Mariana Mazzucato Mehr Staat = mehr Innovation

Mariana Mazzucato bringt als neuer Star in der ökonomischen Debatte ihre Botschaft nach Deutschland. Die Innovationsexpertin stellt sich gegen Silicon-Valley-Apostel wie Peter Thiel. Ihre These: Nur der Staat sichert wirtschaftlichen Fortschritt, Konzerne wie Apple profitieren lediglich von staatlichen Innovationen.
Ökonomin Mazzucato: "Jede einzelne Technik, die das iPhone zum Smartphone macht, wurde vom Staat finanziert"

Ökonomin Mazzucato: "Jede einzelne Technik, die das iPhone zum Smartphone macht, wurde vom Staat finanziert"

Foto: Mariana Mazzucato

Hamburg - Ob Merkel wohl zuhören wird? An diesem Wochenende, zum Jubiläum des Mauerfalls, tritt die Bundeskanzlerin auf einer Konferenz namens "Falling Walls" über "zukünftige Durchbrüche in Wirtschaft und Gesellschaft" auf. Wie es der alphabetische Zufall will, steht ihr Porträt auf der Rednerliste neben dem von Mariana Mazzucato, die sich für den Anlass vorgenommen hat , mit "Mythen und Irrsinn der Euro-Zone" aufzuräumen.

Öffentliche Gewissheiten ins Wanken zu bringen, ist die Spezialität der Ökonomin von der englischen Universität Sussex. Tags darauf stellt Mazzucato in Berlin ihr nun auf Deutsch erschienenes Buch "Das Kapital des Staats" vor, das sie in der internationalen Ökonomenzunft bereits noch schneller zum Star gemacht hat als Thomas Piketty, den Erklärer der wachsenden Ungleichheit.

Im Netz wird besonders eine Grafik geteilt, die zeigen soll, dass "alles, was das iPhone zu einem Smartphone und nicht einem dummen Telefon macht" - ob Touchscreen oder Sprachassistentin Siri - mit staatlichen Mitteln entwickelt wurde, und nicht bloß als Nebenprodukte der militärischen Forschung, was ja in Bezug auf das Internet weithin bekannt ist.

Ausgerechnet Apple , jüngst in einer Managerumfrage zum innovativsten Unternehmen der Welt gekürt, ein bloßer Subventionsempfänger?

Das erinnert an "You did not build that", die Entgegnung von US-Präsident Barack Obama an Unternehmer, die ihren Wohlstand nicht durch höhere Steuern teilen wollen. Ausdrücklich wendet sich Mazzucato, deren Fachgebiet die Erforschung von Innovationsprozessen ist, gegen libertäre "Ideologen" wie Peter Thiel, die aus ihrer Sicht aus falschen Annahmen über die Errungenschaften des freien Unternehmertums das Recht zur privaten Einnahme von dessen Erträgen ableiten.

Warum sollen die Steuerzahler zweimal bezahlen?

"Der Staat hat Märkte aktiv geformt und erschaffen", erklärt Mazzucato im Interview für das "Institute for New Economic Thinking" . Doch diese provokante These zu diskutieren, langweile sie schon. Es sei schlicht "eine historische Tatsache". Der Staat sei der ultimative Risikokapitalgeber, der allein die Mittel habe, um umwälzende Techniken auf den Weg zu bringen, auch wenn die meisten dieser Versuche scheitern: "Für jedes Internet gibt es zehn Concordes." Die seit den 70er Jahren gewährten Steuerrabatte für privates Risikokapital hätten dagegen keine messbaren Erfolge gebracht.

Spannender sei die Frage, warum die Risiken vergesellschaftet, die Erträge aber wie in den Fällen Apple oder Google  privatisiert würden, verstärkt durch die Steuervermeidung dieser Konzerne. Der Staat müsse sich seinen Anteil an den Gewinnen sichern.

Oft habe er dazu bereits die Werkzeuge, nutze sie aber nicht. Beispielsweise hätten die USA 2013 die Option gehabt, ihre Garantie für einen 500-Millionen-Dollar-Kredit zur Anschubfinanzierung des Elektroautobauers Tesla  in zu diesem Zeitpunkt bereits um ein Vielfaches wertvollere Aktien umzuwandeln. Gegenüber Pharmakonzernen, die aus öffentlicher Forschung hervorgegangene Patente nutzen, gebe es in Amerika per Gesetz die Möglichkeit, beim Preis der Arzneimittel mitzureden. Diese Garantie dagegen, dass Steuerzahler ein zweites Mal als Patienten für die Forschung bezahlen, blieb bislang ungenutzt.

Deutsche Förderbank KfW als leuchtendes Vorbild

Für Mazzucato ist dies nicht bloß eine Frage der Gerechtigkeit. Vielmehr sorge sie sich, dass angesichts der gekürzten öffentlichen Haushalte die nächsten Innovationsrunden auf der Strecke blieben. "Die Profite aus Internet und Biotechnologie könnten heute Investitionen in grüne Technik finanzieren."

In dieser Hinsicht hat die Ökonomin außer Kritik für die Europapolitik auch Lob an Merkel im Gepäck.

Die bundeseigeneFörderbank KfW zählt Mazzucato neben den Kollegen von der Europäischen Investitionsbank und den entsprechenden Instituten in Brasilien und China zu den leuchtenden Beispielen für kommende Innovation. "Diese vier Banken allein investieren achtmal so viel in grüne Technik wie der komplette private Sektor."

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