Henrik Müller

Konzerne horten Reserven Nach uns die Cash-Flut

Henrik Müller
Eine Kolumne von Henrik Müller
Deutschland erlebt einen Profitboom: Die Firmengewinne steigen auf rekordverdächtige Niveaus – trotz vierter Corona-Welle, Lieferengpässen und Produktionsproblemen. Wie kann das eigentlich sein?
Rekordgewinne: Konzerne sammeln immer mehr Geld an, anstatt es zu investieren

Rekordgewinne: Konzerne sammeln immer mehr Geld an, anstatt es zu investieren

Foto: Jens B¸ttner/ picture alliance / dpa

Es ist Berichtssaison, und alle schauen hin. In den zurückliegenden Wochen haben viele große Unternehmen ihre Geschäftszahlen fürs dritte Quartal 2021 vorgelegt. Und es zeichnet sich ab, dass dies ein ziemlich spektakuläres Jahr wird: Die Gewinne sind auf Rekordkurs – trotz Lieferengpässen und vierter Corona-Welle.

Nach einem bereits fulminanten ersten Halbjahr, in dem die Dax-Konzerne historisch hohe Gewinne machten, geht der Profit-Boom weiter – Umsätze: plus 8,6 Prozent gegenüber Vorjahr, operative Gewinne: plus 152 Prozent, wie die Beratungsfirma EY ausgerechnet hat. Wow!

Eine schöne Sache für die Unternehmen und ihre Aktionäre, klar. Aber nützen immer höhere Gewinne eigentlich langfristig Wirtschaft und Gesellschaft? Zweifel sind erlaubt. Denn die Gewinnexpansion lässt sich auch anders interpretieren: als Symptom tieferliegender struktureller Verschiebungen.

Weniger Verkäufe, mehr Gewinn

Besonders bemerkenswert: Selbst Konzerne, die unter der grassierenden Knappheit an Vorprodukten leiden, können ihre Gewinne weiter steigern. Zum Beispiel Daimler : Wegen des Mangels an Chips und anderer Inputs verkaufte der schwäbische Autobauer zwar ein Viertel weniger Autos als im dritten Quartal 2020 – zugleich aber stieg der Gewinn. Das Konzernergebnis legte um rund ein Fünftel zu.

Bei BMW stieg das Konzernergebnis um mehr als 38 Prozent  – während die Zahl der ausgelieferten Fahrzeuge um 15 Prozent sank. Volkswagen fuhr zwar im dritten Quartal ein kleines operatives Defizit ein, erwartet aber bereits im laufenden letzten Vierteljahr eine "signifikant positive Performance" . Ergebnisplus bislang: 264 Prozent gegenüber 2020. Während die deutsche Autoindustrie insgesamt rund 30 Prozent weniger Autos produziert als vor der Corona-Pandemie, wie der Sachverständigenrat vorrechnet , steigen die Gewinne der Autohersteller kräftig.

Auch über andere Branchen ergießt sich eine unerwartete Cash-Flut. Der Pharma- und Agromulti Bayer steigert das Ergebnis pro Aktie um knapp 30 Prozent, der Chemieriese BASF gar um 160 Prozent. Bei der Telekom laufen die "Geschäfte noch besser als erwartet", der Gewinn ist auf Rekordniveau. Adidas verbucht in den ersten neun Monaten dieses Jahres einen Gewinnsprung um eine Milliarde Euro, auch weil der Modekonzern seine Preisvorstellungen besser durchsetzen kann als früher, was den teureren Einkauf ausgleicht.

Die überraschend starke Gewinnsituation trägt dazu bei, dass die Aktienkurse weiter steigen. Seit Anfang Oktober hat der Dax 1000 Indexpunkte zugelegt. Anderswo sieht die Situation ähnlich aus. Der europäische Aktienindex Euro Stoxx 50 eilt von einem Allzeithoch zum nächsten. Auch in den USA sind die Firmengewinne sprunghaft in die Höhe geschossen, wie aus Zahlen der Federal Reserve Bank von St. Louis  hervorgeht. Seit Jahresbeginn ist der US-Aktienindex S&P 500 um ein Viertel gestiegen.

Was ist hier eigentlich los? Warum steigen die Gewinne der Firmen so stark, während die Gesamtwirtschaft immer noch unter den Covid-Folgen leidet? (Achten Sie Dienstag auf neue Zahlen zum Wirtschaftswachstum in der EU.)

Der Markt, die Macht und der Preis

Die starke Gewinnzunahme hat vor allem zwei Gründe: Erstens stößt eine während der Lockdowns aufgestaute Nachfrage auf ein Angebot, das immer noch eingeschränkt ist – durch Corona-Restriktionen, Handelsschranken und Arbeitskräfteknappheit. Zweitens hat die krasse Rezession des vergangenen Jahres ganz offensichtlich die Machtverhältnisse auf vielen Märkten verschoben. Pleiten und Übernahmen haben die Wettbewerbsintensität zurückgehen lassen, die verbliebenen Firmen können ihre Preisvorstellungen umso besser durchsetzen.

Das Zusammenwirken beider Faktoren verstärkt jetzt die Inflationsdynamik: In der Konsumgüterbranche plant rund die Hälfte der Unternehmen Preiserhöhungen. Ähnlich ist die Situation bei den Herstellern von Vorprodukten und von Investitionsgütern. Sie nutzen die größere Marktmacht, geben ihre gestiegenen Einkaufskosten an ihre Kunden weiter – und versuchen nebenbei, auch noch einen gewinnsteigernden Aufschlag für sich herauszuholen. (Mittwoch gibt es neue Zahlen zur Inflation in Europa.)

Was für Zeiten! Beschäftigte sind in Kurzarbeit, Werke stehen still wegen Materialmangels, aber die Gewinne sprudeln. Das kann und sollte so auf Dauer nicht weitergehen.

Firmen sammeln immer höhere Reserven an

Um nicht missverstanden zu werden: Gewinne sind nichts Schlechtes, sondern gerade die Voraussetzung für Investitionen und Innovationen. Dadurch wiederum steigen die Produktivität und die Lebensstandards – der Unternehmenserfolg kommt letztlich der Gesellschaft als Ganzer zugute. So sollte es jedenfalls sein.

Doch dieses System ist ins Stottern geraten, nicht nur in Deutschland: Die Unternehmen investieren relativ wenig, jedenfalls nicht im jeweiligen Inland, sodass der Unternehmenssektor insgesamt Ersparnis-Überschüsse ansammelt. Von einem "Corporate Saving Glut” ist die Rede – ausgerechnet die großen Firmen, jene Teile der Wirtschaft, deren gesellschaftliche Kernaufgabe das Investieren ist, halten sich mit unternehmerischen Ausgaben zurück .

Prinzipiell haben Firmen vier Möglichkeiten, Überschüsse zu verwenden: Cashpolster aufbauen, Schulden zurückzahlen, Gewinne ausschütten oder eben investieren. Tatsächlich sammeln die Firmen immer höhere Reserven an, während die Investitionen lahmen. So geht das seit Langem. Seit Mitte der 2000er Jahre spart der Unternehmenssektor als Ganzes gesehen, wie aus Bundesbank-Zahlen  hervorgeht. Das Geldvermögen der Firmen hat sich seither nominal nahezu verdoppelt. Und weil seit Anfang der 2010er Jahre auch der Staat spart ("schwarze Null"), produziert die deutsche Volkswirtschaft per Saldo gigantische außenwirtschaftliche Überschüsse: Deutschland exportiert Jahr für Jahr rund eine Viertelbillion Euro an Sparvermögen und investiert es im Ausland. Keine sonderlich überzeugende volkswirtschaftliche Strategie in Zeiten, da im Inland Investitionen in gigantischen Größenordnungen nötig sind: in Klima-, Verkehrs- und Digitalwende und noch einige andere Projekte.

Wann, wenn nicht jetzt!?

Wenn es gut läuft, dann sind die aktuell hohen Gewinne ein Übergangsphänomen. Dann nehmen die Unternehmen die ihnen zufließenden Gelder und investieren massiv in neue Geschäfte und Prozesse, vorzugsweise in Deutschland und in der übrigen EU. Das wäre eine gute Entwicklung. Die Auftragsbücher vieler Unternehmen sind voll. Neue Märkte entstehen. Dies sollte ein guter Zeitpunkt zum Investieren sein. Wann, wenn nicht jetzt?!

Der Staat kann in dieser Situation einiges tun, um Firmen zum Investieren anzuregen. Möglichkeiten der schnellen steuerlichen Abschreibungen könnten einen Beitrag leisten. Die wichtigste Aufgabe der kommenden Bundesregierung wird aber darin bestehen, ein auf längere Sicht verlässliches Umfeld zu schaffen. Unsicherheit sorgt für Nervosität – in der Breite der Bevölkerung, aber auch bei den Unternehmen. In einer empirischen Untersuchung  haben wir kürzlich zusammen mit Kollegen des Essener Wirtschaftsforschungsinstituts RWI ermittelt, dass sich die schwache Investitionsdynamik der deutschen Wirtschaft im zurückliegenden Jahrzehnt zum Teil mit einem "Investmentnarrativ" erklären lässt, bei dem politische Entwicklungen auf nationaler und internationaler Ebene die entscheidenden Rollen spielen. Wo Berechenbarkeit fehlt, ist es schwierig abzuschätzen, ob sich Investitionsprojekte rechnen – im Zweifel lassen Firmen die Finger davon.

Keine Frage, der Staat hat eine wichtige Rolle zu spielen. Doch angesichts der prallen Ertragslage sollten Konzerne und ihre Verbände sehr zurückhaltend sein mit Forderungen nach Subventionen. Gelder sind vorhanden, jedenfalls so lange die üppig sprudelnden Gewinne nicht gleich wieder an die Aktionäre ausgeschüttet werden – in Form von aufgestockten Dividenden oder Aktienrückkäufen.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der bevorstehenden Woche

Montag
Brüssel – EU, international – Treffen der EU-Außen- und -Verteidigungsminister. Auf der Agenda steht unter anderem die Zusammenarbeit im Bereich der Sicherheit und Verteidigung, konkret wohl auch die aktuelle Lage an der Ostgrenze zu Weißrussland.

Frankfurt – Zur Lage des Geldes – Start der Konferenz "Euro Finance Week" (bis Freitag). Mit dabei allerlei Prominenz aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, darunter Christian Sewing (Deutsche Bank), Bettina Orlopp (Commerzbank), Cornelius Riese (DZ Bank), Jörg Kukies (BMF), Volker Wieland (Sachverständigenrat), Mark Branson (Bafin).

Dienstag
Luxemburg – Europas Leistung – Die EU-Statistikbehörde Eurostat legt eine erste Schätzung zum Wirtschaftswachstum in der EU und im Euroraum im dritten Quartal vor.

Frankfurt – Deutschlands Konjunktur – Der Chemieverband VCI berichtet über die Lage der Branche im dritten Quartal.

Berlin – Geben und Nehmen – Deutscher Arbeitgebertag. Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) bittet zum Jahrestreffen. Mit dabei: Kanzlerin Merkel und ihr mutmaßlicher Nachfolger Scholz.

Mittwoch
Luxemburg – Europas Inflation – Eurostat veröffentlicht neue Kennzahlen zum Anstieg der Verbraucherpreise im Oktober.


Tokio – Fernöstliches Stottern – Neue Daten vom japanischen Außenhandel im Oktober. Auch Japans Industrie wird von Lieferengpässen gebeutelt.

Donnerstag

Essen – Der Stahl, das Klima & der ganze Rest – Thyssenkrupp legt seine Jahreszahlen für sein Geschäftsjahr 2020/21 vor.

Hangzhou – Von Xis Gnaden – Quartalszahlen von der Alibaba Group. Chinas Führung setzt dem Datengiganten von Gründer Ma seit Monaten zu.


Freitag
Frankfurt – Zwei Menschen, zwei Perspektiven – Beim "European Banking Congress" treffen zwei Reden aufeinander: eine von EZB-Präsidentin Christine Lagarde, eine von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann, der seinen Rücktritt zum Jahresende angekündigt hat.

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