Samstag, 30. Mai 2020

"Mutter aller Rezessionen" BIP? Vergesst das BIP!

Container im Hamburger Hafen: Das Bruttoinlandsprodukt ist jetzt nicht der relevante Krisenindikator
Krafft Angerer / Getty Images
Container im Hamburger Hafen: Das Bruttoinlandsprodukt ist jetzt nicht der relevante Krisenindikator

Was macht diesen Wirtschaftseinbruch so besonders? Worauf muss die Politik sich konzentrieren? Lesen Sie unser regelmäßiges Makroökonomie-Update zur Krise.

2020 wird gesamtwirtschaftlich ein verlorenes Jahr sein. Das ist verkraftbar, wenn die Strukturen intakt bleiben.

Ende 2020 werden die Wirtschaftsstatistiker wahrscheinlich eine Horrorbilanz ziehen: Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) wird so stark geschrumpft sein wie noch nie zuvor in der Bundesrepublik. Gabriel Felbermayr, der Präsident des Kieler Instituts, spricht zu Recht davon, dass die "Mutter aller Rezessionen" drohe.

Der relevante Krisenindikator ist allerdings jetzt nicht das BIP. Auch die daran anknüpfenden Zahlen wie die staatlichen Defizitquoten haben einstweilen kaum noch Aussagekraft. Es ist eine völlig sinnfreie parteipolitische Debatte, ob man nun "die Schuldenbremse lockern" soll und darf. Denn die im Grundgesetz konkret bezifferten Grenzwerte knüpfen an die Bestimmung eines Produktionspotenzials an. Eben dieses Potenzial steht derzeit in Frage.

Rein formal erlaubt die Verfassung ohnehin, dass die Grenzen im Fall von "Naturkatastrophen oder außergewöhnlichen Notsituationen, die sich der Kontrolle des Staates entziehen" überschritten werden.

Dass das BIP nicht die Wohlfahrt der Menschen misst, ist ein alter Hut. Der Sinn des Indikators besteht darin, das Ausmaß der wirtschaftlichen Aktivitäten zu erfassen. Zyklen lassen sich beobachten, wirtschaftliche Entwicklungsstände werden über die Zeit und zwischen Ländern grob vergleichbar. Auch die Fähigkeit, Schulden zu bedienen, ist in Relation zur Wirtschaftsleistung zu setzen.

Reine Saison- und Kalendereffekte sind dabei stets herauszurechnen. Gerade 2020 ist dieser Einfluss des Kalenders besonders markant: Anfang des Jahres prognostizierte die Bundesregierung eine deutsche BIP-Wachstumsrate von 1,1 Prozent; allein 0,4 Prozentpunkte davon beruhten darauf, dass es 2020 mehr reguläre Arbeitstage als im Vorjahr geben würde (siehe Grafik).

In der Corona-Zwangspause ist nun jede Prognose hinfällig. Dass das BIP in diesem und im nächsten Quartal einbricht, also eine extrem scharfe "technische" Rezession zu verzeichnen sein wird, ist so gut wie sicher. Völlig unklar bleibt, wann und wie die Erholung einsetzt.

In einem optimistischen Idealszenario wäre der aktuelle Stillstand für die Wirtschaft nur eine Art vorgezogene Werksferien. Geben die Mediziner das OK, läuft alles wieder an. Vieles lässt sich dann nachholen. Es könnte sogar überlegt werden, Feiertage wie den "Tag der deutschen Einheit" ausnahmsweise auszusetzen und für den schnelleren Wiederaufbau nach der Katastrophe zu nutzen. Das Produktionspotenzial wäre ja intakt.

Der aktuelle Stopp ist aber so abrupt, massiv und chaotisch, dass er kaum mit geplanten Urlaubszeiten zu vergleichen ist. Die Waren- und Geldströme reißen weltweit ab: Lieferketten und Schuldner fallen aus, es drohen Pleiten und Entlassungen. Zweit- und Drittrundeneffekte werden dann folgen.

Die Politik muss diese Strukturbrüche verhindern und die wirtschaftlichen Möglichkeiten des Landes erhalten. Es geht zuallererst um die Koordinierungen auf der Mikro-Ebene. Klassische Konjunkturindikatoren signalisieren nur ex post einen Erfolg.

Gemessen am BIP wird 2020 ein verlorenes Jahr sein. Das ist hart, aber verkraftbar. Was die "Mutter aller Rezessionen" wirklich bedeutet, hängt davon ab, wie gut das Potenzial des Landes gesichert werden kann.

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