Knappes Getreide, hohe Preise Hunger und soziale Unruhen – was der Ukraine-Krieg für Afrika bedeutet

Einige afrikanische Länder leiden schon länger unter einer starken Dürre. Nun verschärft der Mangel an Nahrungsmitteln als Folge des Ukraine-Kriegs die Situation auf dem gesamten Kontinent. Auf den Hunger könnten soziale Unruhen und neue Konflikte folgen. Nicht nur der IWF schlägt Alarm.
Nahrungsmittelimporte gefährdet: Ein afrikanischer Bauer legt Pflanzlöcher an

Nahrungsmittelimporte gefährdet: Ein afrikanischer Bauer legt Pflanzlöcher an

Foto: image broker/Florian Kopp / imago images

Nach einer langen Trockenperiode im Osten Afrikas leiden Länder wie Kenia, Äthiopien oder Somalia unter einer starken Dürre. Für kleinbäuerliche Familien fällt die Ernte oft komplett aus, auch der Viehbestand hat sich in vielen Regionen mehr als halbiert. Rund 20 Millionen Menschen sind am Horn von Afrika bereits lebensbedrohlich geschwächt, berichtet das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen.

Hinzu kommen gewaltsame Konflikte, Heuschreckenplagen und die weltweit anziehende Inflation. "Zudem haben in mehr als zwei Jahren Coronapandemie viele Menschen in Afrika ihre Arbeit verloren", sagt Matin Qaim (52), Professor für Agrarökonomie und Direktor des Zentrums für Entwicklungsforschung (ZEF) der Universität Bonn. Die sozialen Unterstützungsprogramme funktionierten vielerorts nicht mehr wie vorher, denn viele Regierungen wollten die entstandenen ökonomischen Schäden durch Einsparungen eindämmen.

"Auf diese schon angespannte Situation stoßen nun noch die Folgen des Ukraine-Kriegs", berichtet Qaim. "Die meisten Preise für Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs sind bereits auf einem Rekordhoch, das ist brisant und sollte größere politische Aufmerksamkeit erhalten." So kommt aus Russland und der Ukraine kaum noch Getreide nach Afrika. Die beiden Länder hatten vor dem Krieg rund 28 Prozent der globalen Weizenexporte gestellt, aus Russland und Belarus kamen zudem 40 Prozent des Düngemittels Kalisalz.

Nahrungsmittelversorgung gefährdet – und damit auch der soziale Frieden

So bekommen auch Länder wie Ägypten und Tunesien mittlerweile große Probleme bei der Versorgung der Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln. Tunesien deckte beispielsweise bislang rund die Hälfte seines Weizenbedarfs durch Importe aus Russland und der Ukraine. Nun warnt Staatspräsident Kais Saied (64) wegen der Mehlknappheit bereits vor einer Gefährdung des sozialen Friedens.

In kurzer Zeit könnten die Kriegsauswirkungen also zu dramatischen Problemen für die Nahrungsmittelversorgung der afrikanischen Bevölkerung führen. Hinzu kommt: in wirtschaftlich schwierigen und unsicheren Zeiten zieht das Kapital gerne in die sogenannten "sicheren Häfen"; also die eher wohlhabende Länder. Das erschwert zusätzlich die Finanzierung von privaten Investitionen und staatlichen Krediten. Die Not könnte sich drastisch verschärfen.

"Es geht dabei nicht nur um die Zahl der hungernden Menschen, sondern auch um diejenigen, die an Mangelernährung leiden, weil sie sich nährstoffreiche Lebensmittel wie Obst und Gemüse nicht mehr leisten können", so Agrarökonom Qaim. "Besonders bei Kleinkindern, die temporär zu wenig Eisen, Jod oder Vitamin A zu sich nehmen, verläuft die geistige und körperliche Entwicklung deutlich schlechter als bei einer ausgewogenen Nährstoffversorgung".

IWF warnt vor Störung der globalen Kooperation

Auch die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kristalina Georgiewa (68), schlägt Alarm: Die Versorgung mit Nahrungsmitteln sei Anlass zu großer Sorge, sagte sie in einer Rede zur gemeinsamen Frühjahrstagung von IWF und Weltbank. Dabei forderte sie die internationale Gemeinschaft zur Unterstützung der betroffenen Länder, vor allem in Afrika, auf. "Die Alternative ist schrecklich: mehr Hunger, mehr Armut und mehr soziale Unruhen – vor allem in Ländern, die sich seit Jahren bemüht haben, Instabilität und Konflikte hinter sich zu lassen", mahnte Georgiewa.

Zudem warnt sie vor einem Zerfall der Weltwirtschaft in geopolitische Blöcke. Globale Lieferketten, Forschungs- und Produktionsnetzwerke könnten dann auseinanderbrechen und müssten neu geschaffen werden. Arme Länder und arme Menschen würden den Großteil dieser Verzerrung erleiden. "In einer Welt, in der ein Krieg in Europa Hunger in Afrika verursacht und in der eine Pandemie innerhalb von Tagen den Globus umrunden und Jahre nachwirken kann, kann die Bedrohung einer Störung der globalen Kooperation für unseren kollektiven Wohlstand gar nicht übertrieben werden", so die IWF-Chefin.