Sonntag, 8. Dezember 2019

Strauss-Kahn-Prozess in Lille Was Sie eigentlich nie über Sex wissen wollten ...

Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn auf dem Weg zum Gericht im nordfranzösischen Lille. Hier soll geklärt werden, ob DSK wusste, dass seine Gespielinnen Prostituierte waren

Die Woche hätte besser laufen können für Dominique Strauss-Kahn: Seit Montag steht er wegen Zuhälterei vor Gericht. Die Aussagen von Prostituierten liefern pikante Details über das ausschweifende Sexleben des früheren IWF-Chefs. Nicht nur für seine Karriere gilt: Rien ne va plus.

Lille - Die Richterbank im Strafgericht von Lille ist von einer Betonwand gesäumt. Vor der kalten Kulisse stapeln sich mehr als 40 dicke, meist gelbe Gerichtsordner mit den Aussagen von Prostituierten. Hier wird für mindestens drei Wochen ein weiteres Kapitel des ausschweifenden Privatlebens von Dominique Strauss-Kahn juristisch ausgeleuchtet. Diesmal geht es um organisierte Zuhälterei bei den wilden Sex-Partys der "Carlton"-Affäre. Strauss-Kahn, in seiner französischen Heimat meist nur "DSK" genannt, sitzt nicht allein auf der Anklagebank im Gerichtssaal von Lille. 13 weitere Angeklagte müssen sich verantworten - Unternehmer, Bordellbesitzer, Hotelmanager.

Doch bei dem 65-Jährigen ist der politische und soziale Fall unvergleichlich tiefer, als bei den anderen: Zwischen dem Chefsessel des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington und dem Betonambiente von Lille liegen nicht mal vier Jahre. Und eigentlich wollte Strauss-Kahn jetzt im Élyséepalast regieren.

Die Themen Sex und Macht standen auch im Mittelpunkt des Prozesses in Lille. In der "Carlton"-Affäre werfen die Kläger ihm und 13 weiteren Beschuldigten organisierte Zuhälterei vor. Es geht um Sex-Partys mit Prostituierten. In der Anklageschrift wird Strauss-Kahn als ein Mann "mit einem aussergewöhnlichen sexuellen Appetit" und einer "Vorliebe für Sexualkontakte ohne Kondom" beschrieben.

Zentrale Frage: Wie erkennt man eine Prostituierte?

Strauss-Kahn hatte zwar eingeräumt, an freizügigen Partys in Paris, Washington und Lille teilgenommen zu haben, er will allerdings von Bezahlung nichts gewusst haben. Dann müsste der 65-Jährige straffrei bleiben. Sein Anwalt hatte vor Prozessbeginn begründet, die Prostituierten seien womöglich nicht zu erkennen gewesen. Die Ermittler in Lille und weite Teile der Öffentlichkeit gehen allerdings davon aus, dass Strauss-Kahn die Prostitution klar gewesen sein muss.

Im Laufe der Woche kamen (frühere) Prostituierte zu Wort: Denn es gilt zu klären, ob DSK wirklich glauben konnte, die Damen seien zum reinen Vergnügen dabei und nicht, weil sie dafür bezahlt wurden.

So beschrieb eine frühere Prostituierte, die lediglich "Jade" genannt wurde, die Treffen im Hotel durchaus als niveauvoll, es habe Champagner gegeben und Essen vom Buffet. Sie selbst habe teilgenommen, weil sie das Geld brauchte als alleinerziehende Mutter zweier Kinder. Andere Frauen sprachen von Orgien und ausschweifenden, teilweise brutalen Sex-Parties, bei denen sich DSK mehrerer Frauen gleichzeitig annahm. Auch "Dodo", ein Zuhälter, wurde vernommen: er soll die Sexparties organisiert haben, wird als gewalttätig, rassistisch und überheblich beschrieben.

Der Angeklagte Strauss-Kahn war zu Prozessbeginn im Verhandlungssaal des Strafgerichtshofs kaum von einem Berater zu unterscheiden: dunkler Anzug, dunkle Krawatte. Nach außen hin machte DSK einen sehr ruhigen Eindruck. Das kann sich bald ändern: Am 10. Februar soll er vor Gericht aussagen. Ihm drohen zehn Jahre Haft und eine Geldstrafe von bis zu 1,5 Millionen Euro. Und ein Image als frauenverachtender Lustmolch, das er wohl nie wieder abstreifen wird. Die Zeiten, in denen er auf Augenhöhe mit den Mächtigen der Welt verhandelte, sind seit langem vorbei.

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