Minuszinsen Seid doch mal etwas negativer!

Der Ruf der EZB nach Einlagenzinsen unter null wird lauter. Bedeutet das Experiment eine Strafsteuer für Banken, die Geld horten? Oder für Sparer? Dänemark und Schweden haben mit Minuszinsen gute Erfahrungen gemacht.
Minuszinsland Dänemark: Geldpolitisch nicht wirklich unabhängig, alles hängt am Kurs zum Euro

Minuszinsland Dänemark: Geldpolitisch nicht wirklich unabhängig, alles hängt am Kurs zum Euro

Foto: REUTERS

Hamburg - Irgendetwas muss Mario Draghi tun, um die Inflation im Euro-Land wieder in Gang zu bringen. Und negative Einlagenzinsen scheinen für die Europäische Zentralbank das Mittel der Wahl zu sein. EZB-Chefvolkswirt Peter Praet ließ sich im Interview der "Zeit" darüber aus, zuvor hatte schon Bundesbankpräsident Jens Weidmann Bewegung in diese Richtung signalisiert. Banken, die Geld auf ihren EZB-Konten horten anstatt es an Unternehmen oder Privatpersonen zu verleihen, müssten dann dafür Gebühren zahlen.

Das klingt schon fast wie bei radikalen Gegnern des Kreditsystems, wie etwa der vom Ökonom Silvio Gesell inspirierten Freigeldtheorie: Spekulation bestrafen, Zirkulation belohnen, um die reale Wirtschaft anzutreiben. Doch ganz so exotisch wäre das Experiment nicht. Die nördlichen Nachbarn der Euro-Zone haben es bereits gewagt.

Die Dänische Nationalbank hat sogar erst Ende April ihren Einlagenzins von minus 0,1 auf plus 0,05 Prozent angehoben, das Experiment mit der Negativität also nach knapp zwei Jahren beendet. Gouverneur Lars Rohde konnte auf dem dänischen Sparkassentag in der vergangenen Woche den erleichterten Bankern von einer "Normalisierung" berichten.

Nach einer Analyse der Großbank Nordea ging die Aktion auf Kosten der Bankmargen, weil die Institute die negativen Zinsen weder an die Sparer weiterreichen noch Kreditnehmer mit höheren Zinsen belasten konnten. Das gab der Markt nicht her.

Dänemark beendet sein Experiment mit Erfolg

Aber das Geldsystem brach nicht zusammen. Und eine Kreditklemme oder Deflation war auch gar nicht das Problem. Eingeführt hatten die Dänen die Minuszinsen, um in der Euro-Krise eine zu starke Aufwertung der als Fluchtwährung gesuchten Krone zu verhindern. Dänemark ist neben Euro-Kandidat Litauen das einzige Land im "Wechselkursmechanismus II", der Warteschlange zur Währungsunion. Der Mechanismus legt fest, dass die Krone nur innerhalb einer Bandbreite von 2,25 Prozent zum Euro als Ankerwährung schwanken darf.

Das Königreich gehört faktisch zur Euro-Zone, auch wenn es sich um den formellen Beitritt ziert. Die Aufgabe der Nationalbank beschränkt sich darauf, die Ankertrosse festzuzurren. Tatsächlich wurde der Wechselkurs nie um mehr als 0,5 Prozent freigelassen. Gemessen an diesem Ziel, wurde das Experiment Minuszinsen erfolgreich beendet. Zu Beginn notierte die Krone 0,33 Prozent über ihrem Zielwert, heute 0,08 Prozent darunter.

"Das erfolgreiche dänische Experiment ist nicht direkt auf die EZB anwendbar", warnt jedoch Peter Stella, geldpolitischer Berater und ehemaliger IWF-Ökonom. Er merkt an, dass Banken im Euro-Raum - anders als in Dänemark - ihre überschüssigen Reserven frei zwischen laufenden Konten bei den jeweiligen Zentralbanken und der Einlagenfazilität umschichten können, und dass die EZB ihnen keine Einlagen in Fremdwährung als Ventil bietet, weil sie nicht an den Devisenmärkten interveniert.

"Das Gaspedal im Leerlauf durchtreten"

Die Details sind extrem technisch. Doch Stella versucht sich in starken Bildern, um die Wirkung zu erklären. "Wie eine heiße Kartoffel" würden die Banken zwar ihre überschüssigen Reserven behandeln, sie also um jeden Preis loswerden wollen. Bloß, sie könnten es nicht, jedenfalls nicht als Bankensystem insgesamt. Eine Bank würde sie der anderen andrehen, die bei der EZB gehaltene Einlagensumme bliebe gleich, die Realwirtschaft hätte nichts davon. "Es wäre, wie das Gaspedal im Leerlauf durchzutreten." Also den Motor einmal laut aufjaulen lassen, aber keinen Meter vorankommen.

Andere malen mögliche Nebenwirkungen in düsteren Farben aus. In einer Analyse der Investmentbank JPMorgan heißt es, schon jetzt bei einem Einlagenzins von null fliehe das Kapital aus unprofitablen Geldmarktfonds, die im Fall von Negativzinsen noch stärker schrumpfen und als Überträger ("Transmissionsriemen") der Geldpolitik ausfallen würden.

Die ansonsten bankenkritische Finanzbloggerin Frances Coppola unkt, der Angriff auf die Zinsmargen würde in einem deflationären Umfeld letztlich Kreditnehmern zur Last fallen. Geld würde nicht billiger, sondern teurer - "und das verschärft die Rezession".

Zielt Draghi auf den Placebo-Effekt?

Vor Dänemark hatte sich auch Schweden schon 2009 und 2010 an negativen Einlagenzinsen versucht, ganz ohne Bindung an den Euro. Doch selbst Reichsbankgouverneur Stefan Ingves nannte das damals "eher symbolisch", weil die Banken ohnehin kaum Einlagen bei der Zentralbank hatten. "Es zeigt nur, dass es technisch möglich ist, aber in keiner Weise wichtig für unsere Geldpolitik."

Vielleicht war das aber auch schon eine Spitze gegen den Kollegen Lars Svensson. Der Deflationsexperte und "Zinsrebell" hatte sich für das Experiment stark gemacht und wirbt auch heute wieder für Negativzinsen, da Schweden tatsächlich in die Deflation rutscht.

Möglicherweise sind beide Länder doch Vorbilder für die EZB. Wie in Schweden wird auch in der Euro-Zone die Einlagenfazilität kaum noch genutzt. Draghi ziele wohl mal wieder auf einen "Placebo-Effekt", tippt Ökonom Stella.

Und wie in Dänemark, geht es eigentlich gar nicht um die Kreditvergabe sondern um den Wechselkurs. So argumentiert jedenfalls EZB-Ökonom Praet in der "Zeit": Wie in Dänemark könne man mit Minuszinsen auch die Aufwertung des Euro bremsen, "weil ein stärkerer Euro die Einfuhren verbilligen und die Inflationsrate noch weiter nach unten drücken würde". Dann allerdings, empfiehlt Stella, solle die EZB lieber direkt am Devisenmarkt intervenieren. Da hieße das Vorbild Schweiz.

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