend.

Überzeugen ökonomische Argumente?

Nicht zuletzt dürfte eine militärische Intervention Russlands in der Ukraine der umstrittenen und fertiggestellten Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 den Todesstoß versetzen, das hatte US-Präsident Joe Biden bereits vor einigen Tagen unmissverständlich klargemacht. Bundeskanzler Olaf Scholz dürfte bei seinem Zusammentreffen mit Russlands Präsident Putin kaum etwas anderes zu verstehen geben. Für den staatlichen Energiekonzern Gazprom würde das Aus von Nord Stream 2 eine Abschreibung von 11 Milliarden Dollar bedeuten, so die Experten von Raymond James. Ob der Machtpolitiker Putin derlei ökonomischen Argumenten zugänglich ist, steht allerdings auf einem anderen Blatt.

rei