Mittwoch, 8. April 2020

Von Russen lernen Oligarch? Wer ist hier ein Oligarch?

Michael Bloomberg
Rick Bowmer / AP / DPA
Michael Bloomberg

So ungefähr eine Milliarde Dollar will sich Michael Bloomberg seine Bewerbung für das Weiße Haus kosten lassen. Nach über 400 Millionen alleine für Werbespots plus Spenden plus einem eigenen Politunternehmen dürfte er schon nah dran sein. Jetzt, nach seiner ersten TV-Debatte (einhellig als "Desaster" gewertet), kann man fragen: Wofür ist das gut?

Zumindest für einen bedeutenden Kulturexport. Mit seiner Kandidatur hat Bloomberg (78) erreicht, dass jetzt auch ein reicher Amerikaner - nämlich er selbst - als "Oligarch" betitelt werden kann.

"Michael, Sie sind ein Oligarch, der eine Milliarde Dollar investiert, damit er nicht 3,56 Milliarden Dollar Steuern unter Warren und Sanders zahlen muss", haute ihm der linke Radio-Talker Benjamin Dixon entgegen.

Oligarch? Dieses Wort war bisher für reiche Russen, vielleicht noch Ukrainer reserviert. Schon ein bisschen merkwürdig, wenn man darüber nachdenkt. Als würde die Nationalität etwas über die soziale Stellung aussagen. Russische Milliardäre bekommen den Titel "Oligarch" fast automatisch zugedacht. Amerikanische oder deutsche Kollegen können sich Mogul nennen lassen oder Tycoon, Magnat oder auch Zar (die Russen eher nicht). Aber Oligarch?

Eine seltsame Karriere für einen Begriff, den Aristoteles ganz allgemein für eine eigennützige Herrschaft der Wenigen verwendete. Die klassische Definition passt einigermaßen auf die Privatisierungsgewinner im Russland der 90er Jahre, die aus politischen Verbindungen Reichtum schöpften (immer mit einem Anteil Selfmade-Wagnis), sich mit dem Geld dann erst eine Medienmacht kauften und schließlich auch direkt nach politischen Ämtern griffen.

Interessanterweise findet sich das Wort "Oligarch" in unserem Pressearchiv jahrzehntelang äußerst selten, und wenn, dann entweder im antiken oder lateinamerikanischen Kontext. Zehntausende Nennungen mit Russland-Bezug begannen erst Ende der 90er Jahre, als die wilde Jelzin-Ära sich schon zum Ende neigte und anschließend unter Putin einige (längst nicht alle) der bekanntesten Protagonisten ihre Macht verloren.

Der erste Eintrag steht in einem Bericht von November 1997 in der "Zeit", überschrieben mit "Im Griff der neuen Tycoons" - "Oligarchen" war natürlich noch nicht geläufig. Erst danach fand die Vokabel weltweit Verbreitung, getrieben von einer Anti-Oligarchen-Kampagne des später ermordeten Boris Nemzow. Autor war der damalige Moskau-Korrespondent Jörg Eigendorf, der heute als Konzernsprecher der Deutschen Bank mitunter mit Reichen und Mächtigen aus Ost und West zu tun hat - sie aber vermutlich selten als "Oligarch" bezeichnet.

Doch ist jetzt jeder ein Oligarch, der reich ist und aus Russland stammt, egal ob er Einfluss im Staat hat oder von ihm drangsaliert wird - oder mal so, mal so? Und ist ein Amerikaner, der genauso handelt, es nicht?

"Wir sind froh, dass Mike den persönlichen Preis fürs Antreten bezahlt", lässt sich heute in der "Financial Times" Bloombergs Freund Lloyd Blankfein zitieren - der langjährige Chef von Goldman Sachs, der mit seinem persönlichen Vermögen von etwas mehr als einer Milliarde Dollar zwar zu arm für das Bloomberg-Ranking ist, aber als ideeller Sponsor gelten darf und wegen der vielfältigen politischen Links von "Government Sachs" auch etwas zum Thema Oligarchie zu sagen hätte.

Nämlich das: "Ich mag das überhaupt nicht", auch nur sachlich als "Milliardär" beschrieben zu werden. Das sei "Mord durch Kategorisierung" und "unamerikanisch". Nicht einmal "reich" findet er eine passende Beschreibung. Und schlägt als Alternative dann doch eine Kategorie vor: "well-to-do". Well.

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