Corona-Forscherin Kizzmekia Corbett Diese Frau steht hinter dem wichtigsten Impfpatent

Kizzmekia Corbett ist Angestellte eines US-Staatsinstituts - und verkörpert die neue Macht im Impfgeschäft. Ihr Name steht auf dem Patent, ohne das bei den wichtigen RNA-Vakzinen gegen das Coronavirus nichts läuft.
Attitude: Die Impfpionierin Kizzmekia Corbett verkörpert den starken Staat

Attitude: Die Impfpionierin Kizzmekia Corbett verkörpert den starken Staat

Foto:

Timothy Nwachukwu / The New York Times via Getty Images

Kizzmekia Corbett (35) tritt auf wie ein Popstar. Am vergangenen Sonntag sprach sie vor der African Methodist Episcopal Church im Norden von Illinois: "Der Angst mit Glaube und Wahrheit begegnen" - Tourdate Nummer 49 auf ihrer Mission, Amerika das Impfen zu lehren. Auftritt 50 folgte am Mittwoch vor der New York University, für Samstag ist Nummer 51 mit der Bürgerrechtsbewegung NAACP in Atlanta als Townhall Meeting über den "Black Community Point of View" auf Corona geplant sowie ein Besuch in der Impfstraße der Baptistenkirche von Rockland. Ihr Twitter-Profil @KizzyPhD  (das PhD steht für den amerikanischen Doktortitel) garniert sie mit den vier V: "Virology. Vaccinology. Vagina-ology. Vino-ology." Vagina? Ja, auch zur Geschlechterfrage hat Corbett Starzitate parat: "Unser volles Haar und unsere Stilettos wurden geschaffen, um gläserne Decken zu durchbrechen." Kein Problem mit Posen für Hochglanzfotos, es dient ja guten Zwecken.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von Twitter, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Die so selbstbewusste Mikrobiologin steht im Alltag meistens im Kunstlicht der Labore des Nationalen Gesundheitsinstituts für Allergologie und Infektionskrankheiten in Bethesda, einem Vorort von Washington. In dieser Abteilung der bundeseigenen National Institutes of Health (NIH) leitet sie das Corona-Team des Impfforschungszentrums. In dieser Funktion ist sie eine der Retterinnen der Welt, weil sie maßgeblich die Corona-Impfstoffe mitentwickelte. Auch die als Heilmittel für schwer Erkrankte eingesetzten monoklonalen Antikörpercocktails beruhen mit auf Corbetts Forschung. "Ihre Arbeit wird einen erheblichen Beitrag leisten, um die schwerste Pandemie seit mehr als 100 Jahren zu beenden", lobte ihr Institutschef Anthony Fauci (80), der Chefepidemiologe der US-Regierung, in einem Kurzporträt für das Magazin "Time" .

Deshalb steht Corbetts Name, neben dem von neun Kollegen, auch als Erfinderin auf dem wohl wichtigsten Patent, das im aktuell ausgebrochenen transatlantischen Streit um geistige Eigentumsrechte noch eine große Rolle spielen dürfte: US-Patent Nummer 10,960,070 , wegen seiner Bedeutung in der Pharmaindustrie auch kurz als "070" bekannt und bereits im Jahr 2017 im Namen der Vereinigten Staaten von Amerika angemeldet. Corbetts Team, das an Mers und anderen Coronaviren forschte, hat die Struktur des Spike-Proteins als Angriffsfläche für das Immunsystem beschrieben. Das Patent erklärt den Weg, einen Code für die mRNA zu schreiben, um wirksame Impfstoffe gegen solche Viren zu erzeugen - genau den Weg, der sich jetzt hundertmillionenfach bewährt, wie durch Corbetts Arbeit ab Januar 2020 am neuen Coronavirus Sars-Cov-2 vorausgesagt.

Es waren staatliche Institute, die diese Innovation mit ihrer Forschung möglich machten, und private Unternehmen, die sie mit der weiteren Entwicklung, Erprobung, Produktion und Vermarktung (im Staatsauftrag) verwirklichten. In Corbetts Fall wurde das inzwischen mit hohen Gewinnen glänzende Biotechunternehmen Moderna mit ins Boot geholt, das gegenüber "Axios"  freimütig bekundete, die Forschung an dem Impfprogramm sei "zu 100 Prozent" vom Staat finanziert worden. Doch so läuft es oft. Ungewöhnlich ist, dass der Staat seinen Anspruch als Miterfinder auch anmeldet; ebenso ungewöhnlich wie, dass er sich für eine globale Patentpause stark macht, um das Wissen der Impfstoffhersteller möglichst breit zu verteilen.

Das Milliardenpatent

1,8 Milliarden Dollar könnte der US-Staat laut einer Studie der "New York University"  allein in diesem Jahr an Lizenzgebühren für in den USA verwendete RNA-Impfstoffe wegen des Patents 070 kassieren - wenn er wollte. Die "Financial Times"  berichtet unter Berufung auf mehrere Insider, der deutsche Impfstoffentwickler Biontech und sein US-Partner Pfizer, die sich zum Schutz ihres Exklusivwissens aus dem Regierungsprogramm "Warp Speed" heraushielten, müssten tatsächlich Gebühren für die Verwendung des Codes aus Patent 070 zahlen, Moderna aber bislang nicht.

Das Unternehmen hat im eigenen Namen weitere Patente auf seinen RNA-Impfstoff angemeldet und betont gegenüber Investoren sein "breites und tiefes Patentportfolio" mit mehr als 240 Rechtstiteln, von dem man langfristig profitieren werde. Zugleich beteuert Moderna , für die Dauer der Pandemie auf seine Ansprüche zu verzichten. Man sehe gerne zu, wie Wettbewerber auch von Moderna patentiertes Wissen nutzten. "Wir haben kein Interesse daran, geistiges Eigentum zu nutzen, um die Zahl verfügbarer Impfstoffe zu reduzieren", erklärte Aufsichtsratschef Stephen Hoge dem "Wall Street Journal". Für die Zukunft sei die Firma gerne zu Lizenzen bereit.

Auf den ersten Blick wirkt das wie eine großzügige Geste, passt aber auch plausibel zum Geschäftsmodell: Für den Start hat Moderna ein Interesse daran, dass sich die neuartige RNA-Technik mit Zulieferern, Logistik und einer aufnahmebereiten Öffentlichkeit etabliert, wobei Wettbewerber wie Biontech und bald Curevac helfen können. Nach der Logik des Patentsystems hingegen wäre nur Platz für einen einzigen Anbieter von RNA-Corona-Impfstoffen mit einem staatlich garantierten Monopol auf Zeit. Der Gewinner des Markts würde von Gerichten ermittelt.

Außerdem ist das jetzige Geschäftsmodell in der Symbiose mit dem Staat hochlukrativ: Moderna verlangt bei Abnahmegarantie für große Mengen den höchsten Preis für seinen Corona-Impfstoff, bis zu 37 Dollar pro Dosis, was Firmenchef Stéphane Bancel (48) als "unter Wert" ansieht. Das Unternehmen erwartet für 2021 einen Umsatz von 19,2 Milliarden Dollar, mehr als je ein Unternehmen mit einem einzigen Medikament in einem Jahr erlöst hat. Bancel persönlich kommt mit seinem 8-prozentigen Aktienanteil  als einer der großen Krisengewinner auf ein Vermögen von mehr als fünf Milliarden Dollar, für die vergangenen drei Jahre - noch in den roten Zahlen - strich er gut 80 Millionen Dollar als Vergütung ein. Und der große Bonus für den Durchbruch 2021 kommt ja erst noch, zu einem guten Teil dank der Arbeit des Teams von Kizzmekia Corbett. Wer braucht da noch Patentschutz?

Die Moralkarte

Zumal Moderna mit Patentklagen auch leicht verlieren könnte. Im vergangenen Juli geschah dies bereits  in einem Streit mit der Biotechfirma Arbutus um ein Patent auf die Formel für die Lipidhülle, in der die mRNA verpackt wird. Weitaus fundamentaler jedoch wäre ein Streit mit den USA um das Patent 070.

Nooman Haque, für Biotech zuständiger Geschäftsführer der Silicon Valley Bank, erklärt gegenüber der "Financial Times" , die Regierung setze ihr Eigentumsrecht als Druckmittel gegen Moderna ein. Indem sie ihre Patentansprüche ruhen lasse, "spielt sie die Moralkarte". Das Ziel sei, Moderna dahin zu treiben, über den bloßen Verzicht auf eigene Patentansprüche hinauszugehen und etwas zu tun, um tatsächlich die globale Produktion von RNA-Impfstoffen zu befördern - also die Vergabe von Lizenzen an andere Unternehmen, verbunden mit Hilfe beim Technologietransfer, etwa der Anleitung für das richtige Equipment oder die Ausbildung von Fachkräften. Wenn die Biden-Regierung es mit ihrer neuen Haltung ernst meint, ließen sich binnen Monaten in einer globalen Operation Warp Speed mehrere RNA-Impfstoffhersteller auch in Entwicklungsländern aufbauen. Schlecht für die langfristigen Gewinnaussichten von Moderna und Biontech, aber gut für ein schnelles Ende der Corona-Krise.

Für die schnell wirksame Hilfe, die von Modernas bestehenden Produktionspartnern in Europa und Nordamerika erzeugten Vakzine abzugeben, hat sich das Unternehmen bereits verpflichtet: Ab dem vierten Quartal sind der Covax-Initiative bis zu 500 Millionen Impfdosen für Entwicklungsländer zugesagt, zum niedrigsten Preis des gestaffelten Preissystems, wie Moderna am Montag mitteilte. Ob auch da die Moralkarte eine Rolle spielte?

NIH-Forscher Barney Graham, der ebenfalls als Erfinder in Patent 070 aufgeführt wird, bestätigte der "Financial Times", dass der Staat damit einen "Hebel" gegen die Pharmafirmen in der Hand halte. Genau dafür sei er im Jahr 2000 als Gründer des Impfforschungszentrums zum Institut gekommen: "den Hebel der öffentlichen Finanzierung zu nutzen, um Probleme der öffentlichen Gesundheit zu lösen." Kizzmekia Corbett bezeichnet Graham als ihren Mentor.

ak
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.