Samstag, 19. Oktober 2019

Kolumne: Der China-Manager Die neue eiserne Seidenstraße

Ankuft des "Yuxinou" in Duisburg: Die Ankuft des Güterzuges aus dem chinesischen Chongqing wurde groß gefeiert
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Ankuft des "Yuxinou" in Duisburg: Die Ankuft des Güterzuges aus dem chinesischen Chongqing wurde groß gefeiert

Güterzüge aus China rollen auf der Strecke der alten Seidenstraße nach Duisburg und Hamburg: Die Züge sind schneller als Containerschiffe und billiger als Frachtjumbos. Dass die  Bahn wieder ins Geschäft kommt, hat auch mit Lohnsteigerungen und dem "Malakka-Dilemma" in China zu tun.

Großer Bahnhof für einen langen Zug: Politiker aus China und Spanien standen Spalier, als der Güterzug mit 40 Containern Anfang Dezember in den Madrider Güterbahnhof Abronigal einrollte. 21 Tage war er vom chinesischen Handelszentrum Yiwu in die spanische Hauptstadt unterwegs. Fast 13.000 Kilometer hatte er durch sechs Länder zurückgelegt.

Es war nur ein Testlauf. Aber bei dem deutschen Betreiber DB Schenker Rail denkt man einen regelmäßigen Verkehr auf dieser Strecke. Drei Schienenverbindungen zwischen China und Europa gibt es ja bereits: Von der westchinesischen Metropole Chongqing nach Duisburg (14 Tage), von Zhengzhou nach Hamburg (17 Tage) und von Chengdu (Hauptstadt Sichuans) ins polnische Lodz (14 Tage).

Diese Züge fahren durch Kasachstan, Russland und Weißrussland partiell auf den Spuren der alten Seidenstraße.

Die Bahn wird damit auf dieser historischen Strecke zunehmend zu einer Alternative für den Transport von Waren von und nach Fernost. Die Güterzüge sind schneller als die Containerschiffe auf See und billiger als die Frachtjumbos in der Luft.

Ein Schiff ist nach Europa über 30 Tage unterwegs, ein Zug schafft es in der Hälfte. Vor allem Bekleidungsfirmen (wenn sie schnelle Saisonware an Frau und Mann bringen wollen) und Elektronikhersteller wie HP oder Acer nutzen inzwischen diesen neuen, zeitsparenden Transportweg.

Chinas Fabriken im Süden und Osten sind teuer geworden

Warum die Bahn derzeit eine Renaissance auf der langen Strecke von China nach Europa erfährt, hat vor allem zwei Gründe - einen (geo-)politischen und einen simplen wirtschaftlichen. Der wirtschaftliche Grund: In China hat seit einigen Jahren eine Wanderungsbewegung der Fabriken eingesetzt. Der Süden - dort vor allem die Provinzen Guangdong und Fujian - , aber auch die Ostküste im Großraum Shanghai sind inzwischen zu teuer geworden.

Fans der "neuen Seidenstraße": Duisburgs Oberbürgermeister Soren Link, Sigmar Gabriel, Chinas Staatspräsident Xi Jinping, Hannelore Kraft und Erich Staake, CEO der Duisburger Hafen AG
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Fans der "neuen Seidenstraße": Duisburgs Oberbürgermeister Soren Link, Sigmar Gabriel, Chinas Staatspräsident Xi Jinping, Hannelore Kraft und Erich Staake, CEO der Duisburger Hafen AG
Die Lohnkosten sind an diesen traditionellen Industriestandorten drastisch gestiegen. Viele Firmen - insbesondere der Konsumgüter- und Elektronikindustrie - verlagern deshalb ihre Fabriken ins günstigere Landesinnere, und damit auch immer weiter weg von den großen Häfen des Landes wie Shanghai, Ningbo, Shenzhen oder Hongkong. Und damit wird plötzlich der Landweg Richtung Europa zu einer Alternative.

Rivale USA: China fürchtet um die Seestraße von Malakka

Der politische Grund: Die chinesische Führung unter Partei- und Staatschef Xi Jiping favorisiert seit kurzem auffallend eine Wiederbelebung der alten Seidenstraße. Gleich zwei Projekte hat Xi initiiert: Der "New Silk Road Economic Belt" und die "21st Century Maritime Silk Road". Beide sollen durch massive Infrastrukturinvestitionen zu Land und zu Wasser Asien mit Europa verbinden.

China will sich damit unabhängiger vom Seetransport im nach wie vor amerikanisch dominierten Pazifik machen. Die Chinesen haben nämlich eine große Befürchtung: Dass - aus welchen Gründen auch immer - ihnen ihr Großmacht-Rivale USA und dessen asiatische Verbündete die Straße von Malakka dicht machen könnten. Das ist jene Meerenge zwischen Singapur und Indonesien, durch die per Schiff ein Großteil der chinesischen Ex- und Importe (vor allem Öl aus dem Nahen Osten) Schiff muss.

Um dieses sogenannte "Malakka-Dilemma" zu umgehen, nun dieser Schwenk Richtung Zentral- und Südasien und der damit verbundene Ausbau der Transportweg auf der alten Seidenstraße. Dafür wollen die Chinesen viel Geld in die Hand nehmen. Rund 40 Milliarden Dollar hat Xi vor kurzem angekündigt. Und auch das rohstoffreiche Kasachstan macht mit. Es will mit einem Investment von 44 Milliarden Dollar sein etwas antiquiertes Schienennetz modernisieren. Danach könnte sich die Fahrzeit der Güterzüge von China nach Europa auf zehn Tage verkürzen.

Ja, und als Fernziel schwebt den Machern in Fernost gar ein Hochgeschwindigkeitszug von China nach Europa vor. Mit 300 Stundenkilometern von Italien nach Peking in 30 Stunden. Marco Polo würde sich im Grabe umdrehen, wahrscheinlich aber liegen blieben und sich sagen: das ist nicht mehr meine Welt.

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