Die Wahrheit über die marode US-Konjunktur Trump oder Clinton: Die Rezession kommt in jedem Fall

Egal wer am Dienstag die Wahl gewinnt, wird als Präsident für Rezession und schwache Börse stehen. Einziger Ausweg: Ein radikaler und risikoreicher Versuch, einen echten Aufschwung schaffen.
In keinem Fall ein Spaß: Devotionalien im US-Präsidentschaftswahlkampf.

In keinem Fall ein Spaß: Devotionalien im US-Präsidentschaftswahlkampf.

Foto: Justin Lane/ dpa

Die Wahl Donald Trumps dürfe in der Tat zu heftigen Turbulenzen an der Börse führen. Wie bei dem überraschenden Votum der Engländer für den Brexit kämen die Börsen einige Tage und vielleicht Wochen unter Druck. Beim Brexit war das übrigens eine Kaufgelegenheit, haben sich die Börsen doch rasch und deutlich erholt.

Viel wichtiger als diese kurzfristige Reaktion, ist die Frage nach den Aussichten für Wirtschaft und Börse für die kommenden vier Jahre. Und die sind schlecht - egal wer die Wahl gewinnt. Vielleicht sogar etwas besser, mit einem Präsident Trump. Fünf Gründe sprechen für dieses Szenario:

1. Der Aufschwung ist alt und schwach

Der Konjunkturaufschwung in den USA dauert seit 2009 an. Statistisch gesehen ist es schon jetzt eine der längsten Phasen konjunktureller Expansion seit dem 2. Weltkrieg. Aufschwünge sterben nicht abrupt und laut, sondern an Altersschwäche. So wird es auch dieses Mal sein. Der Lärm kommt vielmehr von den Finanzmärkten, die sich meistens, so auch heute, zu weit von der Realwirtschaft entfernt haben.

Der Aufschwung ist der schwächste seit siebzig Jahren. Beschäftigung und Industrieproduktion liegen deutlich unter Vorkrisenniveau, die Geldpolitik bleibt historisch aggressiv. Es ist kein Wunder, dass die Wahlen in den USA so ablaufen. Der Aufschwung hat sich an den Finanzmärkten abgespielt, die Mittelschicht aber nicht erreicht.

Anzeichen für eine baldige Rezession mehren sich. So fiel das Vertrauen der kleinen Unternehmen, gemessen am NIFB, im September erneut und deutet bereits einen Abschwung an. Vor allem die Zahl der offenen Stellen sank in diesem Segment deutlich auf den tiefsten Stand seit 15 Monaten. Erfahrungsgemäß ist dies ein sehr zuverlässiger Indikator für die weitere Entwicklung. Die US-Wirtschaft hängt vor allem vom Konsum ab, während der stärkere Dollar die Exporte hemmt und der tiefe Ölpreis den Energiesektor weiter belastet. Für 2017 dürfte die Wahrscheinlichkeit einer Rezession bei 50 Prozent liegen, für die kommenden vier Jahre bei 90 Prozent. Egal, wie es bei der Wahl ausgeht.

2. Die Ursachen der Krise sind nicht gelöst

Der eigentliche Grund für die schwache wirtschaftliche Erholung in den USA und noch verschärft bei uns in Europa liegt in der unbewältigten Finanz- und Wirtschaftskrise. In keiner Hinsicht wurden die Probleme, die zu der Krise geführt haben, bereinigt. Zwar haben die USA das Bankensystem rascher und schneller saniert und eine härtere Regulierung eingeführt. Die Fed war auch schneller und aggressiver mit Zinssenkung und Wertpapierkäufen. Das ist es aber dann schon.

Genauso wie wir Europäer haben die Amerikaner eine Krise, die durch zu viele Schulden ausgelöst wurde, mit noch mehr Schulden bekämpft. Nur im Vergleich zu einem Europa, welches unter noch höheren Schulden, noch schlechterer Demografie, noch dysfunktionaleren Strukturen und dem Korsett des Euro leidet, stehen die USA gut da.

Wenn Thomas Fricke bei Spiegel Online für den Fall eines Wahlsieges von Donald Trump eine neue große Depression befürchtet , so muss man ihm entgegen halten, dass wir uns schon seit 2009 in genau dieser befinden. Sie spielt sich im Unterschied zu damals nur in Zeitlupe ab.

Die Wahl in Amerika, wie schon das Votum der Briten und die zunehmende Unterstützung für nicht-mainstream Parteien (radikal ist da nicht immer die richtige Bezeichnung) passen in dieses Bild und sind nicht Auslöser oder gar Ursache, sondern nur Symptom: eine Reaktion auf die Weigerung der etablierten Parteien, die Probleme anzuerkennen und zu lösen. Die Politiker der G20 haben auf Zeit gespielt und auf ein Wunder gehofft. Erstere läuft aus und das Wunder will nicht passieren. In den nächsten fünf Jahren werden wir weltweit mit heftigen Turbulenzen zu kämpfen haben. Zahlungsausfälle, Schuldenrestrukturierungen, deutliche Inflation. Alles steht auf dem Programm - egal, wer amerikanischer Präsident wird.

3. Geldpolitik am Ende

Kommt es nun - aus welchen Gründen auch immer - zu einer erneuten Rezession, stehen die USA wie Europa vor der Herausforderung dagegenzuhalten. Die Geldpolitik ist mit ihrem Latein am Ende, die Munition ist aufgebraucht. Natürlich kann man die Zinsen noch tiefer treiben in den negativen Bereich. Natürlich kann man die Freiheitsrechte der Bürger einschränken durch Bargeldverbot und Kapitalverkehrsbeschränkungen. Je verzweifelter diese Maßnahmen jedoch werden, desto gefährlicher wird es für das System als Ganzes. Geht das Vertrauen in die - vermeintliche! - Allmacht der Notenbanken verloren, droht nicht nur ein Kollaps an den Finanzmärkten, sondern der offene Ausbruch der Depression, die bisher nur mit einer wahren Geldflut unterdrückt wurde.

Wie ernst die Profis die Lage einschätzen, konnte man an den Diskussionen beim traditionellen Treffen der Notenbanker in Jackson Hole festmachen. Ray Dalio, einer der erfolgreichsten Hedgefonds-Manager aller Zeiten, ist ebenfalls skeptisch und fragt schon lange, was passiert, wenn die Märkte realisieren, dass die Notenbanken eben nur Zeit kaufen, die Wirtschaft aber nicht heilen können. Das gilt, egal wer am Dienstag gewählt wird.

4. Vermögenspreise völlig losgelöst

Wenn als Folge der Wahl ein Einbruch an den Börsen befürchtet wird, so ist das zunächst nur eine kurzfristige Entwicklung. Natürlich würde die Wahl Trumps die Unsicherheit erhöhen und damit tiefere Wertpapierpreise wahrscheinlich machen. Umgekehrt wäre dann eine Zinserhöhung der Fed wiederum vom Tisch - mit eben dieser Unsicherheit begründet - so dass es wie auch im Fall des Brexit ganz anders kommen könnte. US-Aktien könnten gar von einer Abschwächung des Dollars profitieren. Für Spekulanten eine Einstiegschance.

Interessanter ist der Blick auf die Aussichten für die Börse der kommenden vier Jahre. Kommt es zu einer Rezession und/oder dem angesprochenen Vertrauensverlust in die Notenbanken, dürften die Märkte deutlich korrigieren. Doch selbst wenn es dazu nicht kommt, dürfen sich Vermögensbesitzer nicht zu große Hoffnungen machen. Die tiefen Zinsen der letzten Jahre haben dazu geführt, dass praktisch alle Vermögenswerte zur "Perfektion gepriced " sind. Selbst ohne Crash dürften Anleihen, Aktien und Immobilien auf Sicht von zehn Jahren nur noch Renditen von rund zwei Prozent pro Jahr erbringen. Die Gewinne wurden schon gemacht, egal wer nun die Wahl gewinnt.

5. Kooperationsbereitschaft nimmt ab

In der Diskussion über die US-Wahlen wird bei uns gerne der Eindruck erweckt, es gäbe einen Entscheid zwischen einem Proktektionisten und einer glühenden Befürworterin des Freihandels. Das ist allerdings Quatsch. Hillary Clinton hat sich schon immer am politischen Mainstream orientiert und dieser bewegt sich weltweit, nicht nur in den USA, immer mehr in Richtung Protektionismus. Heute noch nicht so plump und offen wie in den 1930er Jahren, aber dennoch spürbar ansteigend. Die Bereitschaft zur internationalen Kooperation nimmt umso mehr ab, je länger und je tiefer die Krise ist. Beim Brexit ging es auch um den Schutz britischer Arbeitsplätze. In der EU nehmen die Spannungen zu und werden sich bei einer neuen Rezession dramatisch verschärfen.

Auch innerhalb von Ländern nimmt die Bereitschaft, Probleme gemeinsam zu lösen ab, die Polarisierung nimmt zu. Dies kann nicht verwundern, ist es doch gerade in Demokratien - aber auch anderswo, man denke nur an China - stabilisierend, wenn der Wohlstand wächst. Stagniert oder schrumpft er gar, drohen rasch soziale Spannungen und Unruhen. In diesem Umfeld wird es für die Politik unmöglich, Probleme kooperativ zu lösen. Hier rächt sich, dass die amtierenden Politiker die letzten sieben Jahre nicht genutzt haben, die Probleme anzupacken. Umgehen mit den Folgen muss jeder Präsident, egal wer es wird.

Hoffnung Reflation

Damit wird klar: Egal wer das Rennen macht dürfte über einen wirtschaftlichen Abschwung und schwache Börsen präsidieren. Barack Obama hat die Wirtschaft stabilisiert und danach die Pause der langen Depression genossen. Der Nachfolger dürfte nicht so viel Glück haben.

Kommt es zur Rezession bleiben nur noch massive fiskalpolitische Maßnahmen, um die Depression zu verhindern. In Fachkreisen wird bereits diskutiert, die Staaten direkt durch die Notenbank zu finanzieren, das berühmte Helikopter-Geld. In der Tat dürfte es die einzige Möglichkeit sein, um die Wirtschaft vor einem Absturz zu bewahren und zugleich den relativ schmerzlosesten Weg des Schuldenabbaus mittels Inflation zu erreichen. Hierbei profitieren jene am meisten, die das Instrument zuerst verwenden. Eine deutliche Abwertung der eigenen Währung verschafft einen Vorsprung im Wettbewerb mit anderen Ländern.

Einmal abgesehen davon, dass Trump im Wahlkampf offener und lauter für Protektionismus eingetreten ist, wäre er vermutlich in einer besseren Position, um eine solche radikale Maßnahme umzusetzen. Dass er in diese Richtung denkt, zeigte sich in Interviews, in denen er gefragt nach seiner Lösung für die US-Staatsschuld lakonisch festhielt: you print the money. Je nach Ausgang der Kongresswahl dürfte er gar über die erforderliche Mehrheit verfügen.

Eine Präsidentin Clinton hingegen dürfte - ob nun berechtigt oder nicht - viel größere Widerstände im Kongress zu überwinden haben. Noch schlimmer wäre es, wenn sie durch fortgesetzte Untersuchungen wegen ihres Geschäftsgebarens und Umgang mit vertraulichen Emails dauerhaft politisch gelähmt wäre. In einem solchem Szenario, das wissen wir aus den Grabenkämpfen der letzten Jahre, droht eher ein politisches Patt.

So könnte - allen berechtigten Sorgen bezüglich seiner Person zum Trotz - ein Präsident Trump besser und schneller auf die Rezession reagieren und vielleicht sogar die Grundlage für eine wirkliche Lösung der Krise über höhere Inflation legen. Auch die Börsen würden profitieren.

Wahrscheinlich? Sicherlich wahrscheinlicher, als die Hoffnung auf den ewigen Aufschwung im Falle eines anderen Wahlausgangs.

Daniel Stelter ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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