Olympische Sommerspiele ohne Zuschauer So teuer werden die "Geisterspiele" für Japan

In wenigen Tagen starten in Tokio die Olympischen Sommerspiele vor leeren Zuschauerrängen. Für wen die „Geisterspiele“ so wichtig sind, was an Geld fließt – und welche Rechnung Japans Steuerzahler begleichen müssen.
Fünf Ringe, keine Live-Zuschauer: Das Verbot von inländischen Zuschauern in den Stadien erhöht die Kosten der Olypmischen Sommerspiele für Tokio nochmals - weil Versicherungssummen schon für die Verschiebung um ein Jahr aufgebraucht wurden

Fünf Ringe, keine Live-Zuschauer: Das Verbot von inländischen Zuschauern in den Stadien erhöht die Kosten der Olypmischen Sommerspiele für Tokio nochmals - weil Versicherungssummen schon für die Verschiebung um ein Jahr aufgebraucht wurden

Foto: - / dpa

Sportlicher Wettkampf auf höchstem Niveau samt Zuschauern, die Athleten zu Höchstleistungen anfeuern – das ist die Grundlage Olympischer Spiele. Oder war es bislang, muss man sagen. Denn die am 23. Juli startenden Olympischen Sommerspielen in Tokio werden zum überwiegenden Teil in leeren Stadien stattfinden. In Tokio wurde vor gut einer Woche wegen steigender Covid-19-Infektionszahlen der Corona-Notstand ausgerufen. Die Olympia-Organisatoren haben deshalb den Ausschluss aller Zuschauer von den Wettbewerben in Japans Hauptstadt beschlossen – ursprünglich sollten in Tokio bis zu 10.000 inländische Fans in die Stadien gelassen werden. "Wir hatten keine andere Wahl", sagte Organisationschefin Seiko Hashimoto.

Nicht alle Wettbewerbe werden vor leeren Rängen ausgetragen. Die deutschen Fußballmänner etwa, deren drittes Gruppenspiel in einem Stadion in Rifu stattfindet, können nach aktuellem Stand vor inländischem Publikum spielen. Denn der erneute Notstand gilt nur für Tokio und drei Nachbar-Präfekturen – vorerst zumindest. Ausländischem Publikum hatten die Organisatoren bereits im März die Einreise untersagt.

Warum viele Athleten die Olympischen Spiele herbeisehnen

Längst steht die Frage im Raum, warum die Geisterspiele überhaupt abgehalten werden. Zum einen treten bei den Spielen nicht nur höchstbezahlte Profisportler an – sondern eben auch viele Athleten in weniger bekannten Disziplinen. Die verdienen mit ihren sportlichen Höchstleistungen wenig oder kein Geld, haben kaum Sponsorenverträge. Sie arbeiten aber seit Jahren auf Olympia hin und wollen die Chance nützen, mit ihren sportlichen Leistungen vor die Weltöffentlichkeit zu treten. Er sei froh, wenn er nach fünf Jahren Training nun antreten könne, sagte der deutsche Athletensprecher, der Säbelfechter Max Hartung, vor Kurzem in den "ARD-Tagesthemen".

Zum anderen geht es natürlich auch um viel Geld. Der US-Fernsehsender NBC etwa zahlt für die Übertragungsrechte in die USA laut Berichten rund eine Milliarde Euro. In Europa zahlt Discovery, das den Sportsender Eurosport betreibt, etwas mehr als 400 Millionen Euro. Und dann fließen bei Olympia noch Milliarden an Sponsorengeldern: Für die Sommerolympiade in Japan wollten 60 große Unternehmen rund drei Milliarden Euro an Sponsoringgeldern ausgeben. Viele haben in den vergangenen Wochen bereits begonnen, Aktivitäten und Events rund um die Spiele abzusagen. Das begrenzt Verluste, wird sie aber nicht ganz vermeiden.

Absage hätte massive Auswirkungen auf Weltsport-Strukturen

Sportverbände weltweit haben ebenfalls ein großes finanzielles Interesse daran, dass die Olympischen Spiele stattfinden. Wären die Sommerspiele komplett ausgefallen, hätte dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ein Verlust im einstelligen Milliardenbereich gedroht. Das IOC gibt 90 Prozent seiner Einnahmen an Unterorganisationen in jedem Land weiter. Bleiben Einnahmen in solcher Höhe aus, hätten laut Sport-Funktionären die bisherigen Strukturen des Weltsports nicht ansatzweise aufrechterhalten werden können – mit Auswirkungen bis hin zu regionalen Verbänden in Deutschland.

Für Japan werden die Spiele aber ziemlich kostspielig. Denn die Organisatoren drohen auf Einnahmeausfällen sitzenzubleiben, die durch das Zuschauerverbot in den Stadien entstehen, wie Insider der Nachrichtenagentur Reuters berichteten. Zwar ist das lokale Organisationskomitee dagegen versichert – doch einen großen Teil der Versicherungssummen wurde wohl bereits für die Verschiebung der Spiele um ein Jahr aufgebraucht.

IOC ist gegen Ausfälle bei Ticketerlösen noch einigermaßen versichert

Tokio etwa hatte mit Zuschauererlösen von umgerechnet rund 815 Millionen Dollar gerechnet. Diese dürften fast auf null zusammenschmelzen, auch wenn an Veranstaltungsorten außerhalb der Millionenstadt einige Zuschauer zugelassen sind.

Während die Sponsoring- und Fernseheinnahmen bei Olympia an das IOC gehen, kassieren die Veranstalter die Ticketerlöse. Die Ratingagentur Fitch schätzt, dass sich beide zusammen mit rund 2,5 Milliarden Dollar gegen Ausfälle versichert haben. Branchenkreisen zufolge ist Tokio mit 500 bis 800 Millionen Euro gegen Ausfälle versichert – aber ein großer Teil davon sei schon im vergangenen Jahr für Umbuchungen von Hotels und Sportstätten verwendet worden.

Für das IOC, das durch die Zuschauerausfälle indirekt ebenfalls mit Einbußen rechnen muss, dürfte sich die Lage günstiger darstellen. Von seiner Versicherungssumme von 800 Millionen Dollar sei noch mehr übrig, sagte ein Brancheninsider. Denn das IOC sei gegen eine Verschiebung nicht versichert gewesen, sodass es 2020 noch keine Schäden habe anmelden können.

Japans Steuerzahler erwartet Milliardenrechnung

Insgesamt hatte das Tokioter Organisationskomitee die offiziellen Kosten der Spiele auf 15,4 Milliarden Dollar beziffert. Allein die Mehrkosten durch die Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr samt neuer Anti-Virus-Maßnahmen sollen 2,3 Milliarden Euro betragen haben, wie im Dezember 2020 bekannt wurde.

Schätzungen von Experten taxieren die tatsächlichen Kosten weit höher: In Berichten ist von bis zu 25 Milliarden Dollar die Rede. Einen großen Teil davon, das lässt sich jetzt schon absehen, werden die japanischen Steuerzahler begleichen müssen – und das in der höchst verschuldeten Industrienation der Welt. Es werden wohl die traurigsten Spiele aller Zeiten, monieren japanische Kritiker bereits. Die teuersten Olympischen Sommerspiele werden es mit großer Sicherheit.

wed/Reuters
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