Tech-Metropole Shenzhen Lockdown in China könnte zu neuen Engpässen führen

Die chinesische Stadt Shenzhen gilt als Silicon Valley für Hardware. Nun trifft ein erneuter Lockdown die Herstellung von Hightech-Produkten. Mikrochips und elektronische Bauteile könnten schnell zur Mangelware werden.
Wirtschaftszentren Shenzhen und Hongkong: Corona-Test für eine Anwohnerin

Wirtschaftszentren Shenzhen und Hongkong: Corona-Test für eine Anwohnerin

Foto: STR / AFP

Ein erneuter Anstieg der Corona-Infektionen legt die chinesische Hightech-Zentrum Shenzhen für mindestens eine Woche lahm. Seit Sonntagabend gilt in der Metropole für die 17 Millionen Einwohner ein Lockdown. Sie dürfen ihre Wohnungen nicht mehr verlassen, der öffentliche Nahverkehr wurde gestoppt, Restaurants und Bürogebäude bleiben geschlossen.

Das kann enorme Auswirkungen für die Weltwirtschaft haben, besonders für den Fall, dass der Lockdown länger andauern sollte. Denn in der 17-Millionen-Einwohner-Stadt werden unter anderem Smartphones, Mikrochips und elektronische Bauteile produziert.

Das ehemalige Fischerdorf, das quasi aus dem Nichts zu einer Metropole aufgebaut wurde, hat eine kaum vorstellbare Entwicklung hinter sich. Durch seine Offenheit für neue Technologien, einem großen Anteil von Forschungseinrichtungen und seiner jungen Bevölkerung gilt Shenzhen mittlerweile als Silicon Valley für Hardware.

In der Stadt haben bekannte chinesische Techfirmen wie Huawei oder Tencent ihre Zentralen, in den Laboren wird an der Weiterentwicklung von Drohnen, E-Batterien und der 5G-Mobilfunktechnologie gearbeitet. Viele global agierende Unternehmen haben hier Produktions- oder Entwicklungsstätten oder beziehen Vorprodukte aus den Fabriken im Norden der Stadt.

Produktion des iPhone 13 gefährdet?

Als eines der ersten Unternehmen meldete in dieser Woche das taiwanische Unternehmen Foxconn den Stopp seiner Fertigung in Shenzhen. Die Fabrik mit mehreren hunderttausend Mitarbeitern gilt als wichtige Produktionsstätte für Apples Smartphones, offenbar auch für das neue Modell iPhone 13. Auch der Apple-Zulieferer Unimicron stoppte seine Fertigung. Wie lange die Produktion ausgesetzt wird, hänge von den Anordnungen der Behörden ab, hieß es.

Silicon Valley of Hardware: Die Skyline von Shenzhen

Silicon Valley of Hardware: Die Skyline von Shenzhen

Foto: JEROME FAVRE / EPA

Die "Financial Times"  berichtet, dass insgesamt mehr als 30 IT-Fabriken in Shenzhen geschlossen bleiben. Das wird die Produktion von Leiterplatten, Touchscreens und vielen anderen technischen Komponenten sowie Endprodukten beeinträchtigen.

Viele Produkte weltweit könnten daher demnächst knapp werden oder sich massiv verteuern. Besonders spürbar dürften die Auswirkungen in der Unterhaltungselektronik, bei Medizingeräten und in der Automobilproduktion sein. Genau ist die Lage aber noch nicht komplett abzusehen.

Hintergrund ist die Corona-Politik der chinesischen Regierung. Das Coronavirus war Ende 2019 zuerst in China entdeckt worden. Das Land hatte das Infektionsgeschehen mit einer strikten Null-Covid-Politik aber recht schnell eindämmen können. Schon beim Auftreten eines einzelnen Infektionsfalls verhängten die Behörden strikte Maßnahmen wie Ausgangssperren, die Abriegelung ganzer Stadtviertel und Massentests.

Doch nun erlebt das Land den schwersten Corona-Ausbruch seit zwei Jahren. Nach Behördenangaben vom Dienstag wurden landesweit am Vortag 5154 neue Infektionen registriert und damit ein neuer Höchstwert in der derzeitigen Welle erreicht. Aus 20 Regionen des Landes wurden neue Infektionen gemeldet.

Peking setzt weiter auf harte Maßnahmen

Peking hält trotzdem an seiner Strategie fest, auch wenn sie inzwischen an ihre Grenzen zu stoßen scheint. Landesweit galt am Dienstag für mindestens 13 Städte ein vollständiger Lockdown, über weitere Städte hatten die Behörden einen Teil-Lockdown verhängt.

Die Stadt Changchun im Nordosten Chinas ist derzeit abgeriegelt. In Changchun setzten Toyota und Volkswagen die Produktion in ihren Joint Ventures mit der chinesischen FAW Group aus. Bei Volkswagen sollen die Bänder bis Mittwoch stillstehen.

Experten befürchten wegen der Maßnahmen schwere Folgen für die chinesische Wirtschaft. "Chinas Wirtschaft könnte erneut schwer getroffen werden", erklärten die Analysten der japanischen Investmentbank Nomura. Die Corona-Situation in China habe sich in der vergangenen Woche in einem "alarmierenden" Tempo verschlechtert. "Der Ausbruch hat nun fast alle Teile Chinas erreicht, die von großer wirtschaftlicher Bedeutung sind."

Auch die Börsen reagierten entsprechend: An der Börse in Hongkong sackte der Leitindex Hang Seng um 5,7 Prozent ein, in Shanghai schloss die Börse knapp 5 Prozent im Minus. Bereits am Vortag hatte es in China deutliche Kursverluste gegeben.

Weltweite Lieferketten gefährdet

Doch die Effekte werden sich nicht auf China beschränken. Experten sind besorgt wegen der Auswirkungen auf die ohnehin angespannten internationalen Lieferketten. Paul Weedman vom Beratungsunternehmen Victure Industrial in Shenzhen warnte vor einem Dominoeffekt. "Stellen Sie sich vor, Sie haben eine Fabrik mit 100 Mitarbeitern und können plötzlich nichts mehr tun – Sie können Ihre bestehenden Aufträge nicht erfüllen, Sie können keine neuen Aufträge annehmen. Das hat Auswirkungen nicht für zwei oder drei Wochen, sondern für drei bis sechs Monate."

Der Effekt könnte sich noch verstärken, wenn neben den Technologiefabriken auch der Hafen geschlossen werden müsste. Der Hafen von Shenzhen ist einer der wichtigsten Containerhäfen Chinas. Der Betrieb laufe normal, hieß es zuletzt. Lediglich zwei Unternehmen mit Lagerhäusern im Hafen stellten ihren Betrieb vorläufig ein.

Wenn der Hafen allerdings ebenfalls geschlossen werden muss, warnen Analysten vor enormen Auswirkungen aufgrund der weiteren Unterbrechungen der Lieferketten.

Wie wahrscheinlich ist ein längerer Lockdown? Klar ist: Bisher wirken die drastischen Maßnahmen noch nicht wie erhofft. Zuletzt stiegen die Infektionen in China trotz des Lockdowns.

Sorge bereitet vielen Expertinnen und Experten, dass die chinesischen Impfstoffe offenbar kaum gegen die Omikron-Variante wirken und die medizinische Infrastruktur in China längst nicht so gut ausgebaut ist wie in vielen westlichen Ländern. Vieles spricht daher für einen längeren Lockdown in Shenzhen und anderen wichtigen chinesischen Wirtschaftsregionen – mit fatalen Folgen.

hr mit Agenturen