Montag, 14. Oktober 2019

Türkische Lira gibt trotz Zinserhöhung weiter nach Kurssturz der Lira wird für Erdogan zum Problem

Recep Tayyip Erdogan: Die Inflation ist hoch, doch von höheren Zinsen will Erdogan kurz vor der Wahl am 24. Juni nichts wissen

Die Türkische Lira ist trotz der überraschenden Zinserhöhung der Notenbank am Donnerstag erneut auf Talfahrt gegangen. Am Vormittag mussten für einen US-Dollar 4,67 Lira gezahlt werden. Seit dem Morgen hat die Währung damit etwa zwei Prozent an Wert verloren. Im Handel mit dem Euro zeigte sich eine ähnliche Entwicklung. Hier mussten zuletzt fast 5,50 Lira für einen Euro gezahlt werden.

Am Mittwoch Abend hatte die türkische Zentralbank in einer Krisensitzung beschlossen, einen ihrer Leitzinsen - der Spätausleihungssatz - von 13,5 Prozent auf 16,5 Prozent anzuheben. Mit der Maßnahme versuchen die Währungshüter den Wertverfall der Währung zu stoppen und die hohe Inflation einzudämmen. In einer ersten Reaktion konnte der jüngste Wertverfall der Lira zunächst gestoppt werden. Der Kurs war am Mittwochabend um etwa sieben Prozent nach oben geschossen.

Allgemein zweifeln Analysten an der Wirksamkeit der Maßnahme. So befürchtet Devisenexperte Manuel Andersch von der BayernLB, dass die Glaubwürdigkeit der türkischen Notenbank möglicherweise schon "irreparabel beschädigt sein könnte".

Fitch kritisiert Erdogan - Notenbank muss unabhängig bleiben

Zuletzt hatte die Ratingagentur Fitch die Aushöhlung der Unabhängigkeit der türkischen Zentralbank kritisiert. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte im Wahlkampf den Währungshütern gedroht.

Wenn die Bevölkerung wegen der Politik der Zentralbank Probleme habe, würde sie den Präsidenten dafür verantwortlich machen, sagte Erdogan. Daher müsse er eingreifen und werde im Falle eines Wahlsiegs im Juni die Währungshüter stärker unter seine Kontrolle nehmen.

Die überraschende Entscheidung der türkischen Notenbank, den so genannten Spätausleihungssatz (LLW-Zins) von 13,5 auf 16,5 Prozent zu erhöhen, hatte am Mittwoch Abend die Währung nur kurzzeitig gestützt. Die Notenbanker waren zuvor zu einem außerordentlichen Treffen zusammengekommen. Die anderen Zinssätze wurden nicht angetastet.

Der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci hatte den Kursverfall der Lira zuvor als "abartig" beschrieben. Die türkischen Institutionen verfügten über die notwendigen Mittel und sollten tun, was immer nötig sei. Regierungssprecher Bekir Bozdag sprach von einem Spiel, das mit der Lira getrieben werde. Den Ausgang der Präsidenten- und Parlamentswahlen am 24. Juni werde das aber nicht beeinflussen.

In der vergangenen Woche hatte Erdogan angekündigt, nach den Wahlen größere Kontrolle über die Geldpolitik auszuüben. Er will niedrige Zinsen, um über die Kreditvergabe den Bau anzukurbeln.

Erdogan will nach der Wahl Einfluss auf Geldpolitik verstärken

Für Erdogan kommt die Talfahrt der türkischen Lira zu einem denkbar schlechten Moment. Am 24. Juni stehen in der Türkei vorgezogene Parlaments- und Präsidentschaftswahlen an, bei denen Erdogan auf eine weiteres Mandat hofft. Die positive Entwicklung der Wirtschaft war in den vergangenen Jahren stets ein wichtiger Faktor für seinen Erfolg an den Urnen. Die Währungskrise droht nun, Erdogan Schwierigkeiten zu bereiten.

Abwertung läuft seit 2016 - nun schreitet Notenbank ein

Schon seit Ende 2016 verliert die Währung an Wert, doch so dramatisch war die Situation noch nie. Analysten dringen nun auf eine rasche und entschiedene Intervention der Zentralbank, um die Talfahrt zu stoppen. "Es erscheint hochgradig wahrscheinlich, dass sie einschreiten werden", sagt der Ökonom William Jackson von Capital Economics in London. Den ersten Schritt hat die Notenbank nun am Mittwoch Abend mit ihrer Zinserhöhung unternommen.

Allerdings ist Erdogan entschieden gegen eine Zinserhöhung, um das Wachstum nicht zu gefährden. Nominell ist die Zentralbank unabhängig, doch bestehen Zweifel, dass sie noch autonom entscheiden kann.

Zusätzlich für Unruhe sorgte vergangene Woche ein Interview, in dem Erdogan Zinsen als "Mutter allen Übels" bezeichnete und seine unorthodoxe Meinung bekräftigte, dass niedrige Zinsen die Inflation eindämmen helfen.

"Erdogans Äußerungen der Auslöser für den jüngsten Kurssturz"

Analysten alarmierte aber besonders Erdogans Ankündigung, nach der Wahl die Kontrolle über die Geld- und Währungspolitik zu stärken. Die US-Ratingagentur Fitch warnte daraufhin am Dienstag, "eine explizite Drohung zur Einschränkung der Unabhängigkeit der Zentralbank" erhöhe die Unsicherheit. Nach Ansicht von Jackson wird die Zentralbank nun schon deshalb handeln müssen, um "ihre Glaubwürdigkeit" zu wahren.

Für Jameel Ahmad vom Devisenhändler FXTM waren Erdogans Äußerungen der "Auslöser" für den jüngsten Kursturz. Die Bedrohung für die Unabhängigkeit der Zentralbank sei inzwischen so hoch, dass es Händlern selbst zum derzeitigen niedrigen Wert zu riskant erscheine, Lira zu kaufen, sagt er. Im Basar von Istanbul weigerten sich am Mittwoch Devisenhändler angesichts des Kursturzes sogar, Dollar zu verkaufen.

Wirtschaft wächst, doch Inflation bleibt bei über 10 Prozent

Zwar ist die türkische Wirtschaft im vergangenen Jahr um 7,4 Prozent gewachsen, doch kann dies nicht verdecken, dass die Wirtschaft zunehmend in Schieflage gerät. Die Inflation verharrt mit elf Prozent auf hohem Niveau und das Leistungsbilanzdefizit wird ständig größer. Inzwischen sind auch die Bürger beunruhigt, und laut dem Umfrageinstitut MAK sehen sie die Lage der Wirtschaft mittlerweile als Problem Nummer Eins.

Der Pessimismus zeigte sich auch im Verbrauchervertrauensindex für Mai, der gegenüber April um 2,8 Prozentpunkte nachgab, wie die Statistikbehörde Tüik mitteilte. Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci gab am Mittwoch zu, dass es "unerwünschte Schwankungen" bei der Währung gebe. Doch versicherte er, dass die "zuständigen Institutionen die nötigen Instrumente" hätten, um das Ungleichgewicht zu beenden.

Nach Einschätzung von Jackson droht eine wirtschaftliche Abkühlung oder gar eine Rezession, wenn die Zentralbank nicht einschreitet. Dies könnte sich auch negativ auf das Wahlergebnis Erdogans auswirken. "Für Türken kommt eine schwache Währung einer schwachen Wirtschaft gleich", sagt der Analyst Atilla Yesilada von Global Source Partners. "Es ist kaum anzunehmen, dass dies nicht Erdogan und seine AKP treffen wird."

la/dpa/reuters

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