Konzerne sollten in Afrika investieren Warum wir Afrika unterschätzen

Von Ludger Arnoldussen
Die öffentliche Wahrnehmung in Europa ist geprägt von den Bildern der Flüchtlinge, die zu Zehntausenden den afrikanischen Kontinent verlassen. Aber sie vermitteln nur die halbe Wahrheit.

Die öffentliche Wahrnehmung in Europa ist geprägt von den Bildern der Flüchtlinge, die zu Zehntausenden den afrikanischen Kontinent verlassen. Aber sie vermitteln nur die halbe Wahrheit.

Foto: HANDOUT / REUTERS

Afrika war lange ein weißer Fleck auf der Landkarte der Konzerne. Kein Wunder: Auf dem Korruptionsindex von Amnesty International sind afrikanische Staaten meist auf die hinteren Plätze abonniert. Monatelang grassierte das Ebola-Virus in Westafrika und legte das öffentliche Leben lahm. Die Liste der Konflikte und Bürgerkriege der vergangenen Jahrzehnte ist lang. Zehntausende riskieren ihr Leben auf dem Mittelmeer, nur um aus Afrika weg zu kommen.

Und doch ist dies allenfalls die halbe Wahrheit. Ökonomisch erleben große Teile des Kontinents einen rasanten Aufschwung, Wirtschaften in Afrika ist längst keine Nische für Glücksritter mehr. Auch jenseits von Rohstoffhandel und Tourismus lassen sich inzwischen profitable Geschäfte machen - globale Produktionen verlagern sich zunehmend von Asien nach Afrika, das lokale Baugewerbe boomt (der reichste Afrikaner ist im Zementgeschäft tätig) und auch der Service-Sektor entwickelt sich sehr schnell mit neuen Call-Centern und Telekomanbietern.

Auch der Versicherungsmarkt wächst dynamisch

Auch der Markt für Versicherungs- und Rückversicherungslösungen wächst dynamisch. Wir rechnen bis 2025 mit jährlichen realen Wachstumsraten des Erstversicherungsmarktes von rund 5 Prozent, wobei die Dominanz des bereits relativ weit entwickelten südafrikanischen Versicherungsmarkts weit höheres Wachstumspotential in anderen Ländern, wie Nigeria, verdeckt.

Eine Ursache für den Aufschwung Afrikas ist die enorme demografische Dynamik des Kontinents. Afrikanische Gesellschaften sind jung und stark wachsend. Laut Prognosen wird sich die Bevölkerung von derzeit einer Milliarde bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Gleichzeitig wächst Afrikas Mittelschicht.

Diese Menschen werden die Gesellschaften politisch und wirtschaftlich stabilisieren, die Bildungsnachfrage steigern, investieren, konsumieren und ihren neu erworbenen Wohlstand absichern. Die Zahl der Autos und Eigenheime wird sich deutlich erhöhen und in Folge auch die Nachfrage nach dazu passenden Versicherungen. Auch für Krankenversicherer bestehen angesichts der in vielen afrikanischen Staaten eher rudimentären staatlichen Absicherung gute Wachstumschancen.

Das Aufholpotenzial ist enorm

Zudem wächst im gewerblich-industriellen Bereich die Nachfrage nach Versicherungsschutz. Zahlreiche Infrastrukturprojekte sind auf dem Weg, insbesondere in den Bereichen Verkehr und Energie. Hier besteht großer Nachholbedarf. Laut Weltbank sind nur 16 Prozent der Straßen in Afrika südlich der Sahara geteert, weniger als 60 Prozent der Bevölkerung hat Zugang zu Elektrizität. Infrastrukturvorhaben benötigen Versicherungsschutz. Mehr noch: Versicherungsschutz ist oft Voraussetzung, damit Banken die nötigen Kredite für solche Vorhaben bewilligen. In Kenia etwa ermöglicht Munich Re mit einer neuartigen Fündigkeitsversicherung die Realisierung eines Geothermieprojekts. Zudem versichert Munich Re weitere Infrastrukturvorhaben in den Bereichen Wasser, Energie und Transport.

Auch in sehr armen Staaten können intelligent konzipierte Versicherungslösungen die Bevölkerung schützen, zum Beispiel vor Dürren. So bietet Munich Re Rückdeckung für die African Risk Capacity, einer Pool-Lösung für eine Reihe von Staaten. Der Clou dabei: eine aufwändige Einzelfallprüfung des Dürreschadens bei den Landwirten entfällt. Vielmehr genügt es, dass die Regenmenge in einer Region unter einem vorab definierten Niveau bleibt, damit das Geld der Versicherung in kürzester Zeit in ein staatliches Hilfsprogramm fließt.

Dieses wird sowohl vorab als auch im Nachgang auf Wirksamkeit und Good-Governance geprüft. Jüngst haben Mauretanien, Niger und Senegal auf diese Weise Hilfe bei Dürre erhalten und damit indirekt auch viele Menschen, die sich aufgrund ihres Einkommens keinen individuellen Versicherungsschutz leisten können.

In Afrika gibt es inzwischen eine Reihe von Ländern, die schon aufgrund ihrer Größe als Wachstumskerne für den Kontinent dienen können: Südafrika, Nigeria, Kenia, Marokko oder auch Angola. Noch fehlen afrikanische Unternehmen mit Weltbedeutung, die der afrikanischen Wirtschaft eine globale Wahrnehmung verschaffen.

Aber das Aufholpotenzial ist enorm und die komparativen Nachteile gegenüber anderen Investitionsregionen wie beispielsweise Asien werden geringer. Entscheidend wird sein, inwieweit eine fortgesetzte politische Stabilisierung gelingt. Der demokratische und friedliche Regierungswechsel in Nigeria gibt Anlass zur Hoffnung. Zudem werden Schwierigkeiten, die teilweise noch in der Kolonialzeit wurzeln, schrittweise überwunden. Insgesamt gilt: Wer Chancen und Risiken sorgsam abwägt und selektiv agiert, kann in Afrika auch schwarze Zahlen schreiben.

Ludger Arnoldussen ist Vorstand von Munich Re, zuständig für Germany, Asia Pacific and Africa, Central Procurement, Services.

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