China kontrolliert kritische Rohstoffe Die Panik um Seltene Erden ist zurück

Elektroautos, Windräder, Kampfjets, Smartphones: Der kalte Krieg zwischen China und USA könnte all diese Dinge stark verteuern. Peking setzt den dafür nötigen kritischen Rohstoff Seltene Erden als Waffe ein. Nicht zum ersten Mal.
Beinahemonopol: Schmelze des Seltenerdenmetalls Lanthan in der Inneren Mongolei

Beinahemonopol: Schmelze des Seltenerdenmetalls Lanthan in der Inneren Mongolei

Foto: DAVID GRAY/ REUTERS

Die Frist läuft ab. Bis Mitte Februar wollte das chinesische Ministerium für Industrie und Informationstechnologie Beteiligte aus der Rohstoffindustrie anhören, um neue Exportkontrollen für 17 Metalle der Seltenen Erden ab diesem Jahr einzusetzen. Laut einem Bericht der "Financial Times"  wurden die Firmen vor allem um eine Einschätzung gebeten, ob die Produktion von US-Kampfjets dadurch ernsthaft gestört werden könnte.

Die USA selbst hatten vor Jahren in einem Kongressbericht  festgestellt, dass ein F-35-Jäger von Lockheed Martin 417 Kilogramm Seltener Erden enthalte, die weit überwiegend aus China geliefert werden. Chinas Führung hat bereits angekündigt, Rüstungsfirmen wie Lockheed Martin, Boeing oder Raytheon wegen ihrer Waffenlieferungen an Taiwan auf eine schwarze Liste zu setzen - eine Retourkutsche für US-Sanktionen gegen chinesische Firmen, die beispielsweise mit Nordkorea oder Iran handeln. Auch unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden (78) scheint sich der unter Donald Trump eskalierte kalte Krieg kaum zu befrieden.

China kontrolliert 80 Prozent des Marktes

Doch die Folgen reichen weit über die engen politisch-militärischen Ziele hinaus. "Dies ist eine schwere und ernste Bedrohung für die westliche Industrie, auch wenn China schon seit einiger Zeit das Angebot wichtiger Seltener Erden vorsichtig einschränkt", urteilt die Londoner Unternehmensberatung SP Angel. Elektroautos, Windräder, Smartphones - etliche Produkte bauen auf Seltene Erden, die zwar theoretisch in vielen Ländern aus der Erdkruste geschürft werden könnten, praktisch aber zu zwei Dritteln aus China stammen und zu mehr als 80 Prozent dort raffiniert werden.

Für einige dieser Metalle sind die Preise  seit Ende 2020 regelrecht in die Höhe geschossen. Terbium, das neben LCD-Displays, Permanentmagneten, elektronischen Festkörperspeichern auch in Sonar- oder Raketenlenksystemen eingesetzt wird, ist heute dreimal so teuer wie vor einem Jahr. Steil nach oben zeigen die Charts auch für Neodym und Dysprosium, ebenfalls ideale Materialien für Permanentmagnete, die den effizientesten Typ von Elektromotoren antreiben. Schon die Diskussion über neue Exportkontrollen kann daher die Pläne der Industriestrategen für Elektroautos unwirtschaftlich machen.

Déjà vu mit dem Schweinezyklus

Die aktuelle Entwicklung erinnert an eine Versorgungskrise mit Seltenen Erden 2010/2011, als China - damals als Monopolanbieter - schon einmal die Exportmengen begrenzte. Auslöser war damals der Versuch, die umwelt- und gesundheitsschädliche Produktion zu drosseln, gepaart mit politischem Streit mit dem Hauptabnehmerland Japan. Damals reagierten die Rohstoffbörsen noch extremer. Die Angst vor akutem Mangel Seltener Erden führte dazu, dass die Bundesregierung sich erstmals eine Rohstoffstrategie vornahm.

Doch bis die Welthandelsorganisation 2015 das chinesische Handeln für verboten erklärte, hatte sich das Thema längst wieder in Wohlgefallen aufgelöst. Einerseits kam neues Angebot auf den Weltmarkt, indem vor allem die japanische Industrie mit staatlichem Kapital in die australische Firma Lynas mit Raffinerie in Malaysia investierte. Andererseits sank aber auch die Nachfrage, indem die Industrie ihr Recycling verstärkte oder die knappen Materialien schlicht ersetzte. Beispielsweise führte der Wechsel von Energiesparlampen zu LEDs dazu, dass der Bedarf an dem Seltenerdenmetall Lanthan deutlich schrumpfte. Auch die Trends der Batterietechnik führten weg von Seltenen Erden.

Und schließlich sah auch China die Exportsperren nicht mehr als nützlich an - eine Entwicklung, die sich wiederholen könnte: Nach dem Militärputsch in Myanmar fürchtet das Land, das größter Exporteur und größter Importeur zugleich von Seltenen Erden ist, um seine eigenen Lieferungen. Die "Financial Times" zitiert Analyst Zhang Rui von der Pekinger Beratungsfirma Antaike, solche Maßnahmen seien "ein zweischneidiges Schwert" und sollten "sehr vorsichtig angewendet werden".

Der auf die Hausse von 2011 folgende Preisverfall trieb 2015 das gerade erst als Reaktion auf die Krise wiederbelebte kalifornische Bergwerk Mountain Pass in die Insolvenz. Inzwischen floriert das Unternehmen, von Hedgefonds als MP Materials neu gegründet, wieder. Das Unternehmen kam im November 2020 rechtzeitig an die Börse, um vom aktuellen Run mit einer Vervielfachung des Aktienkurses  zu profitieren. Kleiner Schönheitsfehler der Made-in-America-Comeback-Story: Der teilstaatliche chinesische Minderheitsaktionär Shenghe Resources hat sich die Lieferung sämtlicher Konzentrate aus Kalifornien für die nächsten vier Jahre zusichern lassen.

Hoffen auf Recycling

Die US-Regierung fördert mit hohen Beträgen noch eine Reihe weiterer Bergwerksprojekte in Australien, Kanada und sogar Grönland. Auch die EU, die noch abhängiger von chinesischen Lieferungen ist als Amerika, setzt auf neue Minen, etwa in Serbien oder der Ukraine. Mit europäischer Produktion zu rechnen sei laut EU-Kommissar Maroš Šefčovič (54) wohl um das Jahr 2030. Bis dahin bleibt als Hoffnung vor allem das Recycling der genutzten Rohstoffe. Und die Einsicht: Alternativlos sind die Seltenen Metalle nicht unbedingt.

Gerade für ihre großen Elektroautos haben sich deutsche Hersteller wie BMW, Daimler oder Audi für Asynchronmotoren entschieden, die ohne Permanentmagneten und damit ohne Neodym und Co. auskommen. Tesla geht erst seit 2018 den umgekehrten Weg.

ak
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.