Donnerstag, 27. Juni 2019

Zoll auf Autos steigt um 120 Prozent Türkei verhängt Sanktionen auf US-Produkte

Türkische Banknoten

Die Türkei hat im Streit mit den USA über das Festhalten des US-Pastors Andrew Brunson die Einfuhrzölle auf bestimmte US-Produkte drastisch erhöht. Darunter seien Pkw, Alkoholika und Tabak, berichtete das Amtsblatt der Türkei am Mittwoch. Für Pkw werde nach einem von Präsident Recep Tayyip Erdogan unterzeichneten Dekret der Zoll um 120 Prozent angehoben, bei alkoholischen Getränken seien es 140 und bei Tabak 60 Prozent. Auch für andere Waren gelten demnach künftig höhere Zölle, darunter für Kosmetika, Reis und Kohle.

Bereits am Dienstag hatte Erdogan als Reaktion auf eine Anhebung der Zölle durch die USA Sanktionen gegen den US-Konzern Apple angekündigt. "Wir werden einen Boykott auf elektronische Produkte aus den USA verhängen", sagte er.

Das Verhältnis zwischen den Nato-Partnern Türkei und USA ist wegen verschiedener Themen angespannt. Zugespitzt hat sich der Streit wegen des Falles Brunson. Da der Pastor nicht ausreisen darf, hat Trump die Einfuhrzölle auf Stahl und Aluminium aus der Türkei verdoppelt. Türkische Ermittler werfen Brunson Verbindungen zu dem in den USA lebenden Geistlichen Fethullah Gülen vor, der nach Darstellung der Regierung in Ankara hinter dem Putschversuch vor zwei Jahren steckt.

Die USA hatten am Dienstag mit weiterem wirtschaftlichen Druck gedroht, sollte Brunson noch länger festgehalten werden. Sollte sich hier in den kommenden Tagen oder in der nächsten Woche nichts ändern, würden die USA zusätzliche Maßnahmen einleiten, sagte ein Vertreter des US-Präsidialamtes der Nachrichtenagentur Reuters.

Nach der Erhöhung der Zölle am vergangenen Freitag fiel die türkische Lira auf ein Rekordtief. Am Dienstag erholte sich die Währung wieder etwas, gab am Mittwoch im Vergleich zum Dollar allerdings etwa ein Prozent ab. Damit wurde nur ein kleiner Teil der Gewinne zunichte gemacht, die die Lira am Dienstag eingefahren hatte. Trotz dieser jüngsten Stabilisierung sind die Verluste zu den großen Währungen nach wie vor drastisch. Zum amerikanischen Dollar beträgt das Minus seit Jahresbeginn 40 Prozent.

Türken verzichten auf Anschaffungen

Angesichts der Währungskrise in der Türkei verzichten viele Türken auf Anschaffungen. "Unsere Kunden warten ab", sagte ein Werkzeugimporteur in Istanbul der Deutschen Presse-Agentur.

Der Mann, der namentlich nicht genannt werden wollte, sagte, er mache sich angesichts des Lira-Verfalls große Sorgen um sein Land. "Wir sind nicht glücklich, die Händler sind nicht glücklich und die Kunden sind es auch nicht." Die Preise von Nahrungsmitteln wie Brot und auch der Benzinpreis blieben aber zunächst stabil.

Vor allem Händler von Importwaren machen sich Sorgen. Werkzeug zum Beispiel sei teuer geworden, sagte der Importeur, denn er müsse entweder in Dollar oder Euro bezahlen. Ein anderer Ladenbesitzer sagte, er verkaufe seine Ware zurzeit nur ungern. "Ich weiß ja nicht, zu welchem Preis ich neue Ware einkaufen kann."

Der Türkei-Repräsentant der deutschen Wirtschaftsförderungsgesellschaft Germany Trade and Invest (GTAI), Necip Bagoglu, erzählte von einer Firma, die Kugellager für die türkische Industrie importiere und ihre Geschäfte ausgesetzt habe. Sie sehe zurzeit einfach "keine gesunde Grundlage für Preiskalkulationen".

Ein 25-jähriger Verkäufer von Arbeitsgeräten sagte, seine Ware komme hauptsächlich aus der EU, vor allem aus Deutschland. Für eine einfache Bohrmaschine, die er vor dem starken Währungsverfall am Freitag noch für 650 TL (zurzeit rund 88 Euro) verkauft habe, müsse er nun 950 TL (rund 128 Euro) verlangen.

Erdogan "kämpft für unsere Würde gegen Amerika"

Wer schuld hat an der Misere, da sind die Menschen uneins. Der junge Werkzeugverkäufer sieht die Schuld vor allem bei der islamisch-konservativen AKP-Regierung. "Die Regierung muss sich ändern, sonst ändert sich nichts", sagte er. Sie habe viele Fehler gemacht. Die Türkei produziere zum Beispiel selbst viel zu wenig. Die Regierung mache die USA wegen der Sanktionen verantwortlich. Das sei jedoch nur eine "Ausrede".

Der 55-jährige Arbeiter Fatih dagegen sieht das anders. Schuld an der Krise seien die USA und deren Sanktionen gegen die Türkei.

Der Immobilienmakler Inez vertraut ganz auf Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Erdogan sei stark und setze sich für seine Leute ein, sagte er. "Er kämpft für unsere Würde gegen Amerika. Er versucht, die Türkei wirtschaftlich unabhängiger zu machen." Die Situation werde sich schon beruhigen.

Dagegen macht sich der Schreiner Ceren Sorgen, dass seine Arbeiter in dieser Lage eine Gehaltserhöhung verlangen könnten. "Ich weiß nicht, ob ich mir das leisten kann."

Andere folgen dem Aufruf Erdogans, Devisen in Lira umzutauschen, um die Währung zu stützen. Nach einem Bericht des Senders CNN Türk bot ein Restaurantbesitzer im südosttürkischen Adiyaman sogar kostenlos Essen und Getränke an, wenn seine Kunden belegen können, dass sie 100 Dollar in türkische Lira umgetauscht haben. "Wir stehen hinter Tayyip Erdogan", sagte er dem Sender.

luk/reuters/dpa

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