Manager in Zeiten des Klimawandels Habt Mut und sagt, was Sache ist!

Von Michaela Bürger
Von Michaela Bürger
Eisberg auf dem Meer: Wenn Klima und Umwelt bedroht sind, ist der Staat gefordert

Eisberg auf dem Meer: Wenn Klima und Umwelt bedroht sind, ist der Staat gefordert

Foto: Felipe Dana/ AP/ DPA

2019 war das Jahr des Klimawandels. Es wurde aufgerüttelt, diskutiert und das Thema globale Erwärmung auf die weltweite Tagesordnung gesetzt. 2020 sollte das Jahr des Handelns werden - aber mit Verstand und Augenmaß. Nachdem die Wichtigkeit des Themas erkannt ist, muss die ökonomische Vernunft in die Klimadebatte zurückkehren.

Der Streit zwischen der europäischen Umweltpolitik und entscheidenden Wirtschaftszweigen wie etwa der Autoindustrie oder der Landwirtschaft dauert schon viel länger als die in den vergangenen Jahren stark ins öffentliche Bewusstsein getretene Klimaschutzdebatte. Schon 2007 warf die EU-Kommission der deutschen Autoindustrie öffentlich vor, kein Interesse an Veränderungen zu zeigen. Die Autobauer hatten zuvor gewarnt, die von Brüssel geplanten verbindlichen Umweltauflagen führten zwingend zu einem Wettbewerbsnachteil im internationalen Vergleich und damit zum Verlust von Arbeitsplätzen und zur Auslagerung von Arbeitsstätten ins EU-externe Ausland.

Michaela Bürger

Michaela Bürger ist Inhaberin der gleichnamigen Unternehmensberatung  und Expertin für Visions-, Strategie-, Struktur- und Führungsfragen in einer digitalen Welt. Mit ihrem Team unterstützt sie sowohl Konzerne wie auch inhabergeführte Mittelständler. Zudem ist sie als Rednerin und Autorin tätig.

Zu einseitige Diskussion

Dass Wirtschaft und Produktion weltweit ökologischer werden müssen, ist unbestritten. Doch es ist längst noch nicht ausgemacht, welche Produkte und Technologien tatsächlich nachhaltig sind. So erzeugt die Herstellung eines Elektroautos deutlich mehr CO2 als die Produktion eines gleichwertigen Fahrzeugs mit Verbrennungsmotor. Durch einen Umstieg auf Elektromobilität entstünden zudem zahlreiche neue Probleme, die in der aktuellen Diskussion nicht ausreichend berücksichtigt werden: instabile Stromnetze durch den steigenden Energieverbrauch, Rohstoffknappheit bei seltenen Erden, fehlende Recyclingkapazitäten für Batterien etc.

Keine Frage: Wenn Klima und Umwelt bedroht sind, ist der Staat gefordert. Die Frage ist jedoch, auf welche Weise er am sinnvollsten eingreifen sollte und wie die Wirtschaft und die verantwortlichen Manager mit den daraus folgenden Regulierungsmaßnahmen umgehen sollen.

Der EU-Gipfel im Dezember 2019 in Brüssel hat bereits einen Vorgeschmack darauf gegeben, welche Eingriffe auf die Wirtschaft zukommen dürften. Fest steht aber auch, dass die von der EU angepeilten Klimaschutzverordnungen zum Teil an der Realität vorbeigehen. Dies liegt zum einen an der mangelnden Sachkenntnis der Entscheider, zum anderen an einem unzureichenden Austausch zwischen Politikern und kompetenten sowie vor allem neutralen Experten.

Zu viel Lobby, zu wenig Sachverstand

Die Meinungsbildung in der Klimaschutzdebatte (und durchaus auch bei anderen Themen wie Migration, Ernährung, gesunder Lebensweise, Impfen etc.) leidet unter einem Vertrauensverlust in den Wert wissenschaftlicher Aussagen und Studien. Zu viele Wissenschaftler sind nicht unabhängig, zu viele Studien sind interessengeleitet und werden von der einen oder anderen Lobby finanziert. Auch die journalistische Berichterstattung wird von vielen Menschen als nicht mehr neutral, sondern als weltanschaulich und politisch gelenkt wahrgenommen.

Wer will, findet immer einen passenden Zeitungsbericht oder eine wissenschaftliche Studie, um die Richtigkeit einer bestimmten Weltanschauung, die Berechtigung der eigenen Interessen oder den vermeintlichen Irrweg der Gegenseite zu illustrieren. Das erleichtert das bequeme Verharren in der eigenen Filterblase, trägt aber nicht zu einer fundierten Meinungsbildung und damit auch nicht zu sinnvollen Problemlösungen oder zum Fortschritt bei.

Schluss mit der Zurückhaltung

Schluss mit der Zurückhaltung

Viele Führungskräfte sehen die Risiken, trauen sich jedoch nicht, sie offen an- oder auszusprechen - aus Sorge, Anteilseigner, Kapitalgeber oder die klimabewegte Öffentlichkeit könnten sie als Leugner des Klimawandels brandmarken. Doch diese Zurückhaltung ist grundlegend falsch. Zur Verantwortung einer Führungskraft gehört auch, zu den eigenen Überzeugungen zu stehen und sie nach außen zu vertreten - auch und gerade gegen Widerstände.

Die Voraussetzungen für das Entwickeln und Realisieren unternehmerischer Visionen sind Wissen und der offene, ehrliche Austausch unterschiedlicher Positionen. Deshalb sollte der Staat bei der Entscheidungsfindung zu bestimmten Sachthemen den Austausch mit Experten und Betroffenen suchen, zuhören und kritisch abwägen. Die Einschätzung darf nicht allein auf Basis des eigenen Nutzens zur Mobilisierung und Bindung der Wählerschaft erfolgen, sondern mit einem gesunden, ausgewogenen Menschenverstand zum Wohle der Sache. Nur so kann es einen sinnvollen Fortschritt geben, der die Interessen aller Beteiligten berücksichtigt - und damit gut für unsere ökologische und ökonomische Entwicklung ist.

Wir müssen die Folgen einer rein an ökologischen Prämissen ausgerichteten Wirtschaftspolitik klar aussprechen - um anschließend sachlich über den richtigen Weg zu diskutieren und ja, auch zu streiten. Weder die Politik noch die Wirtschaft sollte den Fehler begehen, sich kompromisslos auf eine Position zu versteifen. Auch wenn das derzeit überall in Mode zu kommen scheint. Die Folge wäre nämlich Stillstand. Und Stillstand bedeutet immer Rückschritt.

Kein Zurück in die Steinzeit

Die Autoindustrie, um bei diesem Beispiel zu bleiben, ist sich bewusst, dass sie vom technischen Fortschritt lebt, und pflegt dieses Image auch. Auf der diesjährigen Internationalen Automobilausstellung (IAA) hat BMW seine neuesten Strategien für die Zukunft vorgestellt und dabei den Klimaschutz als vorrangiges Ziel benannt. Audi wirbt seit Jahrzehnten mit dem Slogan "Vorsprung durch Technik". Und genau in dieser Vision liegt die Lösung: Wir werden den Anforderungen der neuen Zeit nicht gerecht, und wir werden auch die Klimaschutzziele nicht erreichen, wenn wir uns an der vorindustriellen Zeit orientieren. Das gelingt nur mit technischem Fortschritt sowie mit dem Augenmaß und dem Know-how der Führungskräfte und Entscheider, die wissen, was sie tun und auch klar sagen können, wieviel Zeit sie für diese komplette Transformation benötigen.

Wenn diese Offenheit in Bezug auf Umsetzungsmöglichkeiten und Zeitkorridore aufgrund von verklärten und mehr emotional als rational geführten Klimadebatten nicht mehr gegeben ist, schwächt der Staat die Wirtschaft - und trägt indirekt dazu bei, dass Unternehmen betrügen oder pleitegehen, weil selbst erfahrene und schlaue Köpfe keinen anderen Weg finden, unrealistische Vorgaben umzusetzen. Entweder überleben, tricksen und Arbeitsplätze sichern oder den Laden zusperren und sozialen Wohlstand verlieren. Beides kann nicht das Ziel von Politik sein und wäre fatal für uns alle.

Der Staat muss Ziele vorgeben, nicht den Weg dorthin

Der Staat muss Ziele vorgeben, nicht den Weg dorthin

Nach den Beschlüssen des Pariser Weltklimagipfels sollen CO2-Emissionen bei Produktionsprozessen in der Industrie ab 2050 komplett vermieden werden. Besonders für energieintensive Branchen wie die Papier- oder Zementindustrie, aber auch für die Energieversorger stellt dies eine immense Herausforderung dar. Gleichzeitig drängt der Markt in Richtung neuer Produkte, die den modernen hohen Klimastandards genügen sollen. Das stellt die Industrie vor die doppelte Herausforderung, neue klimafreundliche Produkte zu entwickeln und gleichzeitig die eigenen Produktionsprozesse komplett umzugestalten.

Der Staat ist nicht der Experte für die Entwicklung technologischer Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit. Dazu fehlt ihm die Sachkompetenz, was häufig zu inkonsequentem Handeln und Sprunghaftigkeit (wie etwa bei der Energiewende) führt und wenig zielführend ist. Deshalb sollten weder die einzelnen Staaten noch die EU das Elektroauto zum politischen Ziel erklären oder der Landwirtschaft vorschreiben, welche Methoden sie anzuwenden hat. Der Staat sollte lediglich klar formulieren, welche Grenzwerte Unternehmen künftig einhalten müssen - mit realistischen Übergangsfristen und klaren zeitlichen Vorgaben, die idealerweise in Absprachen mit den Beteiligten und sachkundigen Experten definiert wurden.

Wie genau und unter Nutzung welcher Technologien die Betriebe diese Vorgaben umsetzen, sollte die Politik jedoch den Unternehmen überlassen. Technologieoffenheit gibt nicht nur den Unternehmen Handlungsfreiheit, Wege und Methoden zu finden, die zum jeweiligen Betrieb passen und umsetzbar sind, sondern sie befördert auch den Wettbewerb. Nur diese Offenheit bahnt den Weg für zukunftsweisende Forschung.

Wenn Unternehmer ihr Kapital und ihre Leistung einbringen, möchten sie selbst entscheiden, in welche Richtung der Fortschritt gehen soll. Die von der EU geforderten Maßnahmen greifen tief in diese Entscheidungskompetenz ein und sind zudem mit hohen Kosten verbunden, insbesondere für die Automobilindustrie und die Landwirtschaft. Da ist es nur menschlich, dass Angst entsteht und Widerstände geweckt werden.

Diesen ist nicht mit Druck und Kampf zu begegnen, denn wer alle Energie darauf verwendet, gegen etwas anzukämpfen, kommt keinen Schritt voran. Stattdessen sind die Umweltansprüche, die die Politik und zunehmend auch die Gesellschaft an die Wirtschaft stellen, eine Chance für die Betriebe, zu wachsen, wenn man ihnen die Zeit gibt und Hysterie tunlichst vermeidet.

Die Menschen mitnehmen

Wir müssen die Menschen mitnehmen

Wenn wir von Führungskräften verlangen, die Klimaschutzanforderungen in komplexen, gewachsenen Ökosystemen von Unternehmen umzusetzen, braucht es eine neue visionäre Ausrichtung, die in verständliche und umsetzbare strategische Maßnahmen münden muss. Nur so lassen sich Sinn und Nutzen der Veränderungen allen Beteiligten vermitteln - und das wiederum ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, die nötige Motivation zu erzeugen und Strukturen für die Umsetzung zu schaffen.

In der Vergangenheit hat die deutsche Autoindustrie dies hervorragend gemeistert und ist nicht zuletzt deshalb heute führend in der Welt. Hoffen wir, dass wir uns diese Position nicht schon kaputt diskutiert haben. Stattdessen sollten wir uns gemeinsam für ihren Erhalt starkmachen. Forschung, Innovationen und ihre Umsetzung, Fleiß, Beharrlichkeit und Lösungsorientierung gehören zu den Stärken unserer Wirtschaft und unseres Landes. Diese müssen weiter gefördert und nicht kontinuierlich geschwächt werden, sonst laufen wir Gefahr, den Anschluss und unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.

Klimaschutz ist wichtig - aber Wohlstand und sozialer Frieden sind es auch. Vernünftige Kompromisse zwischen konträren Positionen finden zu können, zeichnet unsere Wirtschaft und unsere Demokratie seit Jahrzehnten aus. Ich wünsche mir, dass 2020 das Jahr wird, in dem wir uns daran erinnern, dass Ökologie und Ökonomie ein "Sowohl-als-auch" sind, kein "Entweder-oder". Und dass wir selbstbewusst, fortschrittlich und naturverbunden gemeinsam die Zukunft gestalten.

Michaela Bürger ist Beraterin für Führungskräfteentwicklung und Mitglied der MeinungsMachervon manager-magazin.de. Trotzdem gibt ihr Kommentar nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder.