mm-Grafik Die vielen Krisen des Pfund Sterling


Die Entscheidung zum Brexit ist historisch: Großbritannien ist der erste Mitgliedstaat, der den Austritt aus der EU beschließt. Historisch ist auch die Reaktion am Devisenmarkt - das britische Pfund fiel gleich nach dem Referendum um 11 Prozent auf den tiefsten Stand seit mehr als 30 Jahren zum Dollar.

Gegenüber dem langfristigen Abstieg der einstigen Weltleitwährung fällt der Brexit-Crash allerdings kaum auf, wie die Grafik von Statista  zeigt. Seit das Empire sich auflöste, hat sich der Wechselkurs ungefähr geviertelt - mit dem Tiefpunkt von 1,0438 Dollar je Pfund im Februar 1985.

Bis dahin fehlt noch ein gutes Stück. Und auch die Dimension früherer Abwertungen ist lange nicht erreicht: 30 Prozent auf einen Schlag waren es 1949; ebenso viel in dem halben Jahr nach dem "Schwarzen Freitag" 1992, als das Pfund aus dem Europäischen Währungssystem flog - dem Vorläufer zum Euro; und 25 Prozent Ende 2008 in der Finanzkrise.

Diese Schwächeanfälle werden von den Briten nicht nur negativ gesehen. Ohne Euro geht es uns besser, ist heute Konsens auf der Insel. Schwache Währung, starke Wirtschaft - diese Rechnung wird auch von manchen Brexiteers aufgemacht.

Der erste große Einbruch - Napoleon sei Dank


Der erste große Einbruch des Pfunds datiert in einer der turbulentesten Epochen der britischen Geschichte. Als Napoleon dem Inselreich 1793 den Krieg erklärte, schien Großbritannien eigentlich auf dem absteigenden Ast: Das Königreich hatte mit den amerikanischen Kolonien gerade einen substantiellen Teil des frühen Empire verloren. Dass die Briten trotzdem einen entscheidenden Beitrag zum Sieg über die Franzosen beisteuern konnten, führen Historiker wie Roger Knight auf ihre Wirtschaft zurück: Sie seien einfach wesentlich besser darin gewesen, ihre ökonomischen Ressourcen zu mobilisieren .

Wenn Britanniens Industrie und Marine nicht die eigenen und verbündete Armeen versorgt hätten, so Knight, hätte der Krieg nicht gewonnen werden können. Britische Schmuggler hätten Napoleons Kontinentalsperre obsolet gemacht, Bankiers wie die Rothschilds hätten dem Staat das nötige Geld geliehen, um nicht nur Flotte und Armee massiv auszubauen, sondern auch verbündete Mächte mit insgesamt 66 Millionen Pfund (etwa 3 Milliarden Pfund nach heutigem Wert) zu unterstützen.

Wie Wellesleys Kampagne in Spanien seien jedoch auch die wirtschaftlichen Bemühungen des Vereinigten Königreichs nicht ohne Krisen ausgekommen. Zwischen 1796 und 1798 sowie zwischen 1807 und 1812, als das Pfund knapp 20 Prozent an Wert verlor, sei die britische Wirtschaft beinahe kollabiert .

1 Pfund = 9,97 Dollar


Der historisch hohe Pfund-Kurs der amerikanischen Bürgerkriegsjahre hat weniger mit dem Pfund selbst zu tun als mit der Vergleichswährung. Um den Krieg gegen den Süden zu finanzieren, druckten die Nordstaaten 1861 erstmals selbst Banknoten - die "greenbacks". Zu den "Demand Notes", die theoretisch gegen Gold eingetauscht werden konnten, kamen 1862 die "United States Notes " - Banknoten, deren Wert ausschließlich von der Regierung garantiert wurde. Sie verloren im Laufe des Krieges massiv an Wert.

Empire: Es ist nur Gold, was glänzt


Nach der guten alten viktorianischen Zeit sehnen sich viele konservative Briten zurück. Auf den ersten Blick verheißt die Grafik auch fürs Geldwesen beispiellose Stabilität: In der Zeit von 1870 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs galt der Goldstandard, den das Empire vom gerade gegründeten deutschen Kaiserreich übernahm.

Der Wert des Pfund Sterling war festgeschrieben in der Goldmünze Sovereign aus 113 Gramm 22-karätigen Golds - und als globale Ankerwährung war auch der Außenwert fix. 4,86 Dollar bekam man für ein Pfund, egal ob in Amerika die Eisenbahngesellschaften pleite gingen, in Südafrika der Burenkrieg ausbrach oder die Armee gegen streikende Arbeiter in Liverpool einmarschierte.

Das deutet bereits den Nachteil des Goldstandards an: Stabil war nur das Geld. Die reale Wirtschaft wuchs zwar in dieser Phase der Industrialisierung rasch, aber immer wieder unterbrochen von heftigen Krisen und teils jahrelangen Depressionen. Zudem führte das überbewertete Pfund zu chronischen Kapitalabflüssen.

Bye bye, Goldstandard


Nach einer kurzen Unterbrechung, um den Ersten Weltkrieg mit Schulden finanzieren zu können, kollabierte das Goldsystem endgültig in der Weltwirtschaftskrise ab 1929.

Als London den Gold-Standard im September 1931 aufgab, schockierte das Königreich damit die internationale Finanzwelt - zeigte aber den Weg auf, um der tiefen Depression zu entkommen. Das freigegebene Pfund verlor rasch ein Viertel an Wert gegenüber dem Dollar, britische Warenexporte waren wieder wettbewerbsfähig, günstigere Kreditzinsen brachten die Baukonjunktur allmählich in Schwung.

Britanniens Wirtschaft ist zu schwach für Bretton Woods


Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten sich die westlichen Staaten nochmals an einem international koordinierten, stabilen Geldsystem. Bretton Woods sah den Dollar und nicht mehr das Pfund als Ankerwährung vor, theoretisch gedeckt durch Amerikas Goldvorräte und zunächst mit dem noch zu Kriegsbeginn festgelegten Kurs von 4,03 Dollar pro Pfund.

Die schwächelnde britische Wirtschaft verlangte jedoch immer wieder nach Abwertung. Der erste große Schnitt kam im September 1949 mit einem Kurs von 2,80 Dollar - auf einen Schlag 30 Prozent Wertverlust für das Pfund Sterling. Weitere, wenn auch nicht ganz so starke, Abwertungen folgten, bis Bretton Woods 1973 ganz aufgegeben wurde.

Im anschließenden Free Floating rauschte das Pfund erst recht ab, während die britische Wirtschaft vom IWF gerettet werden musste. Der Tiefpunkt war 1985 erreicht, bevor die USA, Japan, Großbritannien, Frankreich und Westdeutschland sich im Plaza-Abkommen auf Interventionen am Devisenmarkt einigten.

Black Wednesday - ein Goldener Mittwoch für George Soros


Der 16. September 1992 ist in Finanzkreisen als "Black Wednesday" bekannt, als Schwarzer Mittwoch. Für George Soros dürfte es eher ein Goldener Mittwoch gewesen sein, machte er ihn doch zur Investorenlegende - zum "Mann, der die Bank von England knackte".

Seit 1990 gehörte das Pfund zum Europäischen Wechselkursmechanismus; dieser sah vor, den Wert der Währung relativ zur Deutschen Mark stabil zu halten. Im Laufe des Jahres 1992 setzte sich am Markt allerdings die Ansicht durch, dass der Zielkorridor für die britische Währung zu hoch angesetzt sei. Der gesamte Markt habe irgendwann gewusst, dass das Pfund überbewertet sei, schreibt das Portal priceonomics.com über Soros' "Trade des Jahrhunderts", allein Interventionen der britischen Regierung hätten es auf einem vergleichsweise hohen Niveau gehalten.

Auslöser für Soros' insgesamt 15 Milliarden Dollar schwere Short-Attacke, mit der er auf ein Fallen des Pfundes setzte, sei schließlich ein Interview des damaligen Bundesbank-Chefs Helmut Schlesinger gewesen: Der hatte laut einem Agenturbericht am Wert verschiedener europäischer Währungen gezweifelt und gleichzeitig möglichen deutschen Hilfen eine Absage erteilt. Eine weitere Abwertung des Pfund sei damit, schreibt der Autor Sebastian Mallaby im Buch "More Money Than God", quasi unvermeidbar gewesen.

Zum Zeitpunkt der Schlesinger-Aussagen waren Soros und sein Quantum Fund lediglich 1,5 Milliarden Dollar short gegen das Pfund. Stan Druckenmiller, Chief Portfolio Manager des Fonds, habe diese Position langsam ausbauen wollen - sein Chef sei allerdings dagegen gewesen: "Ziel auf die Halsschlagader."

Quantum verkaufte Milliarden an geborgten Pfund - weil die Bank von England nicht mithalten konnte, trat sie schließlich aus dem Europäischen Wechselkursmechanimus aus. Das Pfund entwertete massiv - ihre Short-Position brachte dem Quantum Fund Milliarden ein. Pfund und italienische Lira flogen aus dem System, das später zum Euro wurde. Während die Italiener wenige Jahre später zurückkehrten, entfernten sich die Briten weiter vom Kontinent.

2008: "Der Schmerz ist Teil der Heilung"


Mehr als ein Viertel an Wert verlor das Pfund gegenüber dem Dollar im Herbst 2008, in der Hochphase der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise. War Sterling Mitte des Lehman-Jahres noch zwei Dollar wert, fiel der Kurs bis zum Jahresende unter 1,50 Dollar. Zum Euro schien die britische Währung sogar haarscharf auf Parität (1:1) zuzusteuern, auf der Insel wurde gar erneut über einen Beitritt zur Gemeinschaftswährung diskutiert, die damals als Hort der Stabilität galt.

Doch "der Schmerz ist Teil der Heilung", schrieb damals der "Economist", die Abwertung sei eine überfällige Anpassung der zuvor überbewerteten Währung, wie sich am britischen Handelsbilanzdefizit zeigte.

Das blieb zwar erhalten, und das Pfund erholte sich anschließend auch wieder (vor allem gegenüber dem Euro). Aber als Stoßdämpfer machte sich die so schwankungsanfällige eigene Währung für die Briten bezahlt.

Obwohl die eigene Verschuldung, Immobilienmarkt und Bankenkrise zu Beginn der Krise eher noch schlechter aussahen als etwa in Spanien, konnte Großbritannien mit schwachem Pfund sich rasch erholen. Diese Erfahrung hat auch einstige Euro-Befürworter auf der Insel zur Souveränität bekehrt.