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Panama Papers bedeuten Kommunikations-Gau für Unternehmen Die Logik der Waffenhändler - warum Mossack Fonseca das Büßerhemd gut stehen würde

Die Enthüllung der Panama Papers dürfte niemanden von den Betroffenen kalt erwischen. Die Recherchen waren seit Monaten bekannt, und gute PR-Strategen haben für einen solchen Kommunikations-GAU immer mehrere Szenarien in der Schublade. Eigentlich.
Von Tom Buschardt

Um es klar zu sagen: Wer jetzt wegen der Panama Papers überraschenderweise ein Kommunikationsproblem hat, hat es nicht, weil investigative Journalisten ihren Job gemacht haben. Sondern weil er beim Einrichten seiner Briefkastenfirma nicht Vorsorge getroffen hat, was zu tun ist, wenn die Sache publik wird. Das ist wie bei einem Bankraub, bei dem plötzlich die Sirene losgeht und dann erst der Gedanke aufkommt: "Was machen wir eigentlich, wenn jemand den Alarm auslöst?"

Eben.

Tom Buschardt

Tom Buschardt ist seit Ende der 1990er Jahre Medientrainer. Er coacht Vorstände und Politiker für den optimalen Auftritt vor Mikrofon, Kamera und Publikum. Seit 2004 ist er auch Dozent an der Akademie des Auswärtigen Amtes (Interviewtraining). Er arbeitete für zahlreiche Sender der ARD sowie RTL Aktuell und ist Experte für Krisenkommunikation. www.buschardt.de 

Für Unternehmen mit Offshore-Firmen in Panama wird es angesichts der Veröffentlichungsstrategie der Medien besonders eng. Eine derartige Story wird über mehrere Wochen veröffentlicht. Schon am ersten Tag fielen Begriffe wie "Putins reiche Freunde", Fifa, Irak, Katar, Sudan, Jordanien, "organisiertes Verbrechen" und vieles mehr. Da mag jeder Fall für sich anders sein und einer individuellen Betrachtung bedürfen - das Umfeld der öffentlichen Wahrnehmung ist fatal.

Jedes Unternehmen, das ab jetzt mit den Panama Papers in Verbindung gebracht wird, gerät in das Umfeld dieser großen Geschichte - und wird in einem Atemzug mit Diktatoren, Korruption und mafiösen Strukturen erwähnt werden. Steuerhinterziehung mag emotional als Kavaliersdelikt durchgehen - in Verbindung mit dem Vorwurf der Geldwäsche wird ein ganz anderer Schuh daraus.

Auch in Bezug auf Geschäftsbeziehungen im B2B- und B2C-Bereich. Der Ruch der Geldwäsche wird jedes beteiligte Unternehmen mittelbar in den Verdacht der organisierten Kriminalität rücken - unabhängig seiner tatsächlichen Taten.

Im Fokus stehen die Banken - und auch Siemens taucht wieder auf

Was leider nicht wirklich verwundert: In Deutschland ist schon wieder der Name Siemens  im Gespräch. Dabei ist es nicht in erster Linie relevant, ob Siemens-Manager tatsächlich über Briefkastenfirmen Schwarzgelder in die eigene Tasche geleitet haben, auch wenn das nach der Korruptionsaffäre vor wenigen Jahren niemanden wundern würde. Wer schmiert, der zwackt auch für sich selbst etwas ab - so oder so ähnlich dürfte die Wahrnehmung bei vielen sein. Der Weg in die eigene Tasche ist bei solchen Geschäftsvorgängen ein sehr kurzer.

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Siemens dürfte sich damit aufs Neue mit der ganzen Wucht der einstigen Schmiergeldaffäre konfrontiert sehen - und die Panama Papers frei Haus oben drauf erhalten. Und man weiß von deutschen Banken oder ihren Tochterfirmen, die aktiv an Briefkastenfirmen-Konstrukten beteiligt sind. Kein Wunder, wenn die "üblichen Verdächtigen" auch dort wieder auftauchen. Die Unternehmen sollten ihr PR-Personal schon einmal vorsorglich aufstocken.

Bereits 2012 gab ein Amazon-Vertreter vor dem britischen Parlament angesichts der Briefkastenpräsenz des US-Konzerns in Luxemburg eine desaströse Vorstellung ab, als er erklären musste, dass die Rechnungsadresse in Luxemburg sei, die Ware dort aber nicht lagern würde. Es wird sehr unterhaltsam werden, was deutsche Unternehmen angesichts der Panama Papers in der Öffentlichkeit an Rechtfertigungen abliefern.

Mossack Fonsenca argumentiert wie ein Waffenhändler

In der Kommunikation wird es eine rein juristische Spitzfindigkeit sein, wer als Händler, Zwischenhändler, juristischer Berater oder in anderer Funktion mit Briefkastenfirmen der Panama Papers zu tun hat. Erwartungsgemäß versteigt sich die geleakte Kanzlei Mossack Fonseca genau auf diese juristischen Spitzfindigkeiten: Man gründe lediglich Firmen und verkaufe sie dann an die Banken oder Vermögensverwalter. Es gebe keine Geschäftsbeziehung zu den eigentlichen Endkunden. Und so weiter.

Es ist die Logik eines Waffenhändlers, der sagt: "Ich verkaufe ja nur die Knarre, ich schieße ja nicht damit." Das mag vor Gericht funktionieren - in der Öffentlichkeit kommt es einem PR-Suizid gleich.

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Wer mehr als 240.000 Briefkastenfirmen gründet, muss ein Kommunikationskonzept in der Tasche haben für den Fall, dass es herauskommt. Und es sollte substanziellere Aussagen enthalten als die von Ramón Fonseca Mora: "Wir wurden gehackt. Das ist ein Verbrechen." Das mag ja sein. Aber bereits vor Jahrzehnten haben deutsche Gerichte den investigativen Journalisten Günter Wallraff vom Vorwurf der Nutzung falscher Identitäten freigesprochen, weil er mit seinen Industriereportagen "gesellschaftlich relevante Missstände" aufgezeigt hat, die höher zu bewerten waren als das Antreten eines Angestelltenverhältnisses unter falschem Namen. In Zeiten, in denen selbst die Bundesregierung Hehlerware kauft, um mit Schweizer Daten-CDs deutschen Steuerbetrügern auf die Schliche zu kommen, darf Mossack Fonseca nicht so hilflos und oberflächlich kommunizieren.

Bad Boy Lionel Messi - und die "Null Toleranz" Politik in Panama

Die juristische Schuld wird in den nächsten Monaten und Jahren nur eine sekundäre Rolle spielen. Wenn die Ermittlungen der Staatsanwaltschaften in zahlreichen Ländern zu Anklagen oder gar Verurteilungen geführt haben (und es wird mit Sicherheit zahlreiche Einstellungen oder Freisprüche geben), wird das Urteil in der Öffentlichkeit längst gesprochen sein.

Einem Fußballstar wie Messi wird man es vielleicht nachsehen, solange er weiterhin seinen Unterhaltungswert hat. Er könnte sogar noch vom Bad-Boy-Image profitieren. An Unternehmen dagegen wird die Affäre haften bleiben wie Hundekot in einer Profilsohle. Mit den Panama Papers werden Regierungsvertreter stürzen (vielleicht sogar ganze Regierungen), Unternehmer ins Gefängnis wandern und andere ihre Karriere gegen die Wand fahren. Wer mit den Papieren direkt oder indirekt in Verbindung steht, sollte sich nicht nur juristisch, sondern auch kommunikativ wappnen.

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Wenn Panamas Staatschef Juan Carlos Varela von Aufklärung spricht, klingt das auf den ersten PR-Blick schon ganz gut: "Die panamaische Regierung verfolgt eine Null-Toleranz-Politik in allen Bereichen des Rechts- und Finanzwesen, wo nicht mit einem höchsten Maß an Transparenz gearbeitet wird." Dazu ergänzen wir die Tatsache, dass Ramón Fonseca der frühere Berater des Staatschefs war - und schon erscheint die Stellungnahme in einem ganz anderen Licht. Übrigens: Von Null-Toleranz-Politik hat seinerzeit auch Gerhard Cromme gesprochen - als die ARD die Reportage "Siemens im Schmiergeldsumpf" ausstrahlte.

Empfohlener Dresscode: Büßerhemd

In der Krisenkommunikation ist oft der Umgang mit dem Missstand bedeutsamer als der Missstand selbst. Das ist auch hier höchstwahrscheinlich nicht anders. Betroffene deutsche Unternehmen sollten daher schnellstens eine ehrliche und schonungslose interne Ist-Analyse betreiben, in welche Vorgänge sie tatsächlich eingebunden waren - und zwar unabhängig davon, ob eine Veröffentlichung im Rahmen der Panama Papers bereits erfolgt ist oder nicht.

Dabei ist in der Kommunikation - sofern begründbar - die rechtliche Legalität des Vorgangs durchaus zu betonen, aber sie darf nicht in den Vordergrund gestellt werden, weil die öffentliche Wahrnehmung eine negative sein wird. Hier sind natürlich Gesetzeslücken und Grauzonen ausgelotet worden - und genau das wird im Fokus der Bewertungen stehen. Ferner sind öffentlichkeitswirksame Gegenmaßnahmen zu empfehlen, die das Unternehmen nachhaltig nicht nur als schuldbewusst, sondern auch als geläutert dastehen lassen.

Empfohlener Dresscode: Büßerhemd!

Körpersprache: Aufrecht und aufrichtig.

Deutsche Politiker werden zunächst schauen, ob Unternehmen aus ihren eigenen Wahlkreisen betroffen sind und ob Arbeitsplätze gefährdet sein könnten. Danach wird sich entscheiden, ob zusätzlich zum medialen auch noch politischer Druck ausgeübt werden wird. Betroffene Unternehmen müssen also auch solche Negativ-Multiplikatoren in ihrer Kommunikationsstrategie berücksichtigen.

Die hilflosen Floskeln der Firmenhüllen-Verkäufer

Die Politik wird mit Kritik nicht hinter dem Berg halten. Die Öffentlichkeit ist empört, Politiker kämpfen in der Öffentlichkeit um ihre Marktanteile. Der Bundestagswahlkampf ist bereits so gut wie eröffnet. Das schafft ein schwieriges Umfeld für betroffene "Panama-Unternehmen". Ferner lenkt die Politik mit dem Getöse auch von den eigenen Versäumnissen ab, Gesetzeslücken nicht geschlossen oder Missbrauch sogar begünstigt zu haben. Für Großkonzerne in Deutschland kann das heißen, dass einstige Verbündete in Zeiten aufkommender Protestwähler schnell zu Gegnern werden.

Auf europäischer Ebene hat der EU-Abgeordnete Fabio de Masi (Linke) bereits einen verbalen Schmelztiegel aufs Feuer gesetzt: "Reichen, Mächtigen und anderen Kriminellen [sic!] wird es so einfach gemacht, Geld zu waschen und Steuern zu hinterziehen." Das zergeht auf der PR-Zunge: "Reiche, Mächtige und andere Kriminelle". Da steckt schon das klassische "David gegen Goliath"-Prinzip drin: Die Kleinen schuften und zahlen ehrlich ihre Steuer, während die Reichen immer reicher werden. Damit lässt sich gut Wahlkampf machen!

Die Gerichte in vielen Ländern, die mit den Panama Papers zu tun haben, werden sich um die Wahrheitsfindung kümmern müssen, auch wenn angesichts einiger genannter Länder nicht überall ernsthaft damit zu rechnen ist. Die Medien aber bestimmen die Wahrnehmung. Und da kommt man mit juristischen Spitzfindigkeiten nicht weit.

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Es wirkt fast schon hilflos, was die Kanzlei Mossack Fonseca verbreitet: "Nie sind wir einer Straftat beschuldigt oder angeklagt worden." Dabei steht schon in jeder Bankinformation zum Aktienkurs eines Unternehmens, dass "Ergebnisse der Vergangenheit kein Garant für zukünftige Kursziele sind".

Irgendwann ist immer das erste Mal.

Tom Buschardt ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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