Henrik Müller

Teure Energie Wie schlimm wird die grüne Inflation?

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Höhere Preise und striktere Regulierungen verteuern den Verbrauch traditioneller Energieträger. Die Auswirkungen auf die allgemeinen Lebenshaltungskosten könnten erheblich sein – insbesondere in Europa.
Wind- und Solarenergie: Erst wenn die vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien geschafft ist, macht sich bemerkbar, dass die Stromerzeugung durch Wind und Sonne eigentlich extrem billig ist. Doch bis dahin hätten wir zweieinhalb Jahrzehnte mit klimabedingtem Inflationsdruck zu kämpfen.

Wind- und Solarenergie: Erst wenn die vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien geschafft ist, macht sich bemerkbar, dass die Stromerzeugung durch Wind und Sonne eigentlich extrem billig ist. Doch bis dahin hätten wir zweieinhalb Jahrzehnte mit klimabedingtem Inflationsdruck zu kämpfen.

Foto: via www.imago-images.de / imago images/U. J. Alexander

Im zurückliegenden Wahlkampf erklang regelmäßig ein beruhigender Grundton. Klar, der Klimawandel sei eine epochale Herausforderung, aber die notwendige Umstellung auf eine klimaneutrale Wirtschaftsweise werde letztlich kaum Einschränkungen für die Bürger bedeuten. Worauf wir verzichten müssten, wurden die Spitzenkandidaten immer wieder gefragt. Die Antwort lautete: eigentlich auf nichts.

Wenige Tage nach der Bundestagswahl hielt Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), eine bemerkenswerte Rede . Sie richtete den Blick in die weitere Zukunft. Unter anderem beschäftigte sie sich mit den Auswirkungen einer verschärften Klimapolitik auf die Inflation. Es sei sehr wohl möglich, dass höhere Energiekosten die allgemeine Preissteigerung in die Höhe treiben. Wenn der Ausstoß klimaschädlicher Gase mit immer höheren Abgaben belegt wird, wenn immer weitere Bereiche des Wirtschaftens davon betroffen sind und wenn zusätzlich EU-Klimazölle die Importe aus Ländern verteuern, die abgasintensiver produzieren als die EU – dann "könnte all das inflationäre Auswirkungen haben", sagte Lagarde.

Eigentlich logisch: Höhere Preise und striktere Regulierungen verteuern den Verbrauch traditioneller Energieträger. Es ist daher keineswegs abwegig anzunehmen, dass dadurch die Lebenshaltungskosten insgesamt steigen.

In der Summe kann dieser Effekt erheblich sein, insbesondere in Europa. Der Umbau in Richtung Klimaneutralität werde die Inflationsrate in den 2020er Jahren um mehr als einen Prozentpunkt nach oben treiben , so eine Studie des Network for the Greening of the Financial System (NGFS), eines Arbeitskreises von Wissenschaftlern und Notenbankern. Das klingt wenig – aber es wäre annähernd eine Verdoppelung gegenüber den Raten, die wir aus den 2010er Jahren gewöhnt sind.

Klimatischer Preisdruck: viele Unbekannte, große Risiken

Den größten Anstieg sagen die Autoren der NGFS-Studie für dieses Jahrzehnt vorher. In den 2030er Jahren soll der klimatische Preisdruck dann allmählich abflauten. Erst Mitte der 2040er Jahre werde sich die Entwicklung umkehren, so das Szenario. Erst wenn die vollständige Umstellung auf erneuerbare Energien geschafft ist, macht sich bemerkbar, dass die Stromerzeugung durch Wind und Sonne eigentlich extrem billig ist – in der Folge würden die Energiemärkte die Inflation sogar dämpfen. Bis dahin aber hätten wir zweieinhalb Jahrzehnte lang mit klimabedingtem Inflationsdruck zu kämpfen.

Klar, dies ist ein Szenario, keine Vorhersage. Das NGFS geht von einem geordneten, systematischen Übergang zur Klimaneutralität bis 2050 aus. Allerdings ist höchst unsicher, wie genau der grüne Umbau der Volkswirtschaften vonstatten gehen wird – welche Maßnahmen Regierungen und Parlamente konkret ergreifen, wie flexibel Bürger und Unternehmen auf die veränderten Bedingungen reagieren, ob es gelingt, die Kapitalmärkte anzuzapfen, sodass neue klimaschonende Technologien rasch auf den Markt kommen. Viele Unbekannte. Große Risiken.

Dazu kommen drei weitere Faktoren, die im gleichen Zeitraum ebenfalls potenziell inflationstreibend wirken:

Der demographische Wandel verknappt zusehends das Potenzial an Arbeitskräften, nicht nur in Europa. Dadurch haben Arbeitnehmer und Gewerkschaften mehr Verhandlungsmacht. Steigen die Lebenshaltungskosten, sollten sie rasch angemessene Lohnsteigerungen durchsetzen können.

Zweitens ist die Globalisierung auf dem Rückzug. Die ehedem nahezu grenzenlosen Märkte werden von neuen Handelsbeschränkungen durchzogen, die künftig auch klimapolitisch begründet werden. Dass die Unternehmen nun über Zulieferengpässe klagen, die zunehmend die Produktion lahmlegen, ist eine Folge dieser Entwicklung. (Achten Sie Dienstag auf die Tagung der G20-Handelsminister und Donnerstag auf neue Zahlen zur deutschen Produktion.) Unternehmen haben es unter diesen Bedingungen leichter, höhere Kosten in Form steigender Preise auf ihre Abnehmer umzulegen.

Drittens sind die öffentlichen und privaten Schulden extrem hoch. Das schränkt den Handlungsspielraum der Notenbanken ein: Entschiedene Zinserhöhungen können Finanzkrisen auslösen, weil mancher Schuldner an den Rand der Zahlungsunfähigkeit gerät. Wie diese Faktoren mit dem Klimaumbau zusammenwirken, lässt sich schwer vorhersagen – noch mehr Unbekannte.

Das Dilemma der Notenbanken

Man braucht kein Inflationshysteriker zu sein, um zu der Überlegung zu gelangen, dass die drei Faktoren zusammengenommen das inflationäre Potenzial der Klimawende zusätzlich erhöhen. Rasch steigende Energiekosten könnten eine Lohn-Preis-Spirale in Gang setzen, die die Notenbanken womöglich nicht so einfach abbremsen können. Wegen der hohen Schulden könnten Lagarde & Co. in die Klemme geraten: Sie müssten zwischen Preisstabilität und Finanzstabilität abwägen. Nebenbei bemerkt: Zwischenzeitliche Finanzkrisen würden den ökologischen Umbau der Wirtschaft erstmal zum Stillstand bringen – auch das will niemand.

Immerhin, die Notenbanker sind alles andere als untätig. In umfangreichen Studien und Stresstests  rechnen sie die volks- und finanzwirtschaftlichen Folgen des Klimawandels und der Klimapolitik durch. Nichtsdestotrotz ist die Ungewissheit enorm: Man müsse die "verschiedenen Übertragungswege" noch besser verstehen lernen, sagt Lagarde.

Eine lange, holprige Wegstrecke

Die aktuelle Entwicklung gibt einen Vorgeschmack auf die bevorstehenden Preiskapriolen. Die Inflationsrate in Deutschland lag zuletzt bei 4,1 Prozent gegenüber Vorjahr. Getrieben wurde der Anstieg vor allem von teurerer Energie . Insbesondere die Gaspreise sind in die Höhe geschossen. Der Treiber dahinter ist die gestiegene Nachfrage – eine Folge des windarmen ersten Halbjahrs: Wegen der ruhigen Wetterlage lag die Stromerzeugung aus Wind zwischen Januar und Juni um ein Drittel niedriger als im Vergleichszeitraum 2020 . Entsprechend wurden Gas- und Kohlekraftwerke hochgefahren, wodurch wiederum die Gasspeicher zu Beginn der Heizperiode geringer befüllt sind als sonst. Dass Russland in dieser Situation auch noch eine verhaltene Lieferpolitik betreibt, verengt die Märkte zusätzlich. (Montag gibt es neue Entscheidungen zur Ölproduktion von der OPEC und ihren Partnern.) Teureres Gas wirkt sich auch auf andere Wirtschaftszweige aus, etwa auf die Düngemittelproduktion, wo sich wiederum die Produktion verteuert.

Es sind solche Kaskaden von Effekten, die den Pfad zur Klimaneutralität zu einer langen, holprigen Wegstrecke machen, geprägt von gelegentlichen Ausschlägen der Inflationsraten. Das wird sich kaum verhindern lassen – dauerhaft deutlich höhere Inflationsraten aber womöglich schon.

Selbsterfüllende Prophezeiungen

Um die Preisdynamik im Griff zu behalten, sind vor allem die Regierungen gefragt. Sie setzen den Rahmen, sie machen die Regeln der Klimawende. Je effizienter der Umstieg gelingt, desto niedriger werden die volkswirtschaftlichen Kosten sein – desto geringer werden auch die Preisimpulse ausfallen, die eine Inflationsspirale zum Tanzen bringen könnten. Die Wahl der Instrumente ist deshalb nicht egal. Kleinteilige Detailregulierungen sind teuer, reizen zur Umgehung an und erfordern einen hohen Kontrollaufwand. Besser, der Unternehmen und Kapitalmärkte managen die Energiewende selbst – nach strikten staatlichen Vorgaben. Das gilt zumal in Deutschland, wo es an öffentlich Bediensteten für einen engmaschig regulierenden Staat fehlt. Bürokratische Regulierungen können deshalb das System leicht zum Stillstand bringen; wir haben es während der Pandemie erlebt.

Nebenbei bemerkt: Gegen die erstarkenden inflationären Kräfte würden auch produktivitätssteigernde Investitionen helfen zudem eine Arbeitsmarkt- und Rentenpolitik, die es verhindert, dass fähige ältere Beschäftigte zwangsweise in den Ruhestand geschickt werden; sowie eine Zuwanderungspolitik, die den Zuzug Qualifizierter aus aller Welt erleichtert – und einiges mehr. Man darf gespannt sein, was die künftige Regierungskoalition in dieser Richtung zustande bringt.

Für die Notenbanken wird es darauf ankommen, frühzeitig gegenzusteuern – zumindest frühzeitig zu signalisieren, dass man gegenzusteuern gedenkt, wenn die Preisdynamik an Breite und Tempo zunimmt. Solange es ihnen gelingt, ihr Image als entschlossene Inflationsbekämpfer aufrechtzuerhalten, werden sie das Dilemma zwischen Preis- und Finanzstabilität umschiffen können. Manchmal genügt schon der Glaube an stabile Inflationsraten, damit er zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag

Wien – Kartell unter Druck – Datum für den globalen Ölmarkt: Die OPEC und ihre wichtigsten Partnerländer, darunter Russland, beraten über die weitere Förderstrategie.

Leipzig – Inflationsausgleich – Fortsetzung der Tarifverhandlungen für den Einzel- und Versandhandel in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Die Gewerkschaft Verdi fordert eine Erhöhung um 4,5 Prozent plus 45 Euro monatlich.

Dienstag

Paris – Blick nach vorn – Tagung des Ministerrats der OECD, des Clubs der Marktdemokratien. Thema: "Eine grüne und inklusive Zukunft auf Grundlage geteilter Werte bauen". Es geht um den Klimawandel und den Weg zur Klimaneutralität.

Frankfurt – Deutsche Konjunktur I – Der Maschinenbauverband VDMA veröffentlicht neue Zahlen zu den Auftragseingängen bei seinen Mitgliedsunternehmen.

Sorrent – Globalisierung im Leerlauf – Treffen der G20 zum internationalen Handel. Die zuständigen Minister tagen unter italienischem Vorsitz.

Mittwoch
Luxemburg – Die Demokratie in Europa – Der Europäische Gerichtshof verkündet ein Urteil zur Unabhängigkeit der Justiz in Polen. Anlass ist der Fall eines Richters, der nach Kritik an Warschaus Justizpolitik degradiert worden ist.

Donnerstag
Wiesbaden – Deutsche Konjunktur II – Neue Zahlen zur Produktion im produzierenden Gewerbe. Trotz guter Auftragslage gehen Experten von einer zurückgehenden Produktion aus, weil das Gros der Unternehmen unter Materialmangel leidet.

Freitag
Wiesbaden – Deutsche Konjunktur II – Das Statistische Bundesamt veröffentlicht neue Zahlen vom deutschen Außenhandel.

Washington – Jobs, Jobs, Jobs? – Die US-Regierung veröffentlicht die Arbeitslosenquote für September und andere Zahlen zur Lage am amerikanischen Arbeitsmarkt.

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