Reich mit "nationalen Marken" Welche Russen vom Rückzug des Westens profitieren

Renault, Obi, McDonald's, Shell – westliche Unternehmen ziehen sich aus Russland zurück. Investoren mit besten Beziehungen zum Kreml stoßen in die Lücke und greifen zu: So kaufte ein sibirischer Geschäftsmann 850 McDonald’s-Filialen. Unter den Gewinnlern sind auch altbekannte Putin-Freunde wie Wladimir Potanin.

Beliebter Treffpunkt am Samstag: Die russischen Obi-Märkte hat ein Investor ohne Kaufpreiszahlung erhalten. Die 27 Märkte gehören jetzt zur russischen Max Group

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Foto: Yegor Aleyev / ITAR-TASS / IMAGO

Der US-Ökonom Jeffrey A. Sonnenfeld (68) hatte nach dem russischen Angriff auf die Ukraine mit einer umfangreichen Liste für Aufsehen gesorgt. Er listete das Ausmaß der Geschäftstätigkeit westlicher Unternehmen in Russland  auf. Mit der Einteilung in sechs verschiedene Kategorien wollte der Ökonom von der Universität Yale den Druck auf Konzerne erhöhen, sich aus dem Land des russischen Kriegstreibers Wladimir Putin möglichst rasch zu verabschieden.

Doch mittlerweile gibt es auch eine andere Lesart für diese sogenannte "Sonnenfeld-Liste": Russische Unternehmer können hier schnell und bequem einen Überblick gewinnen, in welchen Bereichen sich jetzt neue Markchancen für sie bieten, weil sich westliche Unternehmen zurückziehen. Dabei können die meisten auf Unterstützung des Kreml zählen: So rief der russische Diktator Wladimir Putin (69) kürzlich auf einem Wirtschaftsforum in St. Petersburg dazu auf, gezielt die "entstandenen Lücken zu füllen" und eigene "nationale Marken" zu schaffen.

Eine Beobachtung, die auch die in ihrer Arbeit auf russische Oligarchen spezialisierte Soziologin Elisabeth Schimpfössl (42) gemacht hat: "Wegen des Krieges ziehen westliche Investoren massiv Geld aus Russland ab, die Rede ist von mehreren Hundert Milliarden Dollar. Für findige russische Geschäftsleute bedeutet das, dass sie günstig dazukaufen können", berichtete Schimpfössl kürzlich in einem Spiegel-Interview . Eine Situation, die an die Zeit Anfang der 90er Jahre erinnert.

Findige russische Geschäftsleute nutzen das Chaos in der Heimat

Damals nutzten russische Unternehmer die chaotischen Verhältnisse des Übergangs der Sowjetunion zu einer Marktwirtschaft, um teils durch finanzielles Geschick, aber vor allem durch Korruption und gute politische Beziehungen das ehemalige Staatseigentum an sich zu reißen und dadurch enorme private Reichtümer anzuhäufen. Zahlreiche sowjetische Staatsfirmen wurden privatisiert und Grundstücke verkauft. Michail Chodorkowski (59), Michail Fridman (58) oder auch Wladimir Potanin (61) legten in dieser Zeit den Grundstein für ihr Vermögen und wurden später zu Oligarchen.

Diese Situation könnte sich jetzt mit der Abwanderung westlicher Unternehmen aus Russland wiederholen. Für heimische Unternehmer, Firmen und Institutionen bietet sich aktuell die Chance, wertvolle Vermögenswerte zum Schnäppchenpreis zu übernehmen.

"Noch handelt es sich bei den Übernahmen um Einzelfälle. Ich fürchte aber, dass es ein allgemeiner Trend werden könnte und vor allem Branchen betreffen wird, in denen der Westen stark in Russland vertreten war", sagt Patricia Nacimiento, Expertin für internationale Schiedsverfahren bei der Wirtschaftskanzlei Herbert Smith Freehills. Und dabei geht es nicht nur um Käufe: Nacimiento fürchtet auch mögliche Enteignungen westlicher Betriebe in Russland .

60.000 McDonald's-Mitarbeiter weiterbeschäftigt

Das derzeit wohl prominenteste Beispiel für das lukrative Lückenfüllen ist die Übernahme von 850 McDonald’s-Filialen in Russland. Seit der Premiere des amerikanischen Fast-Food-Unternehmens 1990 in Moskau ist der russische Anteil am Gesamtumsatz des Konzerns auf knapp 10 Prozent gewachsen – auch die Russen lieben Fast Food. Dieses enorm hohe Geschäftsvolumen hat sich nach dem Rückzug von McDonald´s nun der sibirische Unternehmer und Milliardär Alexander Govor (61) gesichert.

"Wenn zum Beispiel McDonald’s im ganzen Land plötzlich dichtmacht, merkt die Bevölkerung das sofort und die Regierung möchte deshalb schnell einen Ersatz bieten – das ist politisch so gewollt", so Russland-Expertin Nacimiento. So betrieb der aus der Öl- und Bergbaubranche kommende Govor bereits einige McDonalds-Läden in Sibirien, nun erwarb er alle anderen Restaurants der Fast-Food-Kette im Land für einen bislang nicht bekannten Betrag. Nach und nach sollen diese nun unter dem neuen Namen "Wkusno i totschka" ("Lecker und Punkt") wiedereröffnet werden, auch die etwa 60.000 Mitarbeiter werden mindestens zwei Jahre weiterbeschäftigt. Schafft es Govor, die russischen Bürger an seine etwas puristisch anmutenden Burger und Pommes zu gewöhnen, eröffnet sich ihm ein langfristig lukratives Geschäft.

Staat übernimmt Lada-Anteile von Renault für einen Rubel, Obi verschenkt seine Märkte

Exemplarisch für die aktuelle Entwicklung steht auch der Rückzug des Autoherstellers Renault. Seine Mehrheitsanteile am russischen Lada-Hersteller Avtovaz hat Renault für einen symbolischen Beitrag von einem Rubel an den Staat übereignet – inklusive der Autowerke. Avtovaz muss jedoch nicht nur auf viel Know-how der Franzosen verzichten, sondern auch ohne einige Komponenten auskommen, die zuvor aus westlichen Ländern bezogen wurden – etwa Airbags, Antiblockiersysteme oder moderne Getriebe. Doch auf diese Herausforderung fand der Kreml die passende Antwort: Die ABS-Pflicht für Neuwagen wurde von den russischen Behörden für zunächst ein Jahr ausgesetzt.

Auch die deutsche Heimwerkermarke Obi hatte im April bereits ihren Rückzug aus Russland verkündet – obwohl die Märkte vor allem an Samstagen ein beliebter Treffpunkt der russischen Mittelschicht waren. Alle juristischen Einheiten wurden dabei laut dem Unternehmen "ohne Kaufpreiszahlung an einen Investor übertragen", um einer erwarteten Enteignung zuvorzukommen . Die insgesamt 27 Obi-Märkte mit ihren knapp 5.000 Mitarbeitern wurden daraufhin von der russischen Max Group übernommen.

Lukoil kauft Shell-Tankstellen und vermarktet sie als Teboil

Ein weiteres Beispiel: Russlands zweitgrößter Ölkonzern Lukoil sicherte sich im Mai das Tankstellennetz von Shell sowie eine Fabrik für Schmierstoffe. Die ehemaligen Shell-Tankstellen sowie das Schmierstoffwerk werden unter der Marke Teboil weitergeführt . "Der Erwerb der hochwertigen Shell-Geschäfte in Russland passt gut in die Strategie von Lukoil, seine vorrangigen Vertriebskanäle, einschließlich des Einzelhandels, sowie das Schmierstoffgeschäft auszubauen", so Maxim Donde, ein Vizepräsident von Lukoil. Für Shell ist der Verkauf von Shell Neft an Lukoil wohl das kleinstmögliche Übel, als dass das russische Unternehmen sowohl die 411 Tankstellen und die Schmierstoffmischanlage Torzhok als auch die mehr als 350 Beschäftigen übernimmt.

Russland geordnet zu verlassen, ohne die eigenen Mitarbeiter, Fabriken oder Anlagen einfach aufzugeben, stellt für viele westliche Unternehmen eine Herausforderung dar. Zur Verkaufssumme äußerten sich die Unternehmen nicht. Shell hatte Anfang März seinen Rückzug aus Russland angekündigt und infolgedessen 3,9 Milliarden US-Dollar nach Steuern abgeschrieben.

Dass Shell als Abnehmer seines Geschäfts Lukoil wählte, könnte auch daran liegen, dass der Ölkonzern anders als Konkurrent Rosneft nicht im Staatsbesitz ist. Im März war Lukoil laut Financial Times  das erste Unternehmen des Landes, das den Krieg in der Ukraine öffentlich anprangerte und in einer Erklärung auf seiner Website  eine "rasche Beendigung des bewaffneten Konflikts" forderte. Der Oligarch Wagit Alekperow (71) leitete Lukoil bis zu diesem Zeitpunkt. Im April war er nach 30 Jahren an der Spitze zurückgetreten, nachdem westliche Sanktionen gegen ihn verhängt worden waren. Alekperow war in der Sowjetunion stellvertretender Ölminister und ist einer der Gründer von dem staatlichen Unternehmen "LangepasUrajKogalymneft", aus dem später Lukoil hervorging. Neuer Chef des Unternehmens ist Vadim Vorobyev (61), der seit 25 Jahren bei Lukoil arbeitet und bereits an der Spitze von sechs verschiedenen Unternehmen, unter anderem Norsi Oil OJSC, stand.

Wladimir Potanin sichert sich Rosbank

Doch auch alte Putin-Freunde profitieren kräftig von der Abwanderung der westlichen Unternehmen und nutzen diese, um weitere Reichtümer anzuhäufen. Dazu gehört der russische Oligarch Wladimir Potanin. Er erwarb über seine Holding Interros Capital die Bank Rosbank, die russische Tochtergesellschaft der französischen Großbank Société Générale (SocGen) sowie deren Versicherungsgeschäft für eine unbekannte Summe.

Potanin ist größter Anteilseigner des Nickelkonzerns Norilsk Nickel und besitzt laut dem Magazin Forbes ein Vermögen von rund 17,3 Milliarden Dollar. Sein Aufstieg begann im Außenhandelsministerium der früheren Sowjetunion. In Kanada und Großbritannien ist der Einundsechzigjährige mit Sanktionen  belegt worden, im Rest Europas und in den Vereinigten Staaten steht er dagegen nicht auf den Sanktionslisten. Für SocGen ist der Verkauf an Potanin ein Verlustgeschäft: Die Bank muss nach eigenen Angaben etwa zwei Milliarden Euro abschreiben.

Auch die Wirtschaftsprüfer ziehen sich zurück

Auch die vier größten Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen der Welt haben ihre Beziehungen zu Russland abgebrochen. Die großen Wirtschaftsprüfer agieren als globale Netzwerke aus örtlichen Firmen, die den dortigen Partnern gehören. In drei Fällen wurde die russische Einheit bereits umbenannt. PricewaterhouseCoopers LLP (PwC) teilte mit, dass der Nachfolger seiner russischen Niederlassung den Namen Technologies of Trust tragen wird. "Während es Jahre dauern kann, Vertrauen aufzubauen und einen tadellosen Ruf zu entwickeln, kann dieser über Nacht unterminiert werden", so Technologies of Trust. PwC gab keinen weiteren Kommentar ab.

Das frühere russische Unternehmen von Deloitte wird "Business Solutions and Technologies" heißen, wie aus einem am 18. Mai von einem der wichtigsten russischen Kunden, dem Mobilfunkbetreiber MTS, eingereichten Antrag hervorgeht. Die frühere russische Einheit von EY wurde laut ihrer Website unter dem Namen Audit Technologies and Solutions Center - Audit Services neu aufgelegt. KPMG erklärte im März, dass ihre 4.500 Partner und Mitarbeiter in Russland und Belarus das KPMG-Netzwerk verlassen werden. "Alle formalen Aspekte der Interaktion werden individuell mit jedem Kunden ausgearbeitet", hieß es am 7. März, ohne zu sagen, ob das Unternehmen unter russischer Führung neu starten würde.

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