LNG-Tanker Die weltweite Jagd nach Flüssigerdgas

Europa deckt sich verstärkt mit Flüssigerdgas aus den USA und den Golfstaaten ein. Für den Transport werden LNG-Tanker genutzt, die zuvor Länder wie Pakistan oder Bangladesch beliefert haben. Diese gehen bei der Energieversorgung nun oft leer aus.
Stark nachgefragte LNG-Tanker: Ärmere Länder haben mittlerweile oft das Nachsehen

Stark nachgefragte LNG-Tanker: Ärmere Länder haben mittlerweile oft das Nachsehen

Foto: Desmond Boylan/ REUTERS

Die Lage in Pakistan spitzt sich zu. Nicht selten ist das Land für mehrere Stunden pro Tag ohne Strom. Klimaanlagen und das Internet fallen dann aus, wichtige Industrien werden vom Netz genommen, Mitarbeiter von Unternehmen und Behörden sollen möglichst von zu Hause aus arbeiten. Ähnliche Berichte häufen sich auch aus Indien, Bangladesch und Myanmar. All diese Schwellenländer eint, dass sie bei ihrer Energieversorgung früh auf "Liquefied Natural Gas" (LNG) gesetzt haben.

Flüssigerdgas wird nun jedoch deutlich weniger in diese Regionen geliefert, da die dafür notwendigen Gastankschiffe weltweit stark nachgefragt werden. Das erhöht die Preise auf dem Spotmarkt, die ärmeren Länder können hier nicht mehr mithalten, bekommen deshalb kein Gas mehr, die teils massiven Probleme bei der Energieversorgung häufen sich.

Haupttreiber der verstärkten Nachfrage nach LNG sind die europäischen Länder. Der Import des Erdgases vor allem aus den USA und den Golfstaaten hat sich seit dem Beginn des russischen Kriegs gegen die Ukraine deutlich erhöht. So stiegen die USA in den ersten sechs Monaten 2022 laut U.S. Energy Information Administration zum größten LNG-Exporteur der Welt auf . Europa bekam in dieser Zeit mehr Erdgas aus den USA geliefert als im kompletten Jahr 2021.

Während viele Staaten in Europa also versuchen, ihre Gasbestände wegen der einbrechenden Lieferungen aus Russland über andere Wege aufzufüllen, gehen in vielen Schwellenländern im wahrsten Sinne des Wortes die Lichter aus. Offenbar passiert das sogar trotz bestehender Lieferverträge, zum Beispiel mit Katar. Wie die "South China Morning Post" kürzlich berichtete , wurden bereits einige für Pakistan bestimmte LNG-Lieferungen storniert. Hier sind Verlader mittlerweile sogar bereit, entsprechende Vertragsstrafen zu zahlen, um Ladungen für deutlich höhere Preise nach Europa umzuleiten, berichteten Analysten jüngst der Nachrichtenagentur Reuters.

Keine guten Aussichten also für ein sich in einer Wirtschaftskrise befindendes Land wie Pakistan, das bereits vor ein einigen Jahren in LNG-Terminals investiert und auf den Transport des Gases per Tanker gesetzt hatte. Das Land mit rund 220 Millionen Einwohnern wird es künftig wohl noch schwerer haben, seinen Energiebedarf auf diesem Wege zu decken, denn die Nachfrage nach dem teuren LNG dürfte im europäischen Winter weiter ansteigen.

2023 steigt auch Deutschland mit LNG-Terminals in den hochpreisigen Wettlauf um Gastanker ein

Gehörten bislang Italien, Frankreich, Spanien und die Türkei zu den wichtigsten LNG-Importländern Europas, wird die Nachfrage 2023 auch aus Deutschland deutlich zunehmen. Ab dem kommenden Winter sollen hier zumindest die ersten beiden von insgesamt fünf geplanten LNG-Terminals an verschiedenen Standorten in Norddeutschland in Betrieb gehen.

Die Folgen der weltweit steigenden Nachfrage nach Erdgas sind für die ärmeren Länder gravierend – und könnten am Ende nicht nur die globale Klimaschutzpolitik, sondern auch die vom Westen gegen Russland verhängten Sanktionen torpedieren: So führt Pakistan derzeit zur Sicherstellung seiner Energieversorgung vermehrt Kohle aus Afghanistan ein, während sich Indien zur Vermeidung weiterer Blackouts bereits direkt an den Kreml gewandt hat.

Henning Gloystein, Direktor für Energie und Klima bei der Eurasia Group , fasst die derzeitige Lage auf dem LNG-Weltmarkt so zusammen: "Die wirklich brutale und harte Realität ist, dass Europa große Teile der Schwellenländer auspreist. Langfristig ist das nicht tragbar." Bereits jetzt verhandeln einige der betroffenen Länder mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) um finanzielle Hilfen – anders scheint unter den aktuellen Umständen eine flächendeckende Energieversorgung nicht mehr möglich zu sein.

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