Jens-Uwe Meyer

Trumps Wahlsieg als politische Disruption Was Trump mit Apple und Uber gemein hat

Ego mit Faktor 100: Trump ist der disruptive Störer. Ob das gut oder schlecht ist, werden die nächsten Jahre zeigen. Doch Innovation beginnt genauso - in der Wirtschaft wie in der Politik

Ego mit Faktor 100: Trump ist der disruptive Störer. Ob das gut oder schlecht ist, werden die nächsten Jahre zeigen. Doch Innovation beginnt genauso - in der Wirtschaft wie in der Politik

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Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Und wieder wird geheult. "Trump ist eine Katastrophe", "Trump ist ein Frauenfeind", "seine Pläne sind von gestern". Doch es hilft nichts: Dieser Mann wird der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. Nach dem Brexit im Sommer ist das schon der zweite Schock im politischen System.

Natürlich kann man erst die Briten, dann die Amerikaner und künftig alle, die gerade bei Wahlen merkwürdig abstimmen, für verrückt erklären. Doch ein Trend ist nicht zu übersehen: Was in der Europäischen Union und den USA gerade stattfindet, ist politische Disruption. Innovation in ihrer brutalsten Form.

Drei positive Effekte von Trumps Wahlsieg

Stellen wir uns einmal vor, die Briten wären in der EU geblieben und Hillary Clinton wäre US-Präsidentin. Was hätten wir erlebt? Gefälliges Schulterklopfen. Keinerlei Veränderungsdruck. Das politische System der USA, das ZDF-Korrespondent Johannes Hano gerade in der eindrucksvollen Reportage "Die gekaufte Demokratie"  beschrieben hat, hätte weitergemacht wie bisher. Hillary hätte ihre Großspender angerufen, wahrscheinlich einen Banker von Goldman Sachs zum Finanzminister gemacht und alles wäre gemütlich weitergegangen.

Kein Wunder, dass gerade die Aktienmärkte nervös reagierten. Wer sich Hillarys Spenderliste  anschaut, weiß warum. Im Prinzip ist das, was in der Politik gerade passiert, vergleichbar mit disruptiver Innovation in der Wirtschaft, wie ich sie meinem Buch "Digitale Disruption"  beschreibe. Unternehmen wie Regierungen neigen dazu, sich auf ihren Erfolgen auszuruhen. Sie ignorieren Veränderungen selbst dann noch, wenn offensichtlich ist, dass die von ihnen geschaffenen Strukturen Dinosaurier sind, seien es nun Geschäftsmodelle oder politische Systeme. Unabhängig davon, wie man zu Donald Trump steht - in meiner letzten Meinungsmache habe ich klargestellt, was ich von seinen Wirtschaftsplänen halte hat seine Wahl einige positive Effekte:

1. Ohne kreative Zerstörung bewegt sich nichts

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1992 und 1996 war ich Korrespondent für die Voice of America und für ProSieben in Washington. Ich habe über den Wahlkampf Bush gegen Clinton aus nächster Nähe berichtet. Clinton gewann - schon damals mit dem Versprechen, "Change" zu bringen und sich um die "vergessene Mittelklasse" zu kümmern.

Das brachte ihn - den vermeintlichen Außenseiter - ins Weiße Haus. Die Ernüchterung kam schnell: Slick Willy - diesen Spitznamen gaben ihm seine politischen Gegner - aalte sich schneller durchs System, als man gucken konnte. Mit "Change" und "The forgotten Middleclass" ließen sich seitdem immer wieder Wahlkämpfe gewinnen. Doch hat sich wirklich etwas verändert?

Nein. Washington ist genauso attraktiv wie ein großes Unternehmen, das in jeder Kommunikation das Wort "kundenfreundlich" strapaziert, seine Kunden dann aber mit langen Callcenter-Warteschleifen, komplizierten Formularen und unfreundlichen Mitarbeitern quält. Eine Mogelpackung.

Es ist in der Politik wie in der Wirtschaft: Solange die Kunden nicht wegrennen, sondern sogar noch glauben, dass das Unternehmen wirklich kundenfreundlich ist, ändert sich nichts. Trump ist der disruptive Störer. Ob das gut oder schlecht ist, werden die nächsten Jahre zeigen. Doch Innovation beginnt genauso.

2. Es braucht Größenwahnsinnige, um Größenwahn zu begegnen

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Die meisten Innovatoren, die sich mit etablierten Konzernen angelegt haben, sind irgendwie größenwahnsinnig. Ob Apple-Gründer Steve Jobs, Virgin-Inhaber Richard Branson oder Uber-Chef Travis Kalanick - einen Hang zur Bescheidenheit haben sie alle nicht. In den letzten acht Jahren haben die Amerikaner einen vom Größenwahn besessenen Republikanischen Kongress  erlebt. Der Plan war, Obama zu schwächen und zu behindern, wo es nur geht. Die Quittung dafür heißt Trump.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen als neuer Vorstandsvorsitzender in ein Unternehmen, das von politischen Spielen, gegenseitigen Blockaden und großen Egos systematisch in den Stillstand getrieben wird.

Was brauchen Sie? Ein Ego, das die vereinten Egos der anderen Vorstandsmitglieder mindestens um den Faktor 10 übersteigt. Bei Donald Trump ist es wahrscheinlich der Faktor 100. Obama durfte so nicht glänzen, dafür war er zu anständig. Größenwahn ist eine wichtige Voraussetzung, um festgefahrene Systeme aufzubrechen. Es ist der gleiche Größenwahn, den wohl auch Boris Johnson hatte, als er die Briten in den Brexit trieb.

3. Endlich Innovation in der Politik!

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Die Diagnosen, mit denen Trump seine Wähler gewonnen hat, sind vielfach richtig. Ein kaputtes politisches System, eine vergessene Mittelklasse. Doch selbst wenn man der Diagnose folgt, muss man Trumps Therapievorschläge nicht lieben. Eines allerdings ist offensichtlich: Vom wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre haben vor allem die Eliten profitiert.

Iowa, Wisconsin und Michigan unterscheiden sich nicht wesentlich von Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt und Teilen des Ruhrgebiets. Dort leben Menschen, die jahrelang schlichtweg ignoriert wurden. Hat sich jemals jemand ernsthaft an geringer Wahlbeteiligung gestört? Trump hilft uns vielleicht, bei uns dem vorzubeugen, was in den USA gerade passiert.

Unternehmen, die ihre Kunden systematisch ignorieren, verschwinden über kurz oder lang. Politische Parteien können nicht pleitegehen. Trump hat die wirtschaftlichen Verlierer der vergangenen Jahre gewonnen. Die kommenden Jahre werden neue Verlierer produzieren. Wenn - wie es in einer Reihe von Studien heißt - 40 Prozent der Arbeitsplätze durch Digitalisierung gefährdet sind, muss sich die Politik dringend Gedanken darüber machen, wie sie mit diesen Verlierern umgeht.

Zu den Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens  gehören heute nicht etwa nur linke Träumer, sondern Menschen wie der Telekom-Vorstandsvorsitze Timotheus Höttges. Trump zeigt uns, was passiert, wenn man die Verlierer einfach vergisst. Daher könnte sein Wahlsieg positive Effekte für die deutsche und die europäische Politik haben. Politik muss sich radikal neu erfinden. Nicht mit kleinen Veränderungen, sondern richtig.

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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