Reaktionen von Ökonomen zur US-Wahl "Minderheiten wählen nicht automatisch Demokraten"

Die US-Präsidentenwahl bleibt spannend: Amtsinhaber Donald Trump und sein Herausforderer Joe Biden liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Das sind die ersten Stimmen von Ökonomen.
"Der Dollar dürfte im Falle eines Trump-Sieges kurzfristig aufwerten." (Dirk Clench, LBBW)

"Der Dollar dürfte im Falle eines Trump-Sieges kurzfristig aufwerten." (Dirk Clench, LBBW)

Foto: MICHAEL REYNOLDS/EPA-EFE/Shutterstock

Bernd Meyer, Chefstratege der Berenberg-Bank:

"Es ist zu früh zu spekulieren, fühlt sich aber etwas nach Déjà-vu von 2016 an. Auf ein Ergebnis wird wohl noch länger zu warten sein - die Wahrscheinlichkeit, dass die Gerichte über den Wahlausgang entscheiden werden, steigt. Die Kapitalmärkte reagieren bereits auf die Entwicklung: Hatten sie in vielen Bereichen über die letzten zwei Monate einen Biden-Sieg oder gar eine blaue Welle zumindest teilweise eingepreist, zeigt sich nun die abnehmende Wahrscheinlichkeit eines demokratischen Sieges durch eine Gegenbewegung. Dies sieht man an höheren Nasdaq-Notierungen und einem stärkeren US-Dollar. Sollte Trump wirklich Präsident bleiben, dürfte die Handelsunsicherheit wieder zunehmen. US-Aktien würden entsprechend nachgefragt bleiben."

Rüdiger Bachmann, Wirtschaftsprofessor an der University of Notre Dame (US-Staat Indiana):

Minderheiten wählen nicht automatisch die Demokraten. Es gibt also in Zukunft keine automatische demokratische Mehrheit, nur weil der Anteil von Minderheiten an der US-Bevölkerung steigt. Trump spricht manche Latino-Männer an, auch manche afroamerikanische Männer. Die Arbeitslosigkeit von Schwarzen und Latinos war auf einem Rekordtief, die Löhne stiegen, in einer boomenden Wirtschaft. Die Empfänger niedriger Einkommen sind vorangekommen.

Die Steuerreform - eines der wenigen Dinge, die Trump geschafft hat, außer der Ernennung von Richtern - war verrückt, in einer bereits vorher boomenden Wirtschaft. Es war ein sinnloser Stimulus. Aber der Verteilungseffekt hat Menschen am unteren Rand der Gesellschaft geholfen: Was wir Grundfreibeträge nennen würden in Deutschland, hat vielen geholfen. Viel mehr Menschen als vorher zahlen keine Einkommensteuer. Die Steuerreform hat auch den Milliardären am anderen Rand der Gesellschaft geholfen. Die wohlhabende Mittelklasse wurde übers Ohr gehauen: Ich zahle heute mehr Steuern als vorher. Trump, unterstützt von Nancy Pelosi, hat Fortschritte bei der Gefängnisreform durchgesetzt. Das wird positiv gesehen in Teilen der schwarzen Bevölkerung.

Maximilian Kunkel, Chefanlagestratege für UBS in Deutschland:

"Die Märkte hatten sich verstärkt auf eine 'Blaue Welle' mit den entsprechenden Konsequenzen für die Fiskal- und Handelspolitik eingestellt. Der aktuelle Wahlzwischenstand stellt einen klaren Sieg der Demokraten infrage und belastet entsprechend den Dax zum Börsenauftakt.

Dennoch gilt weiterhin: Für den Dax  sollte sich ein Sieg Bidens positiver als ein erneuter Wahlerfolg Trumps auswirken. Ein weniger martialischer und erratischer Umgang mit den wichtigsten Handelspartnern sollte für mehr Planungssicherheit bei Unternehmen und Marktteilnehmern sorgen. Der Dax mit seiner globalen und prozyklischen Ausrichtung sollte von der reduzierten Unsicherheit bei der Handelspolitik profitieren. "

Michael Holstein, Konjunkturchef der DZ Bank:

"Die US-Präsidentenwahl ist noch nicht entschieden. Die Hoffnung vieler Europäer auf einen klaren Sieg von Joe Biden hat sich nicht erfüllt. Das Ergebnis wird knapp sein, die Spaltung des Landes wohl fortbestehen. Damit werden die Beziehungen zwischen Europa und den USA nicht einfacher, auch was den Handel angeht.

Sollte Trump gewinnen, wird es wirtschaftspolitisch um weitere Steuersenkungen und um Ausgabenkürzungen gehen. Für die US-Konjunktur muss das nicht schlecht sein, doch für die deutsche Exportwirtschaft werden die Verhältnisse nicht einfacher. Trump könnte das Thema Autozölle zurück auf die Tagesordnung holen. Für die ohnehin angeschlagene deutsche Autoindustrie wäre das wohl der 'Worst Case'.

Unter einem Präsidenten Biden gäbe es zunächst sicherlich ein großes Konjunkturprogramm, später vermutlich Steuererhöhungen für Unternehmen und Haushalte mit hohen Einkommen. Der Fokus in der Handelspolitik würde zwar weniger auf neue Zölle gelegt, doch steigende Defizite im US-Außenhandel würden auch einen Präsidenten Biden unter Druck setzen."

Dirk Clench, LBBW:

"Der Dollar dürfte im Falle eines Trump-Sieges kurzfristig aufwerten. Das lehrt die Erfahrung aus dem überraschenden Wahlsieg Trumps 2016. Zudem dürfte Trump die geopolitischen Konflikte eher anheizen als beruhigen. Daher sollte der Dollar als sicherer Hafen eher nachgefragt werden."

Carsten Brzeski, ING-Chefvolkswirt:

"Das wird eine lange Nachspielzeit. Es kommt nun doch zur nicht ganz unerwarteten Hängepartie, mit möglichen Aufregern, Unruhe und Unsicherheit an den Finanzmärkten. Das Gute ist, dass die ganzen Analysen über mögliche Folgen von Biden oder Trump noch eine Zeit lang weiterverwendet werden können. Das Negative ist allerdings, dass noch mal deutlich geworden ist, wie geteilt das Land ist."

Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank (Liechtenstein):

"An den Finanzmärkten wird man wohl heute ohne große Orientierung in den Handel starten und sich zunächst an den guten Vorgaben der Vortage orientieren. Kommt es aber zu einer längeren Hängepartie oder einem knappen Sieg von Joe Biden mit Anfechtungsklagen der Republikaner, wird man darüber wenig erfreut sein. Die gute Stimmung kann also auch jederzeit kippen."

cs/Reuters