Nach dem Shanghai-Lockdown Warum der Dauerstress für die Lieferketten nicht vorbei ist

Rund drei Prozent des globalen Containerverkehrs staut sich vor Shanghais Hafenanlagen. Nun endet der zweimonatige Lockdown in der Metropole. Doch das bedeutet nicht, dass sich die Versorgungsengpässe in der Industrie schnell auflösen.
Warten auf Abfertigung: Tiefwasserhafen Yangshan im Süden von Shanghai

Warten auf Abfertigung: Tiefwasserhafen Yangshan im Süden von Shanghai

Foto: Xu Haixin/Imaginechina via ZUMA Press/dpa

Auf diesen Tag haben die Menschen in Shanghai lange gewartet. An diesem Mittwoch endet der Lockdown mit den strengen Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus – nach zwei langen Monaten. Das Leben in der 25-Millionen-Einwohner-Stadt soll wieder beginnen, mit geöffneten Geschäften, Schulen und Fabriken, kündigte Shanghais stellvertretender Bürgermeister Zong Ming an .

Es ist eine Nachricht, die nicht nur die Einwohnerinnen und Einwohner der chinesischen Wirtschaftsmetropole erleichtert aufnehmen, sondern auch viele Unternehmen weltweit. Shanghai ist nicht nur wichtige Drehscheibe, um den chinesischen Markt zu bedienen, etwa für die internationalen Autohersteller und ihre Zulieferer. Shanghai betreibt auch den größten Hafen der Welt, sowohl beim Güter- als auch beim Containerumschlag. Wenn es hier stockt, dann können die Auswirkungen gewaltig werden. Und so war es durch den langen Lockdown zuletzt immer wieder zu Verzögerungen und Ausfällen in den sowieso schon angespannten globalen Lieferketten gekommen.

Doch die Probleme werden sich wohl nicht so schnell wieder auflösen. Die Versorgungsengpässe, unter denen nach einer aktuellen ifo-Umfrage im Mai 77 Prozent aller deutschen Unternehmen litten, werden zunächst bestehen bleiben. So bleibt die logistische Lage rund um den Hafen Schanghai weiterhin angespannt – rund drei Prozent der weltweiten Containerfrachtkapazität stauen sich laut dem Bundeswirtschaftsministerium in diesen Tagen vor den Hafenanlagen. Ein nach wie vor gigantischer Stau auf See.

"Alle Schiffe, die Container transportieren können, sind im Einsatz"

Insbesondere die Logistik auf der Landseite muss anlaufen, der Zulauf von Waren zum Hafen stockt teilweise deutlich. Derzeit warten laut Angaben des Verbandes Deutscher Reeder (VDR) noch mehr als 100 Schiffe vor Shanghai auf ihre Abfertigung. Die Wartezeiten auf einen Liegeplatz haben sich bereits deutlich reduziert, aber bis zum gewohnten Tempo wird es noch dauern.

"Wir sehen im Containerhafen von Shanghai erste Zeichen der Entspannung", sagt Martin Kröger, Hauptgeschäftsführer des VDR. Bis das auch in Europa zu spüren sei, werde es aber noch einige Zeit dauern. "Derzeit sind alle Schiffe, die Container transportieren können, im Einsatz."

Die deutschen Unternehmen warten dringend auf die Lieferungen, vor allem in der Industrie. Im Mai waren laut des Münchener ifo-Instituts 91,5 Prozent der deutschen Maschinenbauer von Engpässen betroffen, dicht gefolgt von der Elektrotechnik- und Automobilbranche. Jedes zweite Unternehmen gab an, die Lockdowns in China hätten die Lage weiter verschlechtert.

Reeder-Manager Kröger warnt nun vor allzu großen Hoffnungen auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität. "Die Reedereien tun alles in ihrer Macht Stehende, um die durch die Wiederöffnung der Produktion in China erwarteten Ladungsmengen zu transportieren", sagt er: "Doch wenn Häfen verstopft und Container schon im Produktionsland viel länger unterwegs sind, dann sind die Reedereien letztlich auch machtlos."

Hanja Maria Richter, Expertin bei der Reederei Hapag Lloyd für das Flottenmanagement, schildert die Situation aus ihrer Erfahrung: "Das Problem liegt ja nicht nur bei den Schiffen und dem Hafen, vielmehr spielt die Gesamtsituation in der Region Shanghai eine Rolle", sagt sie. "Firmen konnten nicht produzieren, teilweise haben wir nur die Hälfte der üblichen Ladung an die Schiffe geliefert bekommen."

Ein Problem: In Shanghai fehlten die Lkw-Fahrer, die in ihrem jeweiligen Wohnbezirk ein Ausgehverbot hatten. Davon ist nicht nur der Hafen, sondern auch der gesamte Hinterlandverkehr betroffen. Die Anbindung an Lager- und Produktionsstätten ist unterbrochen. "Oft haben wir für unsere Kunden deshalb noch andere Häfen wie den in Ningbo angesteuert, damit diese ihre Waren überhaupt bekommen", sagt Richter über den Einsatz der Reederei Hapag-Lloyd, von deren weit über 150 Liniendiensten etwa ein Viertel über Shanghai fahren.

Deutlich längere Wartezeiten in Rotterdam, Antwerpen und Hamburg

Aktuell sieht Richter die Lage jedoch optimistisch: "Der Hafen in Shanghai selbst hat die ganze Zeit über eigentlich gut funktioniert. Derzeit sehen wir hier auch nur Verspätungen von 24 bis 48 Stunden, das ist nicht viel." Die Grundproblematik liege vielmehr in der weltweiten Störung der Lieferketten. Auch das sei eine Folge von zwei Jahren Covid-Pandemie. "Viele Häfen in der Welt waren lange dicht. Auch wirken immer noch die Probleme im Suez-Kanal nach. Und nun kommen natürlich auch die Folgen des Ukraine-Kriegs dazu", so Richter. In Summe führe das alles zu starken Verzögerungen. "In Rotterdam, in Antwerpen oder auch in Hamburg warten unsere Schiffe mittlerweile zum Teil sogar deutlich länger als in Shanghai."

Diese Entwicklung könnte sich durch den Rückstau der Frachter vor Shanghai laut Reederverband noch länger hinziehen. "Wann sich die Lage normalisiert, ist derzeit schwer vorherzusagen", sagt Hauptgeschäftsführer Kröger, "es hängt maßgeblich davon ab, ob im Laufe der kommenden Monate weitere Häfen schließen oder sich Produktionen von Gütern in Asien erneut verlangsamen."

Möglich ist das durchaus. Denn die hochansteckende Omikron-Variante könnte auch in Shanghai oder anderen Teilen Chinas nach der erfolgreichen Eindämmung schon bald wieder aufflammen. Für die weltweiten Lieferketten wäre das ein weiterer herber Rückschlag.

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