World Inequality Report Das merkwürdig kleine Vermögen der Deutschen

Eigenheim: Nicht typisch deutsch

Eigenheim: Nicht typisch deutsch

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Alle reden darüber, aber niemand weiß wirklich Bescheid. Die ungleiche Verteilung von Vermögen und Einkommen ist seit Jahren das polit-ökonomische Großthema schlechthin. Der Pariser Ökonom Thomas Piketty, der vor vier Jahren mit seinem Bestseller "Das Kapital im 21. Jahrhundert" die neue Kapitalismusdebatte einläutete, musste seither seine Datenbasis und deren Interpretation verteidigen.

An diesem Donnerstag hat Piketty zusammen mit einem globalen Netzwerk von Kollegen den "World Inequality Report " vorgelegt. Es ist ein Versuch, der Debatte nachträglich noch ein solides Fundament aus umfassenden Belegen zu geben. 175 Millionen Einzeldaten haben die Forscher zusammengetragen.

Der Befund ist klar: Der Anteil der Reichen und besonders der Superreichen am Einkommen nimmt weltweit zu, ungefähr seit 1990, mit wenigen Ausnahmen wie dem Nahen Osten oder Südamerika - wo die Ungleichheit aber auf hohem Niveau stagniert, gewissermaßen das globale Maximum markiert.

Deutschland: 10 Prozent der Bürger haben 40 Prozent des Einkommens

Europa hingegen erscheint in dem Bericht als vergleichsweise egalitäres Sozialparadies, wenngleich auch hier das Gros der Bevölkerung von den Wohlstandsgewinnen der vergangenen Jahrzehnte teilweise abgehängt wurde - aber auch dieses Wachstum der Ungleichheit erscheint im globalen Vergleich moderat.

In Deutschland haben die Top 10 Prozent den Angaben zufolge rund 40 Prozent am Gesamteinkommen. "Ihr Anteil ist seit Mitte der 90er Jahren gestiegen", erklärt Charlotte Bartels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), die die deutschen Daten auswertete.

"Die unteren 50 Prozent haben in den letzten Jahren massiv an Anteil am Gesamteinkommen verloren. In den 60er Jahren verfügten sie noch über etwa ein Drittel, heute sind es noch 17 Prozent", erläuterte die Wissenschaftlerin. "Einschließlich Sozialtransfers, die mit den Bruttoeinkommen nicht erfasst werden, sehen die Zahlen für die unteren Einkommen vermutlich aber besser aus."

Wie Deutschland sich von allen anderen unterscheidet

Die Mittelschicht ist nach ihren Angaben relativ stabil mit etwa 40 Prozent am Gesamteinkommen. "Insgesamt ist die Einkommensungleichheit in Deutschland heute nicht radikal höher oder radikal niedriger als vor 100 Jahren. Allerdings ist sie seit der Jahrtausendwende gestiegen." So weit - je nach Perspektive - Ausweis einer skandalösen Entwicklung oder eben wenig auffällig.

Zu den neuen Erkenntnissen der Studie zählt, dass die Autoren die Konzentration von Vermögen als Hauptursache für die wachsende Ungleichheit der Einkommen ausmachen. In Deutschland profitieren die Reichsten 0,1 Prozent Bartels zufolge vor allem vom Unternehmensbesitz. "Über 80 Prozent der deutschen Wirtschaft dürften sich in Familienhand befinden."

Laut der Studie ist der Rückzug des Staates aus der Wirtschaft der wesentliche Treiber. Seit 1980 seien in fast allen Ländern riesige Mengen öffentlichen Vermögens privatisiert worden. "Dadurch verringert sich der Spielraum der Regierungen, der Ungleichheit entgegenzuwirken", argumentieren die Wissenschaftler.

In den USA und Großbritannien war das öffentliche Nettovermögen - Vermögenswerte abzüglich Schulden - den Angaben zufolge zuletzt sogar negativ. In Japan, Deutschland und Frankreich nur noch leicht positiv.

Allerdings weisen die Daten der Studie auch das Ausmaß der privaten Vermögen im Vergleich zum Nationaleinkommen als geringer aus als in den anderen entwickelten Staaten. Die Forscher fanden auch keinen großen Anstieg des privaten Kapitals.

"Fehlendes Vermögen" in Deutschland

"Deutschland ist die eine interessante Ausnahme zum allgemeinen Muster positiver Kapitalzuwächse", heißt es in dem Bericht. Auch angesichts der hohen Sparquote der Deutschen sei das überraschend. Sie sprechen von "fehlendem Vermögen" in Höhe von 50 bis 100 Prozent des Nationaleinkommens. Entweder überschätze die nationale Statistik die Ersparnis- und Investitionsbildung, oder sie unterschätze den Wert des privaten Vermögens - oder beides zugleich.

Möglicherweise spielten auch spezifisch deutsche Bremsen beim Anstieg von Vermögenspreisen eine Rolle. Beispielsweise könnte der Mieterschutz eine extreme Verteuerung von Immobilien wie in anderen Ländern behindern. Aktien seien vergleichsweise unterbewertet, vielleicht auch wegen der deutschen Mitbestimmung.

Im Januar will DIW-Ökonomin Charlotte Bartels die Erkenntnisse für Deutschland im Detail vorstellen. Dann könnte das deutsche Vermögensrätsel etwas gelüftet werden.

mit Material von dpa-afx
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